Jahresrückblick Aurich/Wittmund Flugzeug auf der Straße, Combi in XL
Der Landkreis Aurich sucht händeringend nach Unterkünften für Flüchtlinge, zwei junge Frauen werden von ihren (Ex-)Partnern getötet, ein neuer Supermarkt lockt die Massen: Das Jahr 2022 bot viele Aufs und Abs.
Aurich/Wittmund - Corona, Ukraine-Krieg, Inflation: Diese Themen haben das abgelaufene Jahr geprägt, auch in den Landkreisen Aurich und Wittmund. War da noch mehr? Wir haben ein wenig im Gedächtnis und im Archiv gewühlt und sind fündig geworden. Der Jahresrückblick erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.
Wechsel an Klinikspitze
Claus Eppmann, Geschäftsführer der Trägergesellschaft Kliniken Aurich-Emden-Norden, hatte sich 2021 vorzeitig gegen Covid-19 impfen lassen, obwohl er nicht das Recht dazu hatte. „Mister Zentralklinik“ übersteht die Impfaffäre unbeschadet und treibt die Planung einer 814-Betten-Klinik für den Landkreis Aurich und die Stadt Emden weiter voran. Im Juni feiert Eppmann einen großen Erfolg: Das Land sagt zu, die Klinik mit 80 Prozent der geplanten Baukosten zu fördern (rund 460 Millionen Euro).
Kurz darauf bittet Eppmann um vorzeitige Auflösung seines Vertrages – aus persönlichen Gründen. Zum Jahresende geht der 63-Jährige in den Ruhestand. Auch seine Geschäftsführer-Kollegin Dr. Astrid Gesang zieht sich zurück. Die Gründe bleiben im Dunkeln. Die 63-Jährige unterschreibt einen Aufhebungsvertrag. Neuer, alleiniger Geschäftsführer wird zum 1. Januar Dirk Balster. Der 56-jährige Diplom-Ökonom ist dreifacher Weltmeister im Rudern. Vor einem Jahr hatte es noch geheißen, dass Eppmann und Gesang ein dritter Geschäftsführer an die Seite gestellt werden soll. Nun beginnt am 2. Januar eine One-Man-Show.
Tauziehen um die Kitas
Im Februar verkündet der Auricher Landrat Olaf Meinen (parteilos) in einer Sitzung des Finanzausschusses fast beiläufig eine brisante Nachricht: Der Landkreis werde zum Jahreswechsel sämtliche Kindertagesstätten im Kreisgebiet übernehmen, insgesamt 126 Krippen und Kindergärten zwischen Juist und Wiesmoor, zwischen Baltrum und Großefehn. Bürgermeister, Kita-Beschäftigte und Eltern sind ent- setzt.
Es gibt Unterschriftensammlungen und Protestkundgebungen in politischen Gremien. Nachdem sich die Wogen geglättet haben, beginnen der Landkreis und die Gemeinden zu verhandeln – und erzielen kurz vor Weihnachten einen Kompromiss: Die Kitas bleiben in der Trägerschaft der Städte und Gemeinden. Der Landkreis beteiligt sich deutlich stärker als bisher an den Betriebskosten.
Neue Tankstelle in Großefehn
An der Kanalstraße Süd in Ostgroßefehn wird im Februar eine Score-Tankstelle eröffnet. Eine Bürgerinitiative hat anderthalb Jahre lang dagegen gekämpft, letztlich vergeblich. Sie befürchtet Lärmbelästigung und eine Verschandelung des historischen Ortskerns rund um die Mühle.
Aus Rücksicht auf die Umgebung hat sich das Emder Unternehmen beim Design zurückgenommen. Statt der üblichen rot-gelben Score-Optik dominieren Grautöne. Inzwischen ist der Ärger abgeebbt. Die Kritiker sind verstummt, die Geschäfte laufen gut.
Flüchtlinge in der Kaserne
Seit dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine am 24. Februar flüchten Menschen aus der Ukraine, unter anderem nach Deutschland. Der Landkreis Aurich hat zunehmend Probleme, all die Schutzsuchenden unterzubringen. Im Juli beantragt die Kreisverwaltung beim Bund, das Kasernengelände in Aurich zur Unterbringung von Flüchtlingen nutzen zu dürfen – und kassiert im August eine Absage von der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima).
