Osnabrük  Andreas Hoffmann: Documenta fifteen ein „starker Impulsgeber“

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 30.01.2023 11:15 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 7 Minuten
Stellt sich auf die Documenta in Kassel ein: Andreas Hoffmann, derzeit noch Geschäftsführer de Bucerius Kunstforums in Hamburg. Foto: © Bucerius Kunst Forum, Foto: Ulrich Perrey
Stellt sich auf die Documenta in Kassel ein: Andreas Hoffmann, derzeit noch Geschäftsführer de Bucerius Kunstforums in Hamburg. Foto: © Bucerius Kunst Forum, Foto: Ulrich Perrey
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Ein Skandal um antisemitische Bildmotive brachte die letzte Documenta in Schieflage. Andreas Hoffmann, neuer Geschäftsführer der Kunstschau, fand ihre letzte Ausgabe jedoch inspirierend.

Frage: Herr Hoffmann, derzeit sind Sie noch am Bucerius Kunst Forum. Wann fangen Sie denn in Kassel an?

Antwort: Ich trete meine neue Position Anfang Mai an. Im Bucerius Kunst Forum bauen wir gerade noch eine große Ausstellung zu Kaiser Augustus ab. Ich möchte meine Zeit an diesem Haus sauber abschließen und es ordentlich übergeben. Ich freue mich schon sehr auf Kassel, wo ich schnell ankommen möchte.

Frage: Sind Sie schon mit den bisherigen Leitern der documenta im Gespräch? Die sollen ja die Findungskommission für die Leitung der documenta 16 bilden.

Antwort: Der Aufsichtsrat setzt die Findungskommission ein. Er folgte dabei in der Vergangenheit der Empfehlung der Geschäftsführerinnen bzw. Geschäftsführer. Auf Initiative der Geschäftsführung wurden ehemalige Künstlerische Leitungen gebeten, einen Vorschlag für die Findungskommission zu erarbeiten. Der Aufsichtsrat hat im Dezember bekräftigt, sowohl die Strukturen inklusive Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten als auch die Abläufe bei der documenta einer Überprüfung zu unterziehen. Die Benennung der Findungskommission muss im zeitlichen und inhaltlichen Einklang mit diesem Prozess erfolgen.

Frage: Geschäftsführer der Documenta: Der Posten scheint so heikel zu sein wie der des Bundesverteidigungsministers. Medien sehen Sie auf dem Schleudersitz. Fühlen Sie sich so?

Antwort: Nein, so fühle ich mich nicht. Die documenta ist eine der weltweit bedeutendsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Alle documenta-Ausstellungen waren Seismographen aktueller Diskurse und Debatten. Ich komme als Manager eines international ausgerichteten Ausstellungshauses. In Hamburg fragen wir bei unseren Themen immer nach dem unmittelbaren Bezug zur Gegenwart und nach gesellschaftlicher Relevanz. Wenn einem dies Herzensangelegenheit ist, kommt man an der documenta nicht vorbei. Sie hat immer die wichtigen Fragen ihrer Zeit wie in einem Brennglas fokussiert. Einen Museumsmanager muss das unbedingt interessieren, das ist die DNA der documenta.

Frage: Keine Bedenken?

Antwort: Natürlich begegne ich dieser Aufgabe und den damit einhergehenden Herausforderungen insbesondere in der aktuellen Lage mit großem Respekt, aber gleichermaßen mit Enthusiasmus.   

Frage: Sabine Schormann hätte das, was Sie sagen, sofort unterschrieben. Gleichwohl musste sie als Geschäftsführerin der Documenta im letzten Sommer zurücktreten. Stimmt Sie das nicht nachdenklich?

Antwort: Kuratorische Strukturen, wie sie die letzte künstlerische Leitung, die Künstlergruppe ruangrupa, realisiert hat, stellen die ausrichtende Organisation natürlich vor ganz besondere Herausforderungen, da sie im Bereich des Kuratorischen ganz bewusst Gestaltungsmacht mit vielen Akteuren geteilt hat - das gehörte zum Kern der lumbung Praxis.  

Frage: Die documenta fifteen sollte den Dialog mit dem globalen Süden inszenieren. Dieses Anliegen ging in einem Skandal um antisemitische Bildmotive unter. Wie schauen Sie auf die documenta fifteen?

Antwort: Ich schaue auf zwei Ebenen dieser letzten documenta. Diese documenta hat mich als Kunstmanager in Staunen versetzt. Ihr sehr weit in die Zukunft gerichteter Blick auf Themen wie Kollektivität, Solidarität und Teilhabe, sowie Nachhaltigkeit hat mich fasziniert. Ich fand den Gedanken der gemeinsamen Aufteilung von Ressourcen sehr stark in seiner visionären Kraft. 

Frage: Wie meinen Sie das?

Antwort: Die Praktiken der documenta fifteen sind inspirerend:  Aktuell laufen viele Diskussionen um neue Formen kollektiver Führung in Kulturhäusern. Das betrifft etwa die Überwindung des Bildes des genialen Einzelkünstlers, bzw. der genialen Einzelkünstlerin. Dafür interessieren sich Kulturbetriebe aktuell stark, das zeigt sich in der therotischen Diskussion, in der Besetzungspraktik, wie der Ausstellungsprogramatik. Die documenta fifteen war da ein starker Impulsgeber. 

