Berlin Sozialverband fordert bis zu 695 Euro für jedes Kind
Kinder sind besonders häufig von Armut betroffen. Die Vorsitzende des Sozialverband Deutschlands, Michaela Engelmeier, mahnt im Interview die rasche Einführung einer Kindergrundsicherung an.
Frage: Frau Engelmeier, wer bekommt die gestiegenen Energie- und Lebensmittelpreise in Deutschland am meisten zu spüren?
Antwort: Sehr stark betroffen sind Kinder. 20 Prozent der Kinder in Deutschland leben in Armut. Wenn man arm ist, leidet man besonders unter den gestiegenen Preisen. Den Eltern fehlt dann Geld für gutes Essen, für den Zoobesuch oder das Eis im Schwimmbad sowieso. Auch Rentner sind besonders betroffen. Das sehen wir daran, dass immer mehr ältere Menschen sich Lebensmittel bei den Tafeln holen.
Frage: Der Chef der Tafeln in Deutschland sagte bei uns im Interview, Armut breite sich aus. Was beobachten Sie?
Antwort: Wir sind eines der reichsten Länder der Welt, aber ja, es ist so. Armut breitet sich jetzt auch bei uns aus. Kinder sind in Deutschland besonders von Armut betroffen. Wir rechnen mit steigenden Zahlen im nächsten Jahr. Eines der reichsten Länder der Welt kann das nicht so hinnehmen. Die Politik muss endlich gegensteuern.
Frage: Was bedeutet es für ein Kind in Deutschland, in Armut aufzuwachsen?
Antwort: Kinder in Deutschland müssen sicher nicht hungern, aber Kinder in ärmeren Familien ernähren sich weniger ausgewogen. Außerdem haben sie Zukunftsängste. Kinder spüren, wenn das Budget der Eltern knapp ist. Sie bemerken, dass es kein frisches Obst und Gemüse gibt oder dass die Heizung runtergedreht wird. Wenn es den Eltern nicht gut geht, geht es auch den Kindern nicht gut.
Frage: Was ist aus Ihrer Sicht zu tun?
Antwort: Wir brauchen mehrere Maßnahmen. Die Grundsicherung muss existenzsichernd sein, das ist sie auch mit der Erhöhung ab Januar nicht. Wir müssen den Niedriglohnsektor bekämpfen und tarifliche Entlohnung ausbauen. Die von der Ampel-Koalition geplante Kindergrundsicherung könnte ein wichtiger Baustein für die Bekämpfung von Kinderarmut werden. Die bisherige Familienförderung ist ein Dschungel aus Leistungen. Vieles ist schwierig zu beantragen oder den Berechtigten teils gar nicht bekannt. Dem Staat sollte eigentlich jedes Kind gleich viel wert sein. Aber im Augenblick profitieren wohlhabende Eltern über den Kinderfreibetrag stärker als Familien, die Kindergeld erhalten.
Frage: Bundesfamilienministerin Lisa Paus will die Eckpunkte für die Kindergrundsicherung zum Jahresbeginn vorstellen. Was sind Ihre Erwartungen?
Antwort: Ich bin sehr skeptisch, weil die Kindergrundsicherung erst 2025 zur Auszahlung kommen soll. Das ist das Jahr der nächsten Bundestagswahl. Ich mache mir große Sorgen, dass die Kindergrundsicherung verzögert oder zum Wahlkampfthema wird. Verzögerungen können wir uns aber nicht mehr leisten. Ich bin gespannt auf die Eckpunkte der Ministerin.
Frage: Was müsste sich mit der Kindergrundsicherung ändern?
Antwort: Es muss gelingen, die bisherigen Leistungen zu bündeln. Wir brauchen einen einfachen Zugang statt einen Antrags-Dschungel. Kinder müssen wirklich davon profitieren. Parallel dazu müsste die Infrastruktur für Familien bundesweit ausgebaut werden. In manchen Bundesländern haben wir Kindergartenbeiträge, in anderen nicht. Auch der Zugang zu Sportvereinen und Schwimmbädern müsste für arme Kinder flächendeckend kostenlos sein.
Frage: Wie viel Geld müsste ein Kind pro Monat erhalten, um vor Armut geschützt zu sein?
Antwort: Der SoVD ist ja Mitglied im „Bündnis Kindergrundsicherung“ und da fordern wir, in einem ersten grundlegenden Schritt das tatsächliche Existenzminimum realitäts- und bedarfsgerecht zu ermitteln. Das sollte eine breite Expertenkommission machen. Bis dahin muss die aktuelle Höhe des Existenzminimums für alle als garantiertes Kinderrecht gelten - nicht nur für diejenigen, deren Eltern Steuern zahlen können. Deswegen sagen wir: Alle Kinder müssen mit einer Grundsicherung von bis zu 695 Euro monatlich abgesichert werden, gestaffelt nach der Einkommenssituation der Eltern. Unsere Kinder sollten uns das wert sein.