Seeltersk Nur bis zur Hälfte geschafft
Um drei Uhr ist es drei Uhr - darüber sind sich auch sprachlich alle einig. Aber wenn der Zeiger noch eine Viertelstunde Zeit hat, bis zur vollen Stunde, wie spät ist es dann? Dreiviertel zwei?
Dass es mehrere Weisen gibt, den Lauf der Uhrzeiger zu beschreiben, wissen alle Deutschen, auch wenn sie die Systeme, die sie selber nicht verwenden, oft für unverständlich halten. Wer im Saterland sagt, dass es „dreiviertel neun“ oder „viertel ab sechs“ ist, stößt wahrscheinlich auf Unverständnis. In Mittel- und Ostdeutschland wird jedoch sofort verstanden, dass „dreiviertel neun“ 8:45 Uhr ist, während man in der Schweiz für 18:15 ständig „viertel ab sechs“ hört.
Henk Wolf
Henk Wolf (geb. 1973) arbeitet als Sprachwissenschaftler für die Rijksuniversiteit Groningen und als wissenschaftlicher Beauftragter für Saterfriesisch bei der Oldenburgischen Landschaft. Er hat ein Büro im Rathaus der Gemeinde Saterland in Ramsloh und schreibt für den GA in einer wöchentlichen Kolumne über Saterfriesisch. Kontakt: Seeltersk@ga-online.de
Dass man traditionell auch auf mehrere Weisen Bruchzahlen benennen konnte, ist viel weniger bekannt. Sofern ich weiß, wird im deutschen Sprachgebiet heutzutage für 2,5 überall „zweieinhalb“ oder „zweiundhalb“ gesagt, also Formen, die eine ganze Zahl nennen und die Bruchzahl hinzuzählen. Das wäre die Entsprechung von „viertel nach sechs“: sechs ganze Stunden und eine Viertelstunde dazu.
Es gab jahrhundertelang jedoch eine zweite Art und Weise. Die funktioniert wie „halb drei“ auf der Uhr: Man sagt, wie weit man zur nächstliegenden Zahl hingekommen ist: also halbwegs bis zur dritten Stunde. „Dreiviertel neun“ funktioniert auch so: Man ist auf drei Viertel der Strecke bis zur neunten Stunde angelandet.
In den friesischen Sprachen hat dieses System sich viel länger gehalten als im Deutschen. In der Provinz Fryslân hört man noch „fjirdeheal“. Wörtlich übersetzt wäre das „vierteshalb“ oder „viertes Halbes“, also 3,5. Wer also „vierteshalb“ Brötchen gegessen hat, hat es nicht ganz bis zum vierten geschafft.
Saterfriesisch muss dieses System auch gehabt haben. Im Wörterbuch von Dr. Marron C. Fort steht zum Beispiel „fiefteholig = 4,5“ und „säksteholig = 5,5“. Die Nachfrage bei einigen Saterländern lehrte mich jedoch, dass dieses System heute nicht mehr verwendet oder verstanden wird. Soll jemand unter den Lesern es jedoch noch kennen: Bitte melden Sie sich!
Die deutsche Sprache hat übrigens einen Rest vom alten System übrig: „andert“ in „anderthalb“ bedeutete ursprünglich „zweites“: Das zweite Stück Kuchen wurde nur zur Hälfte geschafft, daher 1,5.