Berlin Ruth Moschner: Dickpics von Männern, Morddrohungen von Frauen
Fast 400.000 Menschen folgen Ruth Moschner auf Instagram. Die meisten sind freundlich – aber die Moderatorin kriegt auch Hassnachrichten. Im Kampf dagegen kann sie Erfolge vorweisen.
Bei Sat.1 feiert Ruth Moschner gerade die Kultshow-Wochen. Im Interview erzählt sie, welche Sendungen sie in ihrer Kindheit selbst am liebsten geguckt hat und wie ihre ersten eigenen Schritte im Fernsehen waren – als Kinderdarstellerin bei „Aktenzeichen XY“. Außerdem spricht sie über ihren Kampf gegen Hassrede im Netz und erklärt, welche Erfolge sie dabei schon verbuchen kann.
Frage: Frau Moschner, Sie tragen den Vornamen Ihrer Großmutter und haben mal gesagt: Das hat Ihnen das Gefühl gegeben, wie sie Schauspielerin werden zu müssen. War das ein Wunsch Ihrer Eltern?
Antwort: Kennen Sie Eltern, die sich wünschen, dass ihr Kind Schauspielerin wird? Als Kind mochte ich meinen Namen nicht, weil er so selten war und er sich nicht verniedlichen ließ. Aus Sabine wird Biene, aus Andrea Andy, Cordula wird Conny, und Ruth, meine Freunde nennen mich Ruthi oder Ruthchen. Bis heute übrigens. Und die Mutter meiner Patentochter sagt immer Ruthi-Puti. Meine große Schwester fand es als Kind immer komisch, dass ich den Namen einer Toten tragen muss. Heute weiß ich ihn zu schätzen: Er macht meine jüdischen Wurzeln sichtbar und erinnert an traurige Schicksale, aber auch an Mut und Kraft. Dann gibt es im Alten Testament das Buch Ruth, was ebenfalls die Geschichte einer guten Frau erzählt, die treu und loyal ist. Letztendlich war die biblische Ruth die erste Migrantin, deren Leben schriftlich festgehalten wurde.
Frage: Und eins der traurigen Schicksale ist das Ihrer Großmutter?
Antwort: Richtig. Sie hatte es an das berühmte Max-Reinhardt-Seminar in Wien geschafft, das damals nur zwei Schauspielschüler pro Jahr aufgenommen hat. Sie muss sehr begabt gewesen sein, hat sogar vom legendären Otto Falckenberg in München ein Empfehlungsschreiben erhalten, durfte jedoch nie als Schauspielerin arbeiten, während des Holocausts war es unmöglich für sie, eine Arbeitserlaubnis für ein Theater zu bekommen. Rassengesetze … furchtbar. Sie konnte sich verstecken, ist aber kurz nach dem Zweiten Weltkrieg nach einer Blinddarm-Operation verstorben.
Frage: Ich hatte auch deshalb nach einem möglichen Elternwunsch hinter Ihrer Karriere gefragt, weil Sie schon so früh gedreht haben. Als Vierjährige waren Sie bei „Aktenzeichen XY“ - und mit zehn Jahren dann noch mal.
Antwort: Stimmt, ich war als Kind in einer Schauspielagentur – wieso weiß ich selbst nicht mehr.
Frage: Wurden Ihre „Aktenzeichen“-Fälle aufgeklärt?
Antwort: Soweit ich weiß, nicht. Vor zwei Jahren habe ich in eine „Cold Cases“-Ausgabe gezappt, die alte Fälle noch einmal aufgegriffen hat. Ich bin ausgerechnet in den alten Fall der zehnjährigen Martina geraten, die ich gespielt hatte. Sie ist ermordet worden und der Täter wurde noch nicht überführt.
Frage: Kamen Erinnerungen an Ihre ersten Kameraerfahrungen hoch?