Frage: Aber es gab auch Konflikte rund um die Documenta fifteen, oder?

Antwort: Ja, und diese beschäftigen die Organisation, ihre Stakeholder und die Öffentlichkeit im Augenblick sehr: Nach dem Antisemitismusskandal der documenta fifteen spielen die Verständigung auf Standards im Umgang mit der Kunstfreiheit und ihren Grenzen, im Umgang mit jeglicher gruppenspezifischen Form der Menschenfeindlichkeit wie Antisemitismus, Rassismus und Antizaganismus, aber auch die Anpassung der Organisations- und Gremienstrukturen sowie die Festlegung der Rahmenbedingungen, unter denen die Künstlerische Leitung der documenta 16 ihre kuratorische Verantwortung wahrnimmt, eine zentrale Rolle.

Frage: Die Leitung der documenta durch ein Künstlerkollektiv wirkte vielversprechend. ruangrupa schaffte es aber nicht, gut zu kommunizieren und Verantwortung zu übernehmen. Was muss sich für die nächste Ausgabe der Documenta ändern?

Antwort: Hier können wir dem eben beschriebenen Prozess nicht vorgreifen. Das muss innerhalb dessen erarbeitet werden.

Frage: Was heißt das konkret?

Antwort: Neben dem geschilderten Prozess zu und ebenjene Maßnahmen, hat ja die documenta fifteen zum Beispiel gezeigt dass die Kontextualisierung ein zentraler Baustein der Verständigung gerade im Umgang mit problematischen Werken ist.   

Frage: Kulturstaatsministerin Claudia Roth ging zuletzt auf Distanz zur Documenta. Wie gelingt der neue Schulterschluss?

Antwort: Kulturstaatsministerin Claudia Roth möchte mehr inhaltliche Mitsprache. Dabei geht es besonders um die Frage, wie sich der Bund künftig an der Documenta beteiligt, beziehungsweise in den schon gegenwärtig vorhandenen Strukturen einbringt. Seit 2018 sind die beiden Positionen der Bundeskulturstiftung im Aufsichtsrat der Documenta nicht besetzt. 

Frage: Die documenta gilt als eines der wichtigsten kulturellen Aushängeschilder der Bundesrepublik. Zugleich ist das Format in Kassel deutlich regional situiert. Ein Widerspruch?

Antwort: Nein, ich denke, diese Konstellation ist ein Ausdruck von Föderalismus im Kulturbereich. Die Documenta ist eine der weltweit wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Das weist über den nationalen Kontext hinaus. Auf der anderen Seite gilt auch, dass die documenta von großer regionaler Bedeutung ist. Wir müssen an die Gründung dieses Formats denken, die sich in einer besonderen Situation der Nachkriegszeit vollzieht. Damals ist der internationale Anschluss an das Kunstgeschehen wiederhergestellt worden. Dieses aus der Vision Arnold Bodes entstehende Format gehört zum kulturellen Gedächtnis Hessens und der Stadt Kassel. Die documenta kann nicht einfach irgendwo anders hin transferiert werden.

Frage: Also keine Documenta in Berlin?

Antwort: Das kann niemand wollen. Die documenta ist mit diesem besonderen Anspruch an das Publikum, sich auf aktuelle Themen einzulassen, in Kassel sehr gut situiert. 

Frage: Welche Situationen der letzten Documenta haben Sie denn fasziniert?

Antwort: Ich war wirklich fasziniert. Ich denke dabei an Takati Kuribayashi und seine Kräutersauna. Das fand ich sehr stark. Ich war beeindruckt von Britto Arts Trust und den Lebensmitteln aus Keramik. Das fasziniert mich so wie das, was Atis Rezitans in der Kirche St. Kunigundis inszeniert hat. Oder denken Sie an Tania Bruguera und ihren Blick auf verfolgte Künstlerinnen und Künstler in Kuba, an Richard Bell und an seine Aboriginal  Ambassy. Als Kulturmanager war ich auch fasziniert davon, das Fridericianum als Fridskul zu definieren. 

Frage: Als studierter Archäologe scheinen Sie der zeitgenössischen Kunst fern zu stehen. Welche Tugenden des Archäologen helfen denn weiter, wenn es darum geht, die documenta nach vorn zu bringen?

Antwort: Für die Position, die ich bekleiden darf, bin ich nicht als Archäologe, sondern als Kultur- und Museumsmanager ausgesucht. Im Bucerius Kunst Forum habe ich seit 2007 als Kulturmanager gewirkt. Ich habe die Idee eines Forums für alle Gattungen nach vorn gebracht und dabei viele Kooperationen angestoßen. Ich habe die Kunstmeile mit gegründet, eine starke Dachmarke geschaffen. Ich war Bauherr, habe mich sehr im Marketing und Vertrieb engagiert. 

Frage: Und als Archäologe?

Antwort: Als Archäologe schaue ich auf die Antike als eine fremde Zeit und frage, wie sie für uns heute relevant sein kann. Der Archäologe ist immer ein Erklärer, der fragmentarische Befunde einordnet und auf das Heute beziehen. Diese Frage beschäftigt uns auch in der Kunst der Gegenwart, was ist die Relevanz der Position und was hat sie mit heute zu tun. 

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