Versuchter Mord in Asylunterkunft  Zeugen nach Bluttat in Angst und Panik

Bettina Keller
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Von Bettina Keller
| 17.01.2023 17:40 Uhr | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Nach der Bluttat in Aurich-Extum war die Spurensicherung vor Ort. Foto: Archiv
Nach der Bluttat in Aurich-Extum war die Spurensicherung vor Ort. Foto: Archiv
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Im Mai 2022 wurde in einer Asylunterkunft in Aurich ein Mann mit einem Messer niedergestochen. Am Dienstag sagten mehrere Zeugen aus. „Diese Sache hat mich krank gemacht“, sagte einer der Männer.

Aurich - „Das Opfer hatte großes Glück, dass die Leber verfehlt und keine großen Blutgefäße getroffen wurden.“ Der Rechtsmediziner Dr. Lars Hagemeier gab diese Einschätzung am Dienstag im Schwurgerichtsprozess um versuchten Mord am Auricher Landgericht ab.

Ohne medizinische Maßnahmen seien die Stiche in den Bauch „konkret lebensbedrohlich“ gewesen, bewertete der Sachverständige den Zustand des 29-jährigen Georgiers nach der Attacke mit einem 30 Zentimeter langen Küchenmesser durch einen Landsmann in der Auricher Asylbewerberunterkunft in Extum.

Not-Operation an der UEK

Die Verletzungen an Dick- und Dünndarm sowie fünf weitere Stiche in die Arme und den linken Oberschenkel wurden in der Ubbo-Emmius-Klinik Aurich operativ versorgt. Der Verletzte konnte schon am nächsten Tag nach Norden verlegt werden, denn als Heroinkonsument kam er auf Entzug. Nach einem Tag in der Psychiatrie blieb er dort noch eine Woche auf der chirurgischen Station bis zu seiner Entlassung.

„Der Täter konnte die Schwere der Verletzungsfolgen mit Sicherheit nicht abschätzen“, war der Rechtsmediziner überzeugt. Die Verletzungen an den Armen stufte er als Abwehrverletzungen ein.

Der Geschädigte ist momentan unauffindbar

Die Staatsanwaltschaft legt dem Angeklagten, einem 35-jährigen Georgier, versuchten Mord zur Last. Er soll den schlafenden 29-Jährigen am 18. Mai gegen 2.10 Uhr in der Auricher Einrichtung mit einem Messer angegriffen haben. Das Opfer konnte blutüberströmt in ein anderes Zimmer fliehen und die Tür verriegeln. Die beiden waren beste Freunde und in unterschiedlichen Häusern untergebracht. Vor dem Vorfall sollen sie gemeinsam Alkohol getrunken haben und in Streit geraten sein.

Der Geschädigte ist momentan unauffindbar. Er wird von der Ausländerbehörde gesucht und soll sich in die Niederlande abgesetzt haben. Der Angeklagte hat sich dahingehend eingelassen, er könne sich an nichts erinnern. Den Verhandlungstag am Dienstag verfolgte er in sich zusammengesunken. Mit hängendem Kopf lauschte er der Übersetzung seiner Dolmetscherin.

Aus Angst in ein anderes Haus geflüchtet

Anders als bisher angenommen wurde das Opfer nicht im Schlaf attackiert. Das ergab die Befragung seines Zimmergenossen, der als Zeuge geladen war. Der 24-jährige Student schilderte auf die beharrlichen Nachfragen der Prozessbeteiligten: „Die Tür wurde langsam und leise geöffnet. Dann habe ich das laute Reden und Antworten gehört. Ich bin in Schlafsachen schnell abgehauen.“ Er habe Angst gehabt und sei zu marokkanischen Landsleuten in ein anderes Haus geflüchtet. Offenbar hat es somit vor dem ersten Messerstich ein Streitgespräch zwischen den zwei Georgiern gegeben.

Nach der Tat kam der Angeklagte zu dem Haus der Marokkaner: „Er saß im Wohnzimmer und hatte etwas Weißes über dem blutenden Daumen. Er hat mit niemandem geredet“, erzählte der Student. Keine fünf Minuten später sei die Polizei gekommen.

„Ich habe die Polizei mit Waffen und Blutspuren gesehen“

Insgesamt zeigte sich der Zeuge noch immer sehr angefasst von dem Geschehen im Mai. „Ich habe die Polizei mit Waffen und Blutspuren gesehen“, schilderte er. Im Anschluss habe er Sitzungen beim Psychiater in Anspruch nehmen müssen: „Diese Sache hat mich krank gemacht.“ Auch jetzt bekomme er Gänsehaut, wenn er darüber spreche.

Das Opfer hatte die Zimmertür in der Tatnacht nicht abgeschlossen. „Normalerweise schließe ich immer die Tür ab, wenn ich schlafen gehe“, sagte der 24-Jährige. Doch der 29-Jährige sei nach ihm zu Bett gegangen. Er habe bemerkt, dass dieser „sehr wütend und aufgeregt“ gewesen sei und telefoniert habe. Wegen der Sprachbarriere habe er nicht verstanden, worum es gegangen sei. Er selbst spreche arabisch, französisch und spanisch, so der Zeuge, sein Zimmergenosse hingegen georgisch und englisch.

„Das Opfer war am Rennen“

Ein 24-Jähriger aus dem Irak bewohnte das Zimmer neben dem Geschädigten. „Die beiden waren unzertrennlich“, beurteilte er das Verhältnis zwischen dem 29-Jährigen und dem 35-Jährigen. In der Tatnacht habe er geschlafen. „Ich habe zweimal ein lautes Geräusch gehört. Ich dachte, es sei der Wind. Dann habe ich die Tür aufgemacht. Das Opfer war am Rennen, der Angeklagte mit einem großen Messer hinterher“, schilderte er seine Wahrnehmungen. Dann sei das Opfer in dem Zimmer links neben ihm verschwunden. Es sei nie abgeschlossen, weil dort jemand wohne, der trinke.

Nach dem kurzen Blick auf den Flur hat der Iraker seine eigene Zimmertür verriegelt: „Ich war in Panik. Ich war neu in Deutschland und wusste nicht, wie man die Polizei ruft.“ Der Angeklagte habe auf die Nachbartür eingetreten – „wie jemand, der etwas machen wollte und es nicht zu Ende bringen kann“. Dann habe der Angreifer auch einige Male auf seine Zimmertür eingetreten – „ich habe mich darauf vorbereitet, aus dem Fenster zu springen“.

Der Prozess wird am 24. Januar um 9 Uhr mit weiteren Zeugen fortgesetzt.

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