Antwort: Ich war ein schüchternes Kind und hatte großen Respekt vor den Erwachsenen – die aber am Set alle ganz entzückend waren. Natürlich war alles genau geregelt; sowohl für mein Ballettstudium als auch fürs Drehen brauchte ich eine Einverständniserklärung der Erziehungsberechtigten, der Schule, des Arztes und des Jugendamtes. Die Auflagen waren sehr streng.
Frage: 2004 haben sie gemeinsam mit Gaby Köster und Oliver Welke …
Antwort: Ich weiß schon, was jetzt kommt.
Frage: … den heute gar nicht mehr existierenden „Preis der beleidigten Zuschauer“ gewonnen – für die „im Fernsehen üblich gewordenen schlechten Umgangsformen“.
Antwort: Das werde ich von jedem Interviewer gefragt, der vorher einen Blick in Wikipedia geworfen hat. Damals ging es um einen Gag über Uschi Glas und ihre Hautcreme – den nicht mal ich gemacht hatte, sondern mein „Freitag Nacht News“-Kollege Henry Gründler. Den Negativpreis hatte sich damals ein Kritiker ausgedacht, der einfach nur PR haben wollte. Der Preis hat sich nicht durchgesetzt, aber ich werde bis heute darauf angesprochen. Die negativen Dinge sind wohl einfach die Spannenderen für die Journaille.
Frage: Eine Person, deren Umgangsformen immer mies waren, ist plötzlich wieder da: Dieter Bohlen. Und wieder macht er bei DSDS sexistischen Witze. Wieso lässt man ihm das durchgehen?
Antwort: Das weiß ich nicht, ich habe die diskutierte Sequenz aber auch nicht gesehen. Und vor allem bin ich nicht die Programmdirektorin. Beim „Supertalent“ habe ich selbst mit Dieter gearbeitet; ich bin gut mit ihm ausgekommen, wir haben viel hinter den Kulissen gelacht und vor allem konnte er damals auch über sich selbst lachen. Aber klar: Dieter Bohlen stellt im Fernsehen etwas dar. Man muss das nicht mögen, man kann es auch abfeiern. Ich habe das nicht zu entscheiden.
Frage: Von „Pilcher“ bis zur Spielshow decken Sie eine ziemlich große Bandbreite ab. Welche Angebote lehnen Sie ab?
Antwort: Ich lehne viel ab, mache aber auch alles, was mich reizt. Meinen Auftritt bei „Rosamunde Pilcher“ fand ich großartig. Das wollte ich unbedingt in meinem Lebenslauf haben. Allein, da in Cornwall zu sein. Das ist besser als Disneyland. Ich habe gepilchert. Das wollte ich immer schon sagen können.
Frage: Was war Ihre Rolle?
Antwort: Ich war eine Orthopädin, die wahnsinnig viel abgenommen hat, zwei Brüder wiedertrifft, die sie in ihrer Teenagerzeit gehänselt hatten und wegen des drastischen Gewichtsverlusts nicht erkannt wird. Uschi Glas war übrigens unsere Mutter. Da schließt sich der Kreis! Es hat sehr viel Spaß gemacht; ich habe sogar gesungen.
Frage: Bei Instagram habe ich gelesen, dass Sie in Wahrheit zwar keine Orthopädin sind, aber ganzheitliche Gesundheitsberaterin.
Antwort: Stimmt. Das ist mein zweites Steckenpferd. Als Kind wollte ich Schauspielerin oder Chirurgin werden. Dafür hat nach dem Abi aber das Geld nicht gereicht; stattdessen habe ich mir später diese Ausbildung selbst geleistet – zweieinhalb Jahre Fernstudium neben dem Job. Es ist unfassbar viel Lernerei; ich kann das keinem empfehlen. Und jetzt habe ich mein Jodeldiplom.
Frage: Ganzheitliche Gesundheit klingt ein bisschen so, als würde man später den Reichstag stürmen oder sich für das Schattenkabinett eines Großneffen von Wilhelm II. aufstellen lassen.
