Osnabrück Gabriele Münter: Malerin der Frau, die sich selbst entdeckt
Sie war mehr als die Gefährtin von Wassily Kandinsky: Die Malerin Gabriele Münter hat im Hamburger Bucerius Kunst Forum ihren großen Auftritt mit 80 Bildern von Menschen.
Der glamouröse Auftritt, er gebührt einer Frau: Der Blumenhut, die lang fallende Stola, der selbstbewusste Blick über die Schulter – Gabriele Münter malt ihre Künstlerkollegin Marianne von Werefkin nicht einfach als blasierte Grande Dame, sondern als Frau, die weiß, was sie will.
Die Malerin verleiht ihrem Charakter nicht nur mit dem intensiven Blick Profil. Münter lässt mit der violetten Stola und dem Kleid im eisigen Weiß auch Heiß und Kalt unvermittelt aufeinanderprallen. Die expressiven Farbkontraste sind mehr als künstlerisches Manifest. Sie modellieren mit dem Charakter der Freundin auch ein Anliegen heraus – jenes der Künstlerin, die neben ihren männlichen Kollegen der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“ etwas gelten will.
Kathrin Baumstark, Leiterin des Hamburger Bucerius Kunst Forums, versteht ihre Schau mit rund 80 Menschenbildnissen der Malerin Gabriele Münter (1877-1962) als selbstbewusste Rehabilitation. Lange genug war die Künstlerin als Gefährtin Wassily Kandinskys in die zweite Reihe der Kunstgeschichte wegrubriziert oder als Stifterin ihrer Kunstsammlung an das Münchener Lenbachhaus auf die zwar sympathische, aber letztlich harmlose Wohltäterin reduziert. In Hamburg soll es eine neue Lesart sein.
Das Anliegen dieser Präsentation überzeugt, ihr Ertrag nicht immer. Sicher, Gabriele Münter darf in Hamburg endlich nur sie selbst sein. Ihre Bilder brauchen die Assistenz ihres auch als Bauhaus-Meister berühmten Gefährten Kandinsky nicht, um nachhaltig zu wirken.
Das ist ein Schritt. In der Pariser Fondation Louis Vuitton wird gerade demonstriert, wie es traurig anders gehen kann. Dort wird die Expressionistin Joan Mitchell unter dem Titel „Monet Mitchell“ auf die Nachfolgerin des Impressionisten Claude Monet reduziert. Ein Fauxpas, der zu Recht bissige Reaktionen in der Kunstwelt auslöst.
Im Hamburger Bucerius Forum darf Gabriele Münter allein sprechen. Und sie hat etwas zu sagen. Rund 80 Porträts zeichnen das Bild einer menschlichen, zugewandten Moderne. Kandinskys Abstraktion, seine Theorieschrift „Das Geistige in der Kunst“, überhaupt der dominante Behauptungsgestus der Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts – das alles ist hier weit weg. Münter malt anrührend menschlich, allerdings auch ohne die ganz große innovative Energie.
Das gilt auch für das Rollenbild der Frau, das ihre Bilder zeigen. Überraschend selten öffnet sie freie Räume für das Selbstverständnis der Frau in ihrer Zeit. Sicher, Marianne von Werefkin (1860-1938) hat ihren rauschenden Auftritt. Dazu gibt es die heute kaum noch bekannte Künstlerin Magret Umbach als selbstbewusste Frau mit Bubikopf und Zigarette. Aber daneben beschränkt sich Münter auch wieder auf das Motiv von Mutter und Kind und das kleine Mädchen mit den brav geflochtenen Zöpfen.
Die Frau, sie hält hier die Füße still, legt die Hände sittsam übereinander. Auf einigen ihrer Porträts zeigt Gabriele Münter die Frauen in der Körpersprache einer angelernten Selbstbeschränkung. Ein sprechendes Indiz? Münter hat sich aus den Konventionen ihrer Zeit nicht völlig lösen können, gleichwohl Räume für den anderen Blick auf Menschen eröffnet. Ihre Bilder zeigen gerade Frauen mit jenen klaren Umrisslinien, die sie von der bayerischen Hinterglasmalerei lernte, klarblickend, nachdenklich, zugewandt.
Die Hamburger Schau fügt sich in den Trend, Werke von Künstlerinnen der Moderne als eigenständige Beiträge in den Blick zu nehmen und damit auch neu zu bewerten. Im Kunsthandel ist diese Botschaft im Hinblick auf Gabriele Münter schon angekommen. Ihr Gemälde „Stillleben mit Madonna“ von 1911 erzielte 2021 im Auktionshaus Ketterer in München rund 1,1 Millionen Euro. Der Schätzpreis lag bei 200000 Euro. Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. Manchmal auch in der Kunst.
Hamburg, Bucerius Kunst Forum: Gabriele Münter: Menschenbilder. Bis 21. Mai 2023. Mo.-Mi., Fr.-So., 11-19 Uhr, Do., 11-21 Uhr.