Knappe Notfall-Kapazitäten Wie könnten ostfriesische Rettungsdienste entlastet werden?
Die Emder Rettungsdienst-Chefs beklagen eine Mehrbelastung ihrer Sanitäter. Sind dafür Kliniken und Hausärzte verantwortlich? Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen sieht andere Probleme.
Ostfriesland - Der Rettungsdienst in Ostfriesland ist für die Sanitäter in den vergangenen vier bis sechs Jahren stressiger geworden. Das ging aus den Stellunnahmen der Emder Rettungsdienst-Chefs hervor, als sie vor kurzem bei einer Pressekonferenz über die geplante Fusion ihrer Rettungsdienste berichteten. Zu dem Zusammenschluss kommt es, weil die Zusammenarbeit aufgrund von Personalengpässen ohnehin schon so eng geworden ist, dass teilweise gemischte Teams in den Rettungsfahrzeugen unterwegs waren.
Was und warum
Darum geht es: Um die Kapazitätsengpässe im Rettungsdienst, die aus Kapazitätsengpässen der Krankenhäuser und aus einem Rückgang an Hausarztbesuchen resultieren.
Vor allem interessant für: Alle, die auf die medizinische Versorgung angewiesen sind.
Deshalb berichten wir: Weil RKSH-Vorstand Holger Rodiek anlässlich des Ausstiegs seines Vereins aus dem Emder Rettungsdienst die Problemlage geschildert hat. Den Autor erreichen Sie unter: a.ellinger@zgo.de
Und der Fachkräfte-Mangel im Rettungsdienst droht noch größer zu werden: „Ich gehe im Moment davon aus, dass die Arbeitsbelastung von 48 Stunden im Rahmen der Tarifverhandlungen nach unten geht“, sagte Holger Rodiek, der Vorstand des Vereins für „Rettungsdienst, Krankentransport und Soziale Dienste“. Und: „Das bedeutet einen höheren Personalbedarf.“
Das DRK hat einer Reduzierung der Arbeitszeit schon zugestimmt
Zwar geht es in den Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst zunächst nur um das Einkommen – doch zum Verhandlungsauftakt am 24. Januar in Potsdam sind auch Rettungskräfte aus Emden, Aurich und Wittmund mit der Hoffnung gefahren, dass ihre Wochenarbeitszeit von 48 auf 44 Stunden reduziert wird. Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) hat sich schon im Dezember mit der Gewerkschaft Ver.di darauf verständigt, die Wochenarbeitszeit seiner Rettungskräfte von 45 auf 42 Stunden zu senken.
Die langen Arbeitszeiten gibt es überhaupt nur, weil von Rettungskräften verlangt wird, dass sie Bereitschaftszeiten kostenlos am Arbeitsplatz absitzen – also Zeiten, in denen keine Einsätze sind. Nachdem in Ostfriesland aber etliche Rettungsfahrzeuge als Mehrzweckfahrzeuge eingesetzt werden und sie folglich auch Krankentransporte übernehmen, fällt über die Notfälle hinaus Arbeit an.
Emder Rettungsdienst-Chefs halten kürzere Arbeitszeit für angezeigt
„Persönlich sehe ich auch, dass das notwendig ist, dass der Stundensatz nach unten geht, weil es weniger Bereitschaftsphasen im Rettungsdienst gibt wie in den Zeiten noch vor vier, fünf, sechs Jahren“, erläuterte Rodiek. „Das heißt also, die Kollegen haben sehr viel geringere Phasen der Regeneration.“ Auch der Betriebsleiter des Rettungsdienstes von Stadt Emden und DRK, Andree Heinks, sieht bei den tariflichen Arbeitszeiten „eine Tendenz nach unten und das auch mit Recht“. Man müsse abwarten, „ob die Lobby der Rettungsdienstler innerhalb des Tarifgefüges im öffentlichen Dienst groß genug ist“. Der Tarifvertrag gilt nämlich für alle Beschäftigten des öffentlichen Dienstes und dementsprechend geht es auch bei den aktuellen Tarifverhandlungen um unterschiedliche Berufsgruppen.
Was ist in den letzten sechs Jahren passiert, dass die Bereitschaftszeiten laut Rodiek zurückgegangen sind? Der RKSH-Vorstand spricht von einer „unglaublichen Dynamik“, die entstanden sei. Er nennt „die Abmeldung von Kliniken, die im gleichen Moment dazu führt, dass ein Einsatz, der sonst in einer halben Stunde abzuwickeln war, plötzlich vier oder fünf Stunden dauert, weil der Patient nicht in Emden oder nicht in Leer oder nicht in Aurich ein Bett im Krankenhaus findet. Und das führt natürlich zu einer ganz anderen Arbeitsbelastung.“
Sorgen Kliniken und Hausärzte für Mehrbelastung der Rettungsdienste?
