Kiel Opferschutzbeauftragte: So kann Betroffenen und Kindern geholfen werden
Ulrike Stahlmann-Liebelt ist seit Sommer 2020 Opferschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein. Wie sie Betroffenen der Messerattacke von Brokstedt hilft, erzählt sie im Interview.
Frage: Frau Stahlmann-Liebelt, wie hilft man Menschen, die eine so schlimme Tat wie die Messerattacke von Brokstedt erlebt haben?
Antwort: Das hängt immer sehr von dem Individuum ab, das man vor sich hat, und davon, was derjenige erlebt hat. Wir haben ja in diesem konkreten Fall die unmittelbar Betroffenen, die Verletzten, aber auch die Angehörigen von Getöteten, die Betreuung brauchen. Auch Ersthelfer und Augenzeugen müssen mit einbezogen werden. Denken Sie etwa an den älteren Herren, der von den Blutspuren erzählt hat, die er während seiner Flucht gesehen hat. Da gibt es auf vielen Seiten einen hohen Rede- und Betreuungsbedarf.
Frage: Was genau können Sie als Opferschutzbeauftragte in diesen Fällen tun?
Antwort: Mein Team und ich sind ja keine Spezialisten oder ausgebildete Psychologen, deshalb haben wir eine Vereinbarung mit einer Einrichtung für Trauma- und Konfliktmanagement. Die Experten dort wissen genau, welche Art von Hilfe benötigt wird und wo Unterstützung bei dem Umgang mit dem Erlebten gegeben werden kann. Über diese Spezialisten läuft der Erstkontakt, wenn die Menschen bei unserer Hotline anrufen. Wir melden uns dann später bei den Betroffenen.
Frage: Hatten Sie schon Kontakt mit Betroffenen der Messerattacke?
Antwort: Nein, noch nicht, aber das wird sicherlich noch passieren. Wir werden uns auch initiativ an alle Beteiligten wenden, wenn wir da einen Überblick haben, und unsere Unterstützung anbieten.
Frage: Weil nicht immer sofort ersichtlich ist, welche Folgen eine solche Tat für Augenzeugen oder andere Beteiligte haben kann?
Antwort: Genau. Auch ein Trauma ist nicht immer sofort offensichtlich. Unsere Beratungsstelle ist in engem Austausch mit verschiedenen Stellen in anderen Bundesländern, wir haben da alle zusammen viel gelernt nach den Anschlägen von Halle, Hanau oder Trier. Die Erfahrung, die die Kolleginnen und Kollegen dort gemacht haben, zeigt, dass es oft eine gewisse Zeit braucht, bis sich Menschen sortiert haben und beginnen, über das Erlebte nachzudenken. Erst dann wird oft deutlich, dass man doch Unterstützung benötigt.
Frage: Oft ist ja auch eine Hemmschwelle vorhanden, weil Betroffene denken, sie würden überreagieren. Was ist etwa mit dem Pendler, der sonst diese oder andere Strecken fährt und plötzlich eine leise Angst empfindet?
Antwort: Der sollte sich melden. Wir können uns mit ihm unterhalten und ihm bei Bedarf auch Hilfe vermitteln.
Frage: Können die Anrufer auch unter Auslassung des Namens und der persönlichen Daten mit Ihnen sprechen?
Antwort: Auf jeden Fall, nur bei der Vermittlung von Hilfsangeboten wäre diese Anonymisierung natürlich irgendwann nicht mehr möglich.
Frage: Wie kann man Kindern und Jugendlichen helfen, die Opfer in ihrem persönlichen oder schulischen Umfeld zu beklagen haben?
Antwort: Da empfehle ich sehr, den Kontakt zu einer Beratungsstelle aufzusuchen, damit diese Aufarbeitung von Fachpersonal begleitet wird. Da ist für Eltern allein oft schwierig. Und wichtig ist auch, dass die Kinder, die drei Waggons weiter gesessen haben, die das Geschrei, das Gerenne und das Blut mitbekommen haben, Hilfsangebote bekommen.
Frage: Und was machen Eltern, deren Kinder zwar unbeteiligt sind, aber aus Medien oder Schulhofgesprächen von der Tat erfahren haben?
Antwort: Die sollten ausführlich mit den Kindern reden. Dabei ist es wichtig, dass die Eltern sich Zeit nehmen und die Fragen und Sorgen der Kinder ernst nehmen. Wichtig ist aber auch, deutlich zu machen, dass diese Tat keine alltägliche ist. Diese Einordnung hilft oft. Im Zweifel gibt es auch niedrigschwellige Hilfen beim Kinderschutzbund oder bei Kinderschutzzentren.
Frage: Sie sind seit Sommer 2020 die Opferschutzbeauftragte von Schleswig-Holstein, wie gehen Sie eigentlich selbst mit Ängsten um, die aufgrund solcher Taten entstehen können?
Antwort: Da kommt mir meine Vergangenheit als Staatsanwältin sehr zugute: Ich habe mich 30 Jahre lang mit Sexual- und Kapitaldelikten beschäftigt, dabei habe ich gelernt, wie ich eine professionelle Distanz aufbauen kann. Die Betroffenheit, die ich bei solchen Taten empfinde, ist aber nach wie vor sehr hoch. Deshalb ist es mir ein großes Anliegen, das Leid der Opfer und anderer Beteiligter zu lindern.