Osnabrück  Wem gehört Heinrich Vogeler? Kontroverse um Klassiker des Jugendstils

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 02.02.2023 13:23 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Markenzeichen Worpswedes: Heinrich Vogelers Gemälde „Sommerabend“ von 1905. Foto: Foto: Barkenhoff-Stiftung Worpswede
Markenzeichen Worpswedes: Heinrich Vogelers Gemälde „Sommerabend“ von 1905. Foto: Foto: Barkenhoff-Stiftung Worpswede
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Kontroverse um den Jugendstil-Klassiker Heinrich Vogeler: Ein Kunsthändler kauft seine Werke auf. Experten in Worpswede sind skeptisch. Was bedeutet der Deal mit dem Künstler aus dem Norden?

Heinrich Vogeler war ein konsequenter Mann. Rüdiger Weng ist es auch. „Ich habe meine ganz nette Sammlung Vogelers intensiv ausgebaut“, sagt der Kunsthändler über seine Passion für Heinrich Vogeler (1872-1942), den Klassiker des Jugendstils aus dem Künstlerort Worpswede bei Bremen. Weng hat mit Vogeler Großes vor. Ein dreibändiges Werkverzeichnis der gesuchten Grafiken Vogelers – das ist sein Ziel. Die größte Privatsammlung dieses Werkes außerhalb Worpswedes hat er schon. „Was ich mache, mache ich ganz oder gar nicht“: Ein Weng, ein Wort.

In Worpswede selbst wird diese Aktivität nicht nur mit Sympathie gesehen. „Weng kauft den Markt leer“, sagt Burkhard Rehage, Vorsitzender der Heinrich Vogeler-Gesellschaft, mit sorgenvollem Unterton in der Stimme. Beate C. Arnold, Leiterin des Vogeler-Museums Barkenhoff, sagt zu Wengs Aktivitäten unumwunden: „Ich finde das merkwürdig“.

Heinrich Vogelers Kunst ist gefragt, gerade seit dem 150. Geburtstag des Künstlers 2022. Das Berliner Auktionshaus Grisebach versteigerte Vogelers Gemälde „Träume II“ von 1912 im Juni 2022 für 649000 Euro. Angesetzt war es für ein Drittel dieses Erlöses.

Auch die Drucke des in Bremen geborenen Jugendstilklassikers legen im Preis zu. „Natürlich steigen durch unsere Aktivitäten die Preise“, räumt Rüdiger Weng ein. Er betreibt in Monheim bei Düsseldorf den Kunsthandel Weng Fine Art, der in seinem Angebot Hochpreiskünstler von Gerhard Richter bis Olafur Eliasson listet. Auf der Homepage propagiert Weng einen „unverklärten Blick auf die Handelsware Kunst“. Wie passt das zu Heinrich Vogeler, seinem Idealismus, der ihn zu einem Leben in konsequenter Besitzlosigkeit führte?

„Als Künstler des Jugendstils hat Heinrich Vogeler große Anziehungskraft. Die Menschen sehnen sich nach der Schönheit, die er geschaffen hat“, erklärt Beate C. Arnold die Faszination, die bis heute von diesem Künstler ausgeht. Im Jubiläumsjahr 2022 seien 70000 Besucher in die Worpsweder Vogeler-Ausstellungen geströmt, rechnet Arnold vor, die neben dem Barkenhoff, Vogelers ehemaligem Wohn- und Atelierhaus, auch die Große Kunstschau leitet. Vogeler zieht. Arnold: „Er hat, was Menschen heute suchen, die Suche nach Identität, eine Idee vom richtigen Leben“.

Vogelers Biografie wirkt im Rückblick wie das große Abenteuer eines Menschen, der vor keiner Konsequenz zurückschreckte. Vogeler baut um 1900 seinen Barkenhoff als Gesamtkunstwerk des Jugendstils aus. Diese „Insel der Schönheit“ mitten im Moor, so Kuratorin und Vogeler-Kennerin Katharina Groth, reicht ihm nach den schockierenden Erfahrungen des Ersten Weltkriegs nicht mehr. Er wendet sich dem Kommunismus zu. Der Barkenhoff wird Landkommune, kommunistisches Kinderheim. Vogeler verlässt sein Haus 1923, geht in die Sowjetunion, um am Aufbau der klassenlosen Gesellschaft mitzuwirken. 1942 stirbt er, arm und halb verhungert, mitten im Zweiten Weltkrieg, in Kasachstan.

Idealismus gegen Geld: Wird dieser Konflikt, an dem sich Vogeler zerrieben hat, jetzt noch einmal ausgetragen? Rüdiger Weng beteuert, dass er sich bei seinem Engagement für Vogeler von keinem Gewinnstreben leiten lässt. Ein Wertzuwachs bei Vogelers Drucken? Der sei ökonomisch nicht interessant, sagt Weng. Und trotzdem: Das Werkverzeichnis, das der Kunsthändler in seinem Unternehmen erarbeiten lässt, kartiert den Vogeler-Markt als Zertifikat der Echtheit neu. Zudem besitzt der Händler mit nahezu 600 Blatt die, wie er stolz sagt, größte private Vogeler-Sammlung außerhalb des Worpswedes.

Das klingt nach einer neuen Marktmacht. Rüdiger Weng, ein Monopolist? Beate Arnold wird diesen Gedanken nicht los. Auch Vogeler-Forscher Siegfried Bresler sagt: „Weng sammelt auf Vollständigkeit. Er hat ganze Auktionen leergekauft“. Seine Sammlung vereinige den ehemaligen Vogeler-Bestand des Bremer Kaffeemagnaten Ludwig Roselius (1874-1943), verkündet Rüdiger Weng seinen größten Käufer-Coup. Das sitzt. Roselius war nicht nur Mäzen der Künstlerkolonie Worpswede. Er baute auch die Bremer Böttcherstraße zum Gesamtkunstwerk aus.

Er wolle sein Projekt um den Jugendstilkünstler als Teil einer Community erarbeiten, sagt der Kunsthändler vom Rhein. Derweil steckt die Vogeler-Community im Rollenkonflikt. Ob Rehage, Arnold oder Bresler, sie sehen Wengs Engagement mit gemischten Gefühlen, kooperieren auf der anderen Seite mit ihm, geben Informationen, schreiben für Wengs Werkverzeichnis.

Man müsse Wenig eigentlich dankbar sein, so Siegfried Bresler, der klarmacht, dass ein solches Werkverzeichnis mit öffentlichem Geld kaum zu finanzieren wäre. Der erste von drei Bänden soll 2024 erscheinen. Die Webseite ist im Aufbau. Weng hat einen Plan. Das muss man ihm lassen.

Dabei geht es auch um Deutungshoheit. „Ich will Vogeler aus der Worpsweder Ecke holen“, sagt der Kunsthändler. Der Künstler sei in dem Ort bei Bremen eigentlich nur zufällig „hängengeblieben“. In Wirklichkeit sei er als Weltkünstler erst zu entdecken. Vogeler war nach seinen Worten um 1900, als er seine grafischen Blätter entwarf, mit Ausstellungen in Europa, den USA und Japan präsent.

Provinz gegen weite Welt? Für die Worpsweder Vogeler-Bewahrer liest sich das wie ein Affront. Das Gerangel um sein Werk hat auch diesen Aspekt. Wie sagt Vogeler-Expertin Katharina Groth? „Heinrich Vogeler war ein Mann außerhalb der Norm“. Vielleicht gilt das in einigen Jahren auch für die Preise, die seine Kunstwerke dann kosten.

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