Osnabrück  Malerin Helen Frankenthaler: Einsame Frau in der Phalanx der Männer

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 16.01.2023 17:56 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Helen Frankenthaler im Atelier 1974 FotoAlexander Libermann J. Paul Getty Trust,Getty Research Institute Foto: Helen Frankenthaler_Atelier_1974_FotoAlexander Libermann_J. Paul Getty Trust,Getty Research Institute
Helen Frankenthaler im Atelier 1974 FotoAlexander Libermann J. Paul Getty Trust,Getty Research Institute Foto: Helen Frankenthaler_Atelier_1974_FotoAlexander Libermann_J. Paul Getty Trust,Getty Research Institute
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Als die Kunst noch wild und vor allem männlich war, hatten Frauen es schwer. Helen Frankenthaler hat sich trotzdem durchgesetzt - mit einer Kunst, die ohne Kraftgesten auskam.

Mit 66 Jahren fängt sie einfach noch einmal ganz neu an. Helen Frankenthaler lässt die Farben frei fließen auf zwei mal zwei Metern handgeschöpftem Papier, sich vereinigen zu einer euphorischen Sinfonie in Rot und Grün, Gelb und Violett. „Beginnings“ heißt das Bild, das einen neuen Anfang setzt und zugleich die Summe eines langen Lebens mit der Malerei zieht. Die Künstlerin braucht kein wildes Action Painting, um ihre Magie zu entfalten, sie muss keine Muskeln spielen lassen, um zu überzeugen. Sie ist eine Frau unter lauter Männern – aber auf Augenhöhe.

In der Nachkriegskunst geben Männer den Ton an. In den USA besonders. Ob Barnett Newman, Mark Rothko oder insbesondere Jackson Pollock – was Kunstexperten Abstrakten Expressionismus nennen, formiert sich im Kunstbetrieb zu einer Phalanx der Kunstheroen einer freien Welt, die von keinem Zweifel angekränkelt ist. Mit ihren riesigen Formaten beherrschen sie die Ausstellungen ganzer Dekaden. Frauen kommen zunächst nur als Gefährtinnen oder Musen in den Blick. Helen Frankenthaler dagegen ist von Anfang an mit dabei: keine Grande Dame, aber eine Dame in jener Zeit, als die Kunst noch wild war.

Das Museum Folkwang muss deshalb an Helen Frankenthaler (1928-2011) nicht wirklich erinnern. Trotzdem ist es richtig, ihre Malerei neu in den Fokus zu rücken. Damit liegt die Schau im Trend. Seit Jahren korrigieren Kuratorinnen und Kuratoren das einseitige Bild einer von Männern beherrschten Moderne – mit großem Gewinn. Denn Namen wie Louise Bourgeois oder Maria Lassnig, Miriam Cahn oder Carmen Herrera haben das Bild der zeitgenössischen Kunst nicht nur erweitert, sie haben es korrigiert. Helen Frankenthaler gehört in das Zentrum dieser neuen Sicht.

Dabei startet Frankenthaler ihre Karriere nicht aus dem sozialen Abseits heraus. Im Gegenteil. Sie wächst als Tochter begüterter Eltern an der New Yorker Park Avenue auf, betreibt Kunststudien und findet schnell in die angesagten Kunstkreise, übrigens auch privat. Frankenthaler ist mit dem legendären Kunstkritiker Clement Greenberg liiert, mit Malerstar Robert Motherwell von 1958 bis 1971 verheiratet. Es wäre gleichwohl falsch, ihren Weg als Malerin auf biografische Details zu reduzieren.

Denn Frankenthaler entfaltet ihre ebenso lyrische wie kraftvolle Position neben dem Action Painting von Jackson Pollock, Barnett Newmans riesigen Bildtafeln oder den mystisch schwebenden Farbfeldern Mark Rothkos. Während Newman und Rothko auf spirituelle Erfahrungen zielen, ist Frankenthalers Kunst einem Diesseits verpflichtet, das nicht tragisch aufgeladen werden muss, um als existenzielle Erfahrung vollgültig zu sein. Sie beglaubigt ihre Kunst mit dem Abdruck ihrer schlanken Finger, die auf einzelnen Bildern sichtbar sind.

80 Bilder sind jetzt in Essen versammelt. Der Betrachter taucht in die Flut der Daseinsfreuden, die Frankenthaler aufleuchten lässt. Zwei mal drei Meter groß ist ihr Gemälde „Noon“, auf dem ein Weiß und ein Gelb wie lichte Blumen schweben, zart gefasst von einem Rand in Rot und Grün. Das Bild gehört zu einer Ausstellungstournee, mit der Frankenthaler in den Sechzigern für Furore sorgt. Die Stadt Hannover kauft „Noon“ seinerzeit an. Seitdem gehört dieses Fest reiner Lebensfreude zur Sammlung des Sprengel-Museums.

Helen Frankenthaler hat schon zu Lebzeiten Erfolg. Sie ist auf der Documenta 2 von 1959 präsent, vertritt die USA gemeinsam mit Pop-Künstler Roy Lichtenstein und Farbfeldmaler Elsworth Kelly 1966 auf der Biennale in Venedig. Amerikas Kunst triumphiert in jenen Jahren, wie eine neue Weltkunst, die von einem Way of Life kündet, der damals noch eine intakte, weltweit ausstrahlende Verheißung ist.

Helen Frankenthaler hat ihre Kunst frei gehalten von falschem Pathos. Ihre Bilder erscheinen nahbar, trotz großer Formate geradezu intim. Dazu gehört, dass sie Papier als Bildgrundlage entdeckt und Farbe schüttet und fließen lässt, anstatt sie ekstatisch auf Leinwände zu schleudern. Frankenthalers Bilder bieten keine Seelenstenogramme, sie entfalten sich wie Landschaften, in denen der Betrachter als Mensch seinen Platz findet. Diese Moderne ist nahbar. Das ist eine Leistung, kein Defizit.

Essen, Museum Folkwang: Helen Frankenthaler. Bis 5. März 2023. Di., Mi., Sa., So., 10-18 Uhr, Do., Fr., 10-20 Uhr.

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