Über die Abmeldung von Fachbereichen seitens der ostfriesischen Krankenhäuser berichtet unsere Zeitung seit mehr als einem Jahr. Die Abmeldungen erfolgen im Ivena-Portal, das im Internet teilweise öffentlich einsehbar ist. Stichprobe am Freitagmorgen gegen halb Sechs: Das Leeraner Borromäus-Hospital ist das einzige Krankenhaus in Ostfriesland, das seine internistische Intensivstation nicht für die stationäre Versorgung abgemeldet hat. Für eine Notfallversorgung auf der internistischen Intensivstation signalisiert auch noch die Klinik in Norden Aufnahmebereitschaft. Das Klinikum Leer sowie die Krankenhäuser in Aurich, Emden und Wittmund haben sich in diesem Bereich jedoch abgemeldet.
Holger Rodiek erläuterte die Mehrbelastung der Rettungsdienste: „Das ist eine Entwicklung, die ganz massiv damit zusammenhängt, dass die Krankenhäuser überlastet sind. Und dass wir die Patienten nicht mehr ortsnah abliefern können.“ Das sei aber „quer durch die Republik“ so. Es gebe aber noch „einen zweiten Punkt, was der Rettungsdienst ausbadet“, berichtet der RKSH-Chef. Nämlich den Umstand, „dass viele der niedergelassenen Ärzte keine Hausbesuche mehr machen“. Dadurch werde der Rettungsdienst häufiger gerufen.
Ärztliche Hausbesuche sind um 25 Prozent zurückgegangen
Unsere Zeitung hat bei der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen (KVN) angefragt, die sich um die Versorgung mit Hausärzten und anderen niedergelassenen Ärzten kümmert. Wie sich die Zahl der Hausbesuche in Ostfriesland, also im KVN-Bezirk Aurich, entwickelt hat, dazu gibt es offenbar keine Statistik. Landesweit ist die Zahl der Hausbesuche laut KVN jedoch gesunken: Im Jahr 2012 seien es 3,06 Millionen Hausbesuche gewesen, 2017 noch 2,46 Millionen und im Jahr 2022 schließlich 2,26 Millionen.
Die KVN ist allerdings der Auffassung, dass die Kritik der Rettungsdienste am Rückgang der Hausbesuche „von den eigenen Versäumnissen der Landkreise als Träger des Rettungsdienstes und von Krankenhäusern ablenken“. Rettungsdienst und kassenärztlicher Bereitschaftsdienst beziehungsweise kassenärztliche Hausbesuche hätten unterschiedliche Aufgaben: „In lebensbedrohlichen Notfällen hilft die 112. Der Rettungswagen muss in wenigen Minuten beim Patienten sein. Bei einfacheren Beschwerden, die nicht bis zur nächsten Sprechstunde warten können, hilft dagegen die 116117. Hausbesuche sind bei Patientinnen und Patienten einer Praxis angezeigt, die aus medizinischen Gründen nicht in die Praxis kommen können. Die Ärztinnen und Ärzte im kassenärztlichen Bereitschaftsdienst oder im Hausbesuchsdienst müssen nicht in kürzester Zeit beim Patienten sein.“
Kassenärztliche Vereinigung wundert sich über Rettungsleitstellen
Die KVN weist darauf hin, dass Rettungsleitstellen „über eine priorisierte Telefonnummer Fälle an den kassenärztlichen Bereitschaftsdienst in den Abendstunden, am Wochenende oder an Feiertagen abgeben“ könnten. Sie fügt hinzu: „Warum dies nicht öfter geschieht, sondern auch bei offensichtlich leichteren Erkrankungen von den Rettungsleitstellen ein Rettungstransportwagen eingesetzt wird, entzieht sich unserer Kenntnis.“
Die KVN ist zudem bereit, „eine technische Vernetzung zwischen den Leitstellen des Rettungsdienstes und des kassenärztlichen Bereitschaftsdienstes voranzutreiben, um eine digitale Fallübergabe zu ermöglichen“. Aber: „Anfragen für entsprechende Pilotprojekte bei Leitstellen, die von der KVN aktiv initiiert worden sind, stoßen bei den Rettungsleitstellen auf geringes Interesse oder es besteht keinerlei Bereitschaft, eigene Investitionen zu leisten.“
KVN warnt Landkreise vor Forderung nach mehr Bereitschaftsdienst
Weiter schreibt die KVN: „Wenn Landkreise fordern, dass der kassenärztliche Bereitschaftsdienst oder Hausbesuche weiter ausgebaut werden sollen, muss ihnen klar sein, dass sie damit die Axt an die hausärztliche Versorgung in den eigenen Landkreisen legen. Der kassenärztliche Bereitschaftsdienst und Hausbesuche werden von den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten zusätzlich zu den eigenen Praxisöffnungszeiten gestemmt. Gerade die jüngere Ärztegeneration wird nicht dazu bereit sein, in Landkreisen eine hausärztliche Tätigkeit aufzunehmen, in denen zusätzlich noch zahlreiche Bereitschaftsdienste und Hausbesuche anfallen.“
Die Stellungnahme der KVN macht deutlich, dass auch dort das Problem gesehen wird, dass zuviel Arbeit an den Rettungsdiensten hängenbleibt. Eine „zusätzliche Arbeitsbelastung“, welche die Sanitäter Regenerationsphasen koste, stellt RKSH-Vorstand Rodiek fest. Das bedeute: „Die Arbeitszeit insgesamt muss runter, weil dann geringere Bereitschaftsphasen mit drin sind.“