Antwort: Wenn Sie mögen, tanze ich Ihnen die bio-chemischen Formeln aber auch gerne vor. Eventuell stimmt aber auch das Gegenteil, denn der Zusammenhang zwischen mentaler und körperlicher Gesundheit wird von Laien oftmals unterschätzt. Die Wissenschaft weiß aber zum Glück, wie wichtig es ist.
Frage: Bei Instagram haben Sie vor der Bundestagswahl einen Traum preisgegeben, in dem Sie den Sieg von Olaf Scholz vorhergesagt haben …
Antwort: … und seitdem warte ich, dass ich die Lottozahlen träume. Bei der Bundestagswahl standen die Chancen allerdings nur eins zu drei. Womöglich hatte ich auch es erst nach Laschets Kichern bei den Flutopfern geträumt; ab da war es leicht.
Frage: ZDF-Zuschauer sind im Schnitt 65 Jahre alt, die im Ersten 64. Bei Sat.1, wo Sie jetzt „Jeopardy!“ übernehmen, sind es nur 54 Jahre. Was macht den Sender so frisch und jugendlich?
Antwort: Ich glaube, das hat mit der Familienunterhaltung zu tun. Die Leute schicken mir oft Fotos, auf denen sie meine Sendungen mit ihren Kindern gucken: hinten die Mutter, davor das Baby. Und sie beschreiben mir das fröhliche Glucksen des Kindes. So muss Fernsehen sein: Zusammengucken, sich verabreden, miteinander diskutieren. Das kann das Fernsehen besser als die angeblich sozialen Medien. Viele kommunizieren nur noch per Whatsapp-Sprachnachricht. Es gibt keine Interaktion mehr. Nur Monologe.
Frage: Und das hören Sie sich an? Anderthalbminütige Monologe?
Antwort: Anderthalb? Sie sind ja süß. Wahrscheinlich haben Sie nur männliche Freunde. Ich kriege Fünf-Minuten-Monologe. Ich finde es sogar schön. Zu christlichen Zeiten bin ich nie erreichbar; und auf diese Weise kann ich mir dann im Zug ein Update von meinen Freundinnen holen. Aber wenn es mehr als fünf Minuten sind, schlage ich doch vor, dass wir uns mal zum Essen treffen.
Frage: Auf Instagram haben Sie fast 400.000 Follower. Nutzen Sie das gar nicht für Werbung?
Antwort: In den seltensten Fällen. Ich bekomme natürlich viele Anfragen; aber auch hier gilt: Ich mache nur, was ich mag. Wenn ich eine Klamottenmarke bewerbe, frage ich nach, ob Kinderarbeit oder tonnenweise Plastikmüll im Spiel sind. Es muss aber nicht fair oder öko sein. Ich bin nicht päpstlicher als der Papst, dennoch gibt es einen Unterschied, ob man als öffentliche Person für Mist werben möchte, um sich die Taschen vollzumachen, oder wirklich hinter den Dingen steht und sie auch vertreten kann.
Frage: Können Sie beziffern, wie viel Geld Sie wegschmeißen – nur weil sie keine Selfies mit einer Ultraschall-Zahnbürste posten wollen?
Antwort: Moment, so ne Elektro-Zahnbürste würde ich durchaus bewerben, da gibt‘s echt gute Modelle! Im Laufe meiner Karriere käme da schon eine ganz schön hohe Summe zusammen. Ich nage aber auch so nicht am Hungertuch. Jeder soll machen, was er will – und dazu gehört natürlich auch Geld verdienen. Was ich aber schon schräg finde: Warum muss unsere Nationalmannschaft für Nutella werben? Auch die Fußballer könnten es sich leisten, sich zu verweigern oder wenigstens das Konzept zu ändern. Es wäre in Ordnung, Nutella als Süßigkeit zu verkaufen. Das ist es nämlich. Ein ausgewogenes Frühstück für Profi-Sportler ist es nicht.
Frage: Haben Sie Lust, noch über Hatespeech und Dickpics zu sprechen? Oder sind Sie einmal zu oft dazu befragt worden?