Grund sind die weit fortgeschrittenen Pläne der Stadt Aurich, die mit einem Investor aus Bremen einen neuen Stadtteil auf dem Kasernengelände entwickeln will. Landrat Olaf Meinen schaltet sich ein, und dann geht es plötzlich doch: Die Kaserne wird zur Flüchtlingsunterkunft. Der Kompromiss sieht vor, dass der Landkreis auf dem Bundeswehrgelände in vier Gebäuden insgesamt rund 1000 Plätze einrichten kann.
Willkommenskultur in Ihlow
In ganz Ostfriesland ist die Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge aus der Ukraine groß. Doch die Gemeinde Ihlow sticht noch einmal heraus. Unmittelbar nach dem Kriegsausbruch Ende Februar werden in der Gemeinde etliche private Hilfstransporte organisiert. Daraus erwächst in den folgenden Wochen und Monaten ein ganzes Netz von Hilfsangeboten für Flüchtlinge wie Alltagsbegleitung, Sprachkurse, Fahrradservice und Kleiderspenden.
Zwei junge Frauen werden umgebracht
War es ein Ehrenmord? Am 19. September wird in Aurich eine Frau muslimischen Glaubens von ihrem Partner getötet. Die 20-Jährige stirbt in einem Mehrfamilienhaus an der Popenser Straße durch Gewalteinwirkung. Was genau geschehen ist, lassen Polizei und Staatsanwaltschaft offen. Der 27-jährige Lebensgefährte des Opfers wird des Totschlags verdächtigt und sitzt in Untersuchungshaft. Die getötete Frau hinterlässt eine zweijährige Tochter. Der Polizeieinsatz erregt großes Aufsehen. Die Polizei stellt Sichtschutzzäune auf, da sich zahlreiche Angehörige der Verstorbenen vor dem Haus versammeln und die Polizeiarbeit behindern. Es handelt sich um eine kurdische Familie. Zwei Tage später demonstrieren auf dem Marktplatz rund 70 Menschen gegen Gewalt an Frauen. Sie sind einem Aufruf des Kurdischen Frauenrates Zelal gefolgt.
Im selben Monat wird eine weitere Frau aus Aurich von ihrem Ex-Partner getötet. In Griechenland erschießt ein 56-Jähriger die 31-jährige Anna K. und ihren zehn Monate alten Sohn. Anschließend tötet er sich selbst. Nach Berichten griechischer Medien hatte Anna K. den Mann im Sommer verlassen und geplant, mit ihrem Kind in ihre Heimatstadt Aurich zurückzukehren.
Blütenfest mit Pannen
In Wiesmoor wird das 70. Blütenfest gefeiert. 2020 war die traditionsreiche Veranstaltung pandemiebedingt ausgefallen. Im Jahr darauf gab es für die Wahl der Blütenkönigin nur drei Kandidatinnen und keinen Blumenkorso. Diesmal kehrt das Fest weitgehend zur Normalität zurück. Die 21-jährige Verwaltungsfachangestellte Jana Gerdes wird zur neuen Regentin Rudbeckia I. (Sonnenhut) gewählt. Ihre Prinzessinnen heißen Justine Brazda und Finja Krause.
Bei der Aufstellung der Kandidatinnen hatte es zuvor Verwirrung gegeben. Ursprünglich waren es acht. Mehr wollten die Luftkurort Wiesmoor Touristik sowie der Verkehrs- und Heimatverein nicht zulassen. Bei der offiziellen Vorstellung der Bewerberinnen tauchen allerdings nur drei auf. Eine ist krank, die anderen fehlen unentschuldigt. Rechtzeitig vor der Wahl wird Ersatz gefunden, sodass schließlich sieben junge Frauen kandidieren.
Ärger an Großbaustelle
Die Fockenbollwerkstraße (L 34) in Aurich wird seit Juni erneuert. Eigentlich sollen die Bauarbeiten bis Ende 2023 abgeschlossen sein. Anfang Oktober muss umgeplant werden: Wie sich herausstellt, muss ein rund 560 Meter langer Regenwasserkanal auf der Nordseite der Straße erneuert werden.
Die Stadt hatte das nicht gewusst und gibt dem beauftragten Ingenieurbüro die Schuld. Die Bauarbeiten werden mindestens bis Frühjahr 2024 andauern. Wer die Mehrkosten trägt? Unklar.
