Brokstedt Tödlicher Angriff in Regionalzug: Was wir wissen – und was nicht
Für zwei Menschen endete die Fahrt mit einem Regionalzug von Kiel nach Hamburg am Mittwoch tödlich. Ein Mann soll am Nachmittag mehrere Menschen mit einem Messer attackiert haben. Hier lesen Sie, was über die Tat bekannt ist – und was noch nicht.
„Kurz vor 15 Uhr ist am Mittwoch ein Mann vor der Ankunft des Regionalzugs von Kiel nach Hamburg im Bahnhof von Brokstedt (Kreis Steinburg) mit einer Stichwaffe auf Reisende losgegangen“, berichtet Astrid Heidorn, Sprecherin der Polizeidirektion Itzehoe auf Nachfrage von shz.de.
Der Zug kam im Bahnhof zum Stehen, der mutmaßliche Täter begab sich auf den Bahnsteig. Weil Fahrgäste zuvor Notrufe abgesetzt hatten, wurde er von Polizisten festgenommen. Wie Polizeisprecherin Astrid Heidorn erklärte, hatten Zeugen den Mann festgehalten, bis die Beamten eintrafen.
Danach wurde dieser in ein Krankenhaus in Neumünster gebracht. Mittlerweile befindet sich der Beschuldigte nicht mehr in ärztlicher Behandlung, sondern im Gewahrsam der Polizei. Der 33-Jährige wird am Donnerstag um 15 Uhr dem Haftrichter vorgeführt. Unklar ist, ob es um einen Haftbefehl wegen Mordes oder einen Unterbringungsbeschluss geht.
Zum Zeitpunkt der tödlichen Messerattacke saßen rund 120 Menschen in der Regionalbahn RE 70 zwischen Kiel und Hamburg. Im Lokal „Bürgerstuben“ nahm die Polizei Aussagen vom zahlreichen Zeugen auf, dort wurden sie psychologisch betreut.
Bei dem Täter soll es sich um einen 33-jährigen Mann handeln. Es gab erste Hinweise, dass er geistig verwirrt sein könnte. Die Innenministerin von Schleswig-Holstein, Sabine Sütterlin-Waack, erklärte, auch ein möglicherweise extremistisches Motiv werde geprüft. Der mutmaßliche Täter heißt Ibrahim A.. Nach vorläufigen Erkenntnissen war er in Norddeutschland bislang nicht als Extremist aufgefallen, saß aber vor sechs Tagen noch in Untersuchungshaft.
Vor einer Woche wurde der mutmaßliche Täter aus einer Untersuchungshaft entlassen.
Fakt ist: Der mutmaßliche Angreifer ist wegen gefährlicher Körperverletzung bereits zwei Mal verurteilt worden. In einem Fall hatte er einen Obdachlosen niedergestochen, in einem anderen Fall einen Bekannten. Auch ein sexueller Übergriff, eine Bedrohung, Sachbeschädigung und Ladendiebstahl stehen in seiner Strafakte.
Am Donnerstagabend gab die Hamburger Justizbehörde zudem bekannt, der mutmaßliche Täter habe sich im Gefängnis auffällig verhalten und sei in aus diesem Grund in psychiatrischer Behandlung gewesen. Die Behörde betonte aber auch: „Eine Selbst- oder Fremdgefährdung sahen die Psychiater nicht.“ In der Mitteilung wurde zudem indirekt eine Drogenabhängigkeit des 33-Jährigen bestätigt. Dort heißt es: „Die Methadon-Behandlung des Tatverdächtigen nach seiner Entlassung hat die JVA kurzfristig organisiert.“
Zwei Menschen wurden getötet und sechs weitere verletzt. Der mutmaßliche Täter ist einer der Verletzten und wurde in ein Krankenhaus in Neumünster behandelt. Bei den Todesopfern handelt es sich um eine 17-Jährige und einen 19-Jährigen aus Schleswig-Holstein.
Drei Menschen seien noch im Krankenhaus, zwei davon wurden operiert, sagte Innenministerin Sabine Sütterlin-Waack am Donnerstag. Zwei weitere Reisende seien bereits wieder aus dem Krankenhaus entlassen worden. Der Täter selbst wurde leicht verletzt. Die Innenministerin war am Mittwochabend ebenfalls vor Ort, um sich in Brokstedt ein Bild von der Lage zu machen.
Sie sei „in Gedanken bei den Familien und Angehörigen der Opfer“ und danke „den Polizeibeamtinnen und Polizeibeamten, die den Täter festgenommen haben sowie allen Rettungskräften, die die Verletzten versorgt haben“, hieß es in einer Mitteilung ihres Ministeriums. Bundes- und Landespolizei arbeiteten eng zusammen.
Nach Angaben der Bahn war der Zugverkehr zwischen Flensburg und Hamburg sowie zwischen Kiel und Hamburg beeinträchtigt. Die Sperrung zwischen der Bahnstrecke zwischen Wrist und Brokstedt wurde inzwischen aufgehoben. Die Deutsche Bahn teilte am Abend mit: „Den Angehörigen der Opfer gehört unser tiefes Mitgefühl. Den Verletzten wünschen wir eine baldige und vollständige Genesung.“
Die Hintergründe und das Motiv für die Tat sind auch nach der Pressekonferenz am Donnerstag um 14 Uhr weiterhin unklar und Gegenstand der laufenden Ermittlungen.
Da sich in dem Zug keine Videoüberwachung gab, bitten die Ermittler Zuginsassen, die noch nicht mit der Polizei gesprochen haben, sich unter der Telefonnummer 04821-6022002 zu melden.