München Millionen Deutsche sind kaffeesüchtig: Ist das gefährlich?
Vier Tassen Kaffee trinken die Deutschen am Tag; viele können auf das Heißgetränk nicht mehr verzichten. Ist dieser Konsum gefährlich? Ein Drogenexperte gibt Antworten.
Der Kaffeedurst in Deutschland steigt: Laut der Kaffee-Konsum-Studie des Deutschen Kaffeeverbandes konsumieren Kaffeetrinker im zweiten Quartal 2022 im Durchschnitt 3,8 Tassen täglich. Im Jahr zuvor waren es 3,6; im Jahr 2018 noch 3,4. Für rund 69 Prozent der Deutschen gehört Kaffee trinken zum perfekten Start in den Tag, sagt der „Tchibo Kaffeereport 2022“. Menschen die betonen, dass sie es ohne das Heißgetränk kaum durch den Tag schaffen, kennt wohl jeder. Wie gefährlich ist das?
Drogenexperte Michael Pollan hat gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ erklärt, warum Kaffee eine Droge ist und wann der Konsum kritisch sein könnte. Drei Fragen und drei Antworten.
Auf die Frage, warum er Kaffee als Droge kategorisieren würde, hat der Experte eine klare Antwort. „Es ist eine Substanz, die wir in unseren Körper aufnehmen und die uns augenblicklich verändert – also ja“, so Pollan. Kaffee habe einen enormen Einfluss auf sein Bewusstsein und darauf, wie konzentriert er sein könne. Ihm falle es schwer, vier oder fünf Stunden ohne Kaffee am Schreibtisch zu sitzen, veranschaulicht er am eigenen Beispiel.
„Soweit wir wissen, ist Koffein für die psychoaktiven Wirkungen verantwortlich, und wir wissen, mit welchen Rezeptoren es interagiert und was es im Gehirn bewirkt“, so Pollan. Koffein errege den Geist: Es entstehe das Gefühl, man könne sich besser konzentrieren. Auch körperlich „pusht“ der Stoff: Sportler verwendeten Koffein, um ihre Leistung und Ausdauer zu steigern, sagt der Experte.
Ob Kaffee allerdings süchtig macht oder ob sich der Körper bloß an die regelmäßige Koffeinzufuhr gewöhnt, ist in der Wissenschaft immer noch umstritten.
Bei der Frage, wie gesund Koffein ist, kommen Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen. „Es gibt eine Reihe von Hinweisen darauf, dass sowohl Kaffee als auch Tee vor vielen Gesundheitsproblemen schützen, vor Herz-Kreislauf-Krankheiten über Parkinson bis hin zu bestimmten Krebsarten“, so Pollan. Das bestätigt kürzlich auch der amerikanische Mediziner Byron Cryer gegenüber der „New York Times“.
Dafür müsse aber laut Pollan nicht das Koffein verantwortlich sein. Die positiven Effekte könnten auch daraus resultieren, dass Kaffee und Tee viele Antioxidantien enthielten. Antioxidantien helfen dem Körper im Kampf gegen freie Radikale.
Doch Kaffee hat auch negative Effekte: Laut einer aktuellen Studie aus Japan kann das Getränk für Bluthochdruck-Patienten erhebliche Gesundheitsrisiken bergen und sogar das Sterberisiko erhöhen. Auch Pollan sieht ein Risiko in der Tatsache, das Koffein den Schlaf störe. „Wenn Sie um die Mittagszeit eine Tasse Kaffee trinken, sind zwölf Stunden später noch 25 Prozent des Koffeins in Ihrem Körper aktiv“, so der Experte.
Selbst wenn man einen hohen Konsum gewohnt sei, werde die Qualität des Schlafes durch das Koffein im Blutkreislauf beeinträchtigt; insbesondere in der Tiefschlafphase, die wichtig für die körperliche Regeneration sei. Die Lösung des Experten: Kaffee nur am Morgen trinken – oder ganz darauf verzichten. „Als ich im Rahmen meines Experiments aufhörte, Koffein zu trinken, habe ich wunderbar geschlafen. Ich habe geschlafen wie ein Jugendlicher“, sagt er.
Wer nach diesen Erkenntnissen damit aufhört, Kaffee zu trinken, muss mit Entzugserscheinungen rechnen, da es im Körper zu einem chemischen Ungleichgewicht kommt. Symptome wie Kopfschmerzen, Anspannung oder Energieverlust können auftreten. Um starke Symptome zu vermeiden und den Ausstieg besonders für die Psyche sanfter zu gestalten, kann es sinnvoll sein, die Kaffee-Menge nach und nach zu reduzieren.
Bei der Frage, wie viele Tassen Kaffee am Tag unbedenklich sind, sind sich Wissenschaftler bis heute nicht einig. Britische Forscher, die mehrere Studien ausgewertet haben, empfehlen drei bis vier Tassen Kaffee am Tag.
Am Ende steht natürlich die Frage, warum Menschen den Drang haben, psychoaktive Substanzen auszuprobieren. Das liege an dem universellen menschlichen Verlangen, sein Bewusstsein zu verändern, meint Pollan. „Aus Gründen, die ich noch nicht ganz durchdrungen habe, ist unser Bewusstsein nicht zufrieden mit dem alltäglichen, normalen Bewusstseinszustand. Wir manipulieren ihn auf diverse Weise“, so der Drogenexperte. Drogen seien vor allem Schmerzlinderung und Rezept gegen Langeweile, resümiert er.