Zusammenschluss angekündigt So groß war der Personalmangel in den Emder Rettungsdiensten
Personalengpässe im Rettungswesen sind seit Monaten ein Thema. Jetzt haben sie in Emden strukturelle Folgen: Die Rettungsdienste fusionieren. Aber reicht das, um die Versorgung zu sichern?
Emden - Der Rettungsdienst in Emden – aber nicht nur in Emden, sondern deutschlandweit – ist offenbar ein Notfall. Das ist eine der Botschaften aus einem Pressegespräch am Freitag, in dem die Stadt Emden und der Verein für „Rettungsdienst, Krankentransport und Soziale Hilfsdienste“ (RKSH) den Zusammenschluss ihrer Rettungsdienste ankündigten. Volker Grendel, der als Stadtrat für den Fachbereich Gesundheit verantwortlich ist, sprach von „einem kompletten Neuaufbau für die Zukunft“, der aufgrund der „angespannten Personalsituation“ erforderlich werde.
„Die Personalentwicklung der letzten sechs, sieben Jahre war insgesamt für den Rettungsdienst, nicht nur in Emden, ganz, ganz negativ“, sagte RKSH-Vorstand Holger Rodiek. Der Emder Rettungsdienst soll nun im „optimierten Regiebetrieb“ bei der Stadtverwaltung zusammengefasst werden. Die RKSH-Kräfte, die das Übernahmeangebot annehmen, sollen zum 1. April dorthin wechseln. Die Gesellschaft bürgerlichen Rechts, in der die Stadt Emden bisher mit dem Deutschem Roten Kreuz (DRK) einen Rettungsdienst geführt hat, werde voraussichtlich im Sommer aufgelöst, sagte Grendel – und damit der Rettungsdienst vollends bei der Stadt angesiedelt.
Chance auf Versorgungssicherheit
„Wir sind in den letzten Jahren nicht mehr zu 100 Prozent in der Lage gewesen – und das betrifft beide Rettungsdienste in Emden – ununterbrochen das einhalten zu können, was wir versprechen“, bedauerte Rodiek. „Der Weg, den wir jetzt gehen, bietet die Chance, dass wir die Versorgungssicherheit tatsächlich gewährleisten können.“ Für den RKSH, der über 37 Jahre lang in Emden Rettungsdienst geleistet hat, sei es „trotzdem keine einfache Entscheidung“ gewesen.
Unsere Zeitung hat in den vergangenen Monaten immer wieder über Personalengpässe und die Arbeitsbedingungen in ostfriesischen Rettungsdiensten berichtet. Im Gebiet der Kooperativen Regionalleitstelle Ostfriesland ist die Notfallrettung im vergangenen Jahr „über Wochen an ihre Grenzen gekommen“, wie deren Leiter Tomke F. Albers im Herbst berichtete. Seine Leitstelle koordiniert die Rettungsdienst-Einsätze in den Kreisen Aurich, Leer und Wittmund.
RKSH-Chef rechnet mit zehn schwierigen Jahren
Rodiek hat die Sorge, dass der „Standard, den wir früher gehabt haben“, nicht auf die Dauer erhalten werden kann: „Da wird es gefühlt – und zwar quer durch Deutschland – die nächsten zehn Jahre unglaublich schwierig. Und zwar nur zehn Jahre, wenn jetzt alle Verantwortlichen, auch in der Politik, wach werden und für Lösungen sorgen.“
Rodiek ist der Auffassung, dass zu wenig ausgebildet wurde. Auch Grendel verwies mit Blick auf den beruflichen Nachwuchs auf „Sachen, an denen wir noch arbeiten müssen, wo wir uns verbessern können“. Ein zusätzliches Problem seien Personalabgänge – beispielsweise, weil Sanitäter das Berufsfeld gewechselt hätten.
Ausbildung im Rettungsdienst ist begehrt – aber dann?
Zwar kämen auf einen Ausbildungsplatz durchschnittlich 30 Bewerbungen, sagte Rodiek – aber ab einem gewissen Alter kämen die Einsatzkräfte ins Grübeln, ob sie den Job dauerhaft machen könnten. Der Rücken sei im Alter von 60 Jahren oft nicht mehr in der Lage, Notfall-Patienten aus dem dritten Obergeschoss herunterzutragen.
„Wir sind immer wieder in Situationen gekommen, wo wir uns untereinander aushelfen mussten“, berichtete Grendel. Teilweise seien Rettungswagen mit gemischter Besatzung gefahren, ergänzte Rodiek – also mit einem Sani des RKSH und einem des Rettungsdienstes von DRK und Stadt. „Die Zusammenarbeit in den letzten Jahren war sehr gut“, bestätigte der städtische Rettungsdienstleiter Andree Heinks.
Diese Zusammenarbeit soll nun zur Dauerlösung werden. „Ich glaube, dass das ein guter und richtiger Weg ist“, sagte Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos). Doch reichen die jetzigen Planstellen, um den Rettungsdienst-Bedarf zu decken?
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