Alles Kultur  Stammtisch – mehr als nur leere Parolen

Annie Heger
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Eine Kolumne von Annie Heger
| 06.02.2023 08:47 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Annie Heger
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Montags geht es an dieser Stelle immer um Kultur. Heute beschäftigt sich unsere Kolumnistin mit der Stammtisch-Kultur – und erklärt, warum sie kein Problem damit hat, selbst mit am Tisch zu sitzen.

„Hier wird diskutiert und es werden deutliche Worte für Weltgeschehen und Politik gefunden. Da darf man noch sagen, was man denkt, und bekommt nicht den Mund verboten.“ Mir fällt es schwer, das neulich Gehörte zu zitieren, denn in dieser Denkweise steckt so viel drin, bei dem es sich beim Denkenden noch einmal lohnen könnte, darüber nachzudenken. Doch ein Stammtisch zeichnet sich ja noch durch viel mehr aus: Beständigkeit, geselliges Beisammensein, manchmal durch Ergänzung mit Kartenspielen und häufig ein bis drei hopfenhaltigen Getränken. Ich frage mich oft, wird da wirklich diskutiert oder nur die eigene Meinung präsentiert? Oder trifft man sich am Stammtisch nicht sowieso mit gleichtickenden Menschen, die eine ähnliche Haltung haben? Klärt mich da gerne auf.

Aber auch ich bin Teil eines Stammtischs, der ist jedoch nicht so traditionell. Meiner steht nicht immer in der gleichen Gaststätte, sondern findet zwischen den Treffen vornehmlich in einer Whatsapp-Gruppe statt, manche Leute kenne ich auch noch gar nicht persönlich.

Ich bin Teil eines internationalen Stammtischs mit Menschen, die Diabetes haben und in Berlin wohnen. Es ist ein Bild für die Götter, wenn wir alle Essen bestellen und fast alle gleichzeitig ihre Insulinpumpen, andere Injektions- oder Messgeräte herausholen, manchmal gefolgt von einem mehrstimmigen Alarmkonzert, wenn sich dann doch alle bei der Pizza mit den Kohlenhydraten vertan haben.

Ich habe in einem Interview letztens auf die Frage, warum ich noch Mitglied einer Kirche bin, Kirche mit einem Stammtisch verglichen. Ja, ich habe das Talent, mich um Kopf und Kragen zu reden, doch damit meinte ich nicht Parolen, Politik und Niveau. Sondern dass es viel wirksamer ist, am Stammtisch zu sitzen und auf den Tisch zu hauen, als am Nachbartisch zu sitzen, Wortfetzen zu hören und rüberzubrüllen. Ich bin gerne Teil von dem, das ich verändern will. Doch nicht jedem wird ein Platz am Tisch angeboten. Ich bin mir aber sicher, dass wir genügend Stühle hätten.

Kontakt: kolumne@zgo.de

Zur Person

Annie Heger (39), geboren in Aurich und heute hauptsächlich in Berlin lebend, ist abgebrochene Religionslehrerin, abgebrochene Diätassistentin und geprüfte Heilpraktikerin für Psychotherapie, aber vor allem ist sie als Künstlerin bekannt. Sie singt, ist Schauspielerin und moderiert Shows, Festivals, Varietés und Galas. Außerdem ist sie Plattdeutsch-Aktivistin, unter anderem als Intendantin des „PLATTart“-Festivals.

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