Erster Combi XL eröffnet
Die Auricher sind heiß auf den neuen Combi XL am Pferdemarkt: Am Eröffnungstag, dem 1. Dezember, stehen schon um halb sieben die ersten Kunden vor der Tür. Es ist der erste Combi XL. Mit einer Verkaufsfläche von mehr als 3200 Quadratmetern und einem größeren Sortiment hebt sich der Verbrauchermarkt von den herkömmlichen Combi-Märkten ab.
Und er setzt verstärkt auf digitale Technik: An den Self-Checkout-Terminals wird das Smartphone zur Kasse. Sorge bereitet allerdings die Verkehrsanbindung. Frank Buchholz von der Niedersächsischen Landesbehörde für Straßenbau und Verkehr übt Kritik an der Stadt: „Man hätte sich um den Verkehr kümmern müssen.“
Lösung für die Markthalle
Aus der leerstehenden Auricher Markthalle soll bis Ende 2023 ein Standort des Cafés Extrablatt werden. Kurz vor Weihnachten stimmt der Rat dem Konzept mit großer Mehrheit zu. Das 900 Quadratmeter große Gebäude, das seit 1991 auf dem Marktplatz steht, soll für zehn Jahre an die CE Franchise GmbH aus Emsdetten (Nordrhein-Westfalen) verpachtet werden – mit einer dreifachen Verlängerungsoption von jeweils fünf Jahren.
Die Stadt muss zwei Millionen Euro in Umbau und Sanierung des Gebäudes investieren. Kritiker halten das für Geldverschwendung und fordern den Abriss.
Neue Schule für Südbrookmerland
Am alten Standort der Haupt- und Realschule in Moordorf wird zum kommenden Schuljahr eine Zweigstelle der Freien Christlichen Schule Ostfriesland eröffnet. Eltern haben dafür Unterschriften gesammelt.
Die Politik stellt die Weichen, damit sich die Privatschule aus Moormerland (Landkreis Leer) in Südbrookmerland ansiedeln kann. Das Schulgeld beträgt 132 Euro pro Monat, für Geschwisterkinder weniger.
Ist das Sandwater noch zu retten?
Das Sandwater in Simonswolde verliert immer wieder Wasser. Zu niedrige Wasserpegel, Verlandung und Verschlammung bedrohen die Existenz des 23 Hektar großen Niedermoorsees, aus dem die Stadtwerke Emden Trinkwasser gewinnen. Im November werden die Ergebnisse einer Studie zum Erhalt des Sandwaters vorgestellt. Tenor: Das Gewässer muss entschlammt werden. Blaualgen müssen zurückgedrängt und Lecks zügig geschlossen werden.
Ein Arbeitskreis aus Vertretern unterschiedlicher Behörden und Verbände soll auf Grundlage der Studie langfristige und nachhaltige Konzepte für den Fortbestand des Sandwaters auf den Weg bringen.
Flugzeug auf der Straße unterwegs
In der Nacht zum 7. Oktober ist Fingerspitzengefühl gefragt: Ein ausgemusterter Eurofighter wird per Schwerlasttransport über die eigens gesperrte Bundesstraße 210 vom Flugplatz Wittmundhafen zum Flugplatz Upjever gebracht.
Der 25 Kilometer lange Transport des mehr als elf Meter breiten Kampfflugzeugs durch das nächtliche Jever gestaltet sich an einigen Stellen ziemlich eng. Das Spektakel lockt viele Menschen mitten in der Nacht auf die Straße.
Wolf breitet sich aus
In diesem Jahr führt das Wolfsmonitoring erstmals ein festes Wolfsrudel in der Gemeinde Friedeburg, bisher das einzige in Ostfriesland. Nach neun getöteten Rindern im Umkreis des Rudels erlässt das Umweltministerium am 14. September eine Ausnahmegenehmigung zum Abschuss eines Wolfsrüden, dem mehrere der Risse per DNA-Probe nachgewiesen werden konnten.
Der Wolf wird jedoch nicht erlegt. Rund sechs Wochen danach ist es zu spät. Die Genehmigung wird gerichtlich gekippt. Die Zahl der gerissenen Rinder steigt weiter.