Forscher legen Studie vor  Silvesterfeuerwerk hat Langzeitfolgen bei Wildgänsen

Tatjana Gettkowski
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Von Tatjana Gettkowski
| 28.12.2022 19:09 Uhr | 1 Kommentar | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Wenn Wildgänse durch das Silvesterfeuerwerk aufgeschreckt werden, verlieren sie viel Energie, besonders in harten Wintern. Foto: dpa
Wenn Wildgänse durch das Silvesterfeuerwerk aufgeschreckt werden, verlieren sie viel Energie, besonders in harten Wintern. Foto: dpa
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Wissenschaftler haben eine Studie vorgelegt, die zeigt, welch fatale Langzeitfolgen das Silvesterfeuerwerk besonders bei Wildgänsen haben kann. Es wurden auch Daten aus dem Rheiderland ausgewertet.

Rheiderland - Viele Haustierbesitzer wissen aus eigener Erfahrung, welche Todesängste ihre Hunde oder Katzen in der Silvesternacht ausstehen. Während sie sich in ein sicheres Versteck in der Wohnung zurückziehen können, sind Wildtiere den Farbfontänen und dem ohrenbetäubenden Pfeifen von Raketen und Böllern schutzlos ausgeliefert. Der Gänseforscher Dr. Helmut Kruckenberg wünscht sich, dass es künftig nur noch organisierte Feuerwerke gibt. Seine Forderung untermauert er mit dem Ergebnis einer Studie, an der er selbst mitgewirkt hat.

Was und warum

Darum geht es: Feuerwerk hat fatale Folgen für Wildtiere.

Vor allem interessant für: Naturfreude und Feuerwerksfans

Deshalb berichten wir: Wissenschaftler haben eine Studie über die Auswirkungen von Feuerwerk auf Wildgänse veröffentlicht. Gänseforscher Dr. Helmut Kruckenberg hat Daten aus dem Rheiderland beigesteuert.

Die Autorin erreichen Sie unter: t.gettkowski@zgo.de

Dr. Helmut Kruckenberg hat sich seit den 90er Jahren der Wildvogelforschung verschrieben. Eines seiner Hauptforschungsgebiete liegt im Rheiderland, einem der wichtigsten Rastgebiete arktischer Wildgänse. Zahlreiche Gänse hat er im Rahmen seiner Forschung mit Sendern ausgestattet. Ebenso wie die Daten von Gänsen aus den Niederlanden und Dänemark flossen die GPS-Daten von Rheiderländer Gänsen jetzt in eine Studie des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Konstanz und des Niederländischen Instituts für Biologie ein. „Seit Anfang dieses Jahres wurden aus der Datenbank Bewegungsdaten von insgesamt 347 Gänsen ausgewertet“, berichtet Kruckenberg. Abgeglichen wurden dabei jeweils Flugbewegungen vom 19. Dezember bis zum 12. Januar aus acht aufeinanderfolgenden Jahren.

Flucht vor den Böllern kostet Energie

Normalerweise verbringen die Wildgänse die Wintermonate im Rheiderland und vielen anderen europäischen Regionen, um sich Fettreserven für den kräftezehrenden Flug in ihre arktischen Brutgebiete anzufuttern. Die Studie hat jetzt anschaulich vor Augen geführt, wie viel Energie die Vögel durch das Silvesterfeuerwerk verlieren. In der Silvesternacht flogen die Wildgänse plötzlich von ihren Schlafgewässern, wie beispielsweise dem Dollart, auf. Die aufgeschreckten Wildgänse legten in der Silvesternacht nach Erkenntnissen der Wissenschaftler teilweise Strecken von 500 Kilometern in einem Stück zurück. Das kostet Kraft. Die Studie zeigte, dass sich die Fresszeiten der besenderten Wildgänse in den zwölf Tagen nach Silvester um zehn Prozent verlängerten. Die Tiere, so vermuten die Wissenschaftler, versuchen auf diese Weise, die verlorene Energie zu kompensieren, die sie durch das panikartige Auffliegen verloren haben. In strengen Wintern könne dieser Stress laut Kruckenberg bei einigen Tieren die Überlebenschance deutlich reduzieren.

Dr. Helmut Kruckenberg erforscht schon seit den 90er Jahren das Leben der arktischen Wildgänse und hat an der jetzt veröffentlichten Studie über die Langzeitfolgen der Böllerei auf die Tiere mitgewirkt. Foto: Privat
Dr. Helmut Kruckenberg erforscht schon seit den 90er Jahren das Leben der arktischen Wildgänse und hat an der jetzt veröffentlichten Studie über die Langzeitfolgen der Böllerei auf die Tiere mitgewirkt. Foto: Privat

Durch die Corona-Pandemie gewannen die Forscher weitere interessante Erkenntnisse. Zum Jahreswechsel 2020/2021 wurde vielerorts nämlich deutlich weniger geknallt als in den Vergleichsjahren. Zumindest anhand der Daten der Bläss- und Saatgänse ließen sich dennoch ähnliche Reaktionen während der Silvesternacht wie in den Vorjahren ableiten. Konkret heißt das: Auch vergleichsweise geringfügiges Geböller löste bei ihnen panikartige Reaktionen aus. Durch ihre Erfahrungen mit dem Feuerwerk sind diese Tiere offenbar nachhaltig beunruhigt. „Diesen dramatischen Auswirkungen müsste man Rechnung tragen“, findet Dr. Helmut Kruckenberg. Er und seine Kollegen fordern daher, das Zünden von Raketen und Feuerwerkskörpern in der Nähe von Nationalparks, Vogelschutzgebieten und anderen wichtigen Rastgebieten zu verbieten.

Das Rheiderland zählt in Europa zu den wichtigsten Rastgebieten arktischer Wildgänse. Foto: Kruckenberg
Das Rheiderland zählt in Europa zu den wichtigsten Rastgebieten arktischer Wildgänse. Foto: Kruckenberg

Der NABU vertritt einen ganz ähnlichen Standpunkt. In einen Info-Papier fordert er ein Verbot privater Silvesterknallerei und eine Beschränkung auf zentral organisierte Feuerwerke. Der Deutsche Tierschutzbund geht sogar noch einen Schritt weiter. In einem offenen Brief, initiiert von der Deutschen Umwelthilfe, hat er gemeinsam mit vielen anderen Organisationen Bundesinnenministerin Nancy Faeser zum Handeln aufgefordert. Ihre Forderung: Der private Kauf und Gebrauch von Pyrotechnik zu Silvester soll dauerhaft beendet werden.

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