Antwort: Gern – wir sind mit dem Thema noch lange nicht durch und brauchen dringend eine neue Rechtsprechung, was digitale Strafverfolgung angeht. Unsere Gesetze sind nicht dafür gemacht, digitale Verbrechen aufzuklären und zu ahnden. Ich arbeite aktuell mit der Organisation HateAid zusammen, die machen das toll. Es ist aber dennoch wahnsinnig mühsam. Jedes Küchengerät durchläuft mehr Kontrollen als Instagram und Facebook, die voller Gefahren stecken. Mobbing, Pädophilie: Das Internet ist ein Paradies für Verbrecher.
Frage: Was sind das für Taten, bei denen Sie Erfolg hatten?
Antwort: Bei einem Täter haben meine Anwältin und ich schon ein Urteil erreicht. Er musste eine Geldstrafe von 1.200 Euro zahlen. Ein zweites Verfahren, bei welchem ich jetzt mit einem Anwalt von HateAid unterstützt werde, läuft noch; die Daten des Täters wurden von der Kanzlei bereits ermittelt. Anwaltsschreiben und einstweilige Verfügung sind raus.
Frage: Das macht doch Mut.
Antwort: Sich zu wehren ist möglich, aber natürlich kann ich mir nicht täglich all diese Hassnachrichten ansehen. Ich habe es schon über viele Wege versucht: über die Polizei, direkt über die Staatsanwaltschaft, über einen Zivilrechtler, über eine Strafrechtlerin. Das eine kostet viel Geld, das andere viel Nerven – und alles viel Zeit. Was wir brauchen, sind Gesetze, die unserem Zeitalter entsprechen.
Frage: Was haben die Täter in Ihrem Fall denn gemacht? Nacktfotos geschickt? Sie beleidigt oder bedroht?
Antwort: Die juristische Bezeichnung kann ich Ihnen gar nicht sagen. Im Zweifel waren es Beleidigungen, Nachstellen und Belästigungen.
Frage: Erfahren Sie wer die Leute sind? Sind das ganz normale Männer?
Antwort: Wie stellen Sie sich denn Triebtäter vor? Die sexuellen Angriffe kommen meistens von Männern, die Hassnachrichten von Frauen. Ich glaube, das Internet bringt die schlechten Seiten von vielen Menschen hervor, egal, wer sie sind und wie sie aussehen – weil die Anonymität schützt und weil es hier so einfach ist, Macht auszuüben. Männer sexualisieren, Frauen hassen. Zumindest bei mir ist das so. Die Morddrohungen kriege ich eher von Frauen.
Frage: Warum wollen die Sie umbringen?
Antwort: Bei solchen Drohungen geht es ja nicht um mich, beziehungsweise um eine rationale nachvollziehbare Begründung. Da geht’s nur um den Hass, der raus muss. Die Absenderin hat ein Problem, eine Störung und projiziert das dann auf jemand Fremdes im TV. In dem Fall halt mich. Wenn ich ein Dickpic geschickt bekomme oder einen anstößigen Text – dann darf ich die Verantwortung nicht bei mir suchen. Der Rock hat noch niemanden vergewaltigt. Das ist immer der Vergewaltiger.
Frage: Offen gesagt, hätte ich gedacht, dass fast alle Hassnachrichten von Männern kommen.
Antwort: Willkommen in der Realität. Auch Frauen haben manchmal böse Gedanken. Damit wir jetzt aber beide nicht mit trüben Gedanken auseinandergehen, möchte ich zum Abschluss sagen, dass grundsätzlich das Gute überwiegt. Ich finde es wichtig, auch mal die Schattenseiten zu thematisieren, denn natürlich ist nicht immer alles rosig. 98 Prozent sind einfach herrlich! Und das ist jetzt kein geschönter Nutella-Spot. Ich weiß mein Glück sehr zu schätzen und habe unzählige traumhafte Momente, dank meines Jobs und dafür bin ich jeden Tag dankbar.