Wirtschaftsjuniorin im Interview  „Die Energiekrise ist da. Es braucht jetzt Business-Kreativität“

Nikola Nording
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Von Nikola Nording
| 28.12.2022 13:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Ab 2023 für ein Jahr Sprecherin der IHK-Wirtschaftsjunioren für Ostfriesland und Papenburg: Merle Sandersfeld-Kelm Foto: Petra Möhlmeyer
Ab 2023 für ein Jahr Sprecherin der IHK-Wirtschaftsjunioren für Ostfriesland und Papenburg: Merle Sandersfeld-Kelm Foto: Petra Möhlmeyer
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Merle Sandersfeld-Kelm ist neue Sprecherin der IHK-Wirschaftsjunioren. Im Interview spricht die Leeraner Unternehmerin über den Fachkräftemangel und worauf Arbeitgeber jetzt achten müssen.

Ostfriesland - Fachkräftemangel, Energiekrise, Inflation – Betriebe sind derzeit mit zahlreichen Herausforderungen konfrontiert. Geschäftsführerinnen und Geschäftsführer von Ein-Personen-Betrieb sowie großen Unternehmen schlagen sich mit diesen Problemen rum. Austauschen können sich junge Unternehmerinnen und Unternehmer bei den Wirtschaftsjunioren der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Ostfriesland und Papenburg. Unternehmenslenker bis 40 Jahre aus den Bereichen Einzelhandel, Handwerk und Industrie tauschen sich bei den regelmäßigen Treffen aus. Gemeinsam stehen sie laut IHK für ein Umsatzvolumen von etwa 2 Milliarden Euro, beschäftigen rund 7.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und bilden circa 700 junge Menschen aus. Ihre Sprecherin ist ab kommendem Jahr Merle Sandersfeld-Kelm. Sie ist Geschäftsführerin der Sandersfeld Sicherheitstechnik GmbH in Leer. Im Interview spricht sie über die derzeitigen Herausforderungen des Mittelstands in Ostfriesland und was Arbeitgeber alles für gute Mitarbeiter leisten müssen.

Frau Sandersfeld-Kelm, was ist für den Mittelstand in Ostfriesland schlimmer: die Energiekrise oder der Fachkräftemangel?

Das ist eine schwierige Frage. Ich glaube, beides ist nicht zu unterschätzen. Es ist eigentlich eine Entscheidung zwischen Pest und Cholera. Aber die Kombination aus beiden Herausforderungen hat es wirklich in sich.

Dann fangen wir mit dem Fachkräftemangel an. Was ist da das Problem?

Wir brauchen alle gute Leute und das nicht erst seit gestern. Dieses Problem mit dem Fachkräftemangel haben wir schon länger. Es wächst derzeit eine neue Generation heran, die – gefühlt – keine Lust auf eine Ausbildung hat, sondern eher ein Studium anstrebt. Früher war es anders: Viele haben nur eine Ausbildung oder eine Ausbildung und zusätzlich ein Studium gemacht, so habe ich es auch getan. Die Kombination hat mir auch nicht geschadet, ganz im Gegenteil. Man wird älter und erhält praktische Erfahrung. Doch derzeit wird dieser praktische Part ausgelassen, direkt ein Studium aufgenommen und dann geht es in die Firmen. Erst dann bekommen sie einen Einblick in den Arbeitsalltag.

Aber das ist doch eigentlich nicht neu: Den Konflikt zwischen der Arbeitsmoral der jungen Leute und den älteren gibt es schon lange. Warum ist es gerade jetzt problematisch?

Gerade beim Thema Ausbildung merken wir in den letzten Jahren das weniger Bewerbungen kommen. Die jungen Leute, die noch eine Ausbildung machen wollen, können sich die Unternehmen viel mehr aussuchen und sie informieren sich ganz anders. Wer heute als Firma keinen Social-Media-Kanal oder eine moderne Website hat, wird es bei den Bewerbungen schwer haben. Dort informieren die jüngeren sich über potenzielle Arbeitgeber. Das ist von der Mitarbeiteranzahl unterabhängig – und als Geschäftsführung muss man die neuen Wege erkennen und umsetzen.

Aber wenn man die jungen Leute dann in der Firma hat, läuft’s?

Nein, die Jüngeren ticken auch im Arbeitsleben anders. Man sollte mehr Gruppen- oder Projektarbeiten machen, mehr erklären. Früher gab es eine Ansage und das wurde gemacht. Heute wollen die jungen Leute integriert werden und hinterfragen ihre Aufgaben auch.

Und bei den ausgebildeten Fachkräften?

Da bewegt sich der Trend hin, dass viele ihre Arbeitskraft als Freelancer, also zum Beispiel projektbezogen, anbieten, um das Verhältnis von Freizeit und Arbeit besser gestalten zu können. Das wurde früher eher belächelt, heute wird es immer mehr. Flexible Arbeitszeiten sind für viele Fachkräfte auch ein Kriterium oder Angebote wie die Vier-Tage-Woche. Auch beim Thema Gehalt kommen immer wieder Forderungen von Mitarbeitern, wo man Lösungen finden muss.

Das Thema Gehalt ist gerade bei den steigenden Preisen ein wichtiges Thema für Mitarbeiter. Sollten Arbeitgeber, um gute Mitarbeiter zu halten, da alles mitmachen?

Ich denke nicht. Man sollte aber auch zum Beispiel einen Fünf-Jahres-Plan für seine Mitarbeiter stricken und so Perspektiven schaffen: Was kann man umsetzen, was ist wichtig? Was können wir stemmen? Kurz vor der Insolvenz kann man Gehälter nicht erhöhen, aber man kann andere Boni ermöglichen, zum Beispiel Sportprogramme oder flexible Arbeitszeiten. Mir ist Wertschätzung und Integration der Mitarbeiter ganz wichtig. Aber klar, am Ende geht es ums Geld – für beide Seiten. Die Energiekrise ist da. Es braucht jetzt Business-Kreativität. Man kann nicht alles auf einmal bewältigen, aber man muss neue Wege gehen. Dazu ist auch das Thema Netzwerken, wie wir es bei den Wirtschaftsjunioren machen, ganz wichtig.

In einem Bürojob stelle ich mir flexible Arbeitszeiten oder eine Vier-Tage-Woche noch möglich vor. Schwieriger wird es doch bei den Handwerksberufen, oder?

Es ist super schwer und das ist auch das Problem. In meinem Unternehmen habe ich auch Techniker draußen beim Kunden. Bei den Wirtschaftsjunioren sind auch Einzelhändler oder Handwerker Mitglied. Wir stehen alle vor dem Problem der Umsetzung. Es gibt Chancen und Risiken. Wie werden die Kunden fünf Tage die Woche bedient? Was ist, wenn jemand ausfällt? Wir müssen das Modell gut überlegen, damit die Arbeit auch gemacht wird. Das ist mein Weihnachtsprojekt.

Wie flexibel sind die Arbeitgeber in Ostfriesland?

Es kommt. Wir verfolgen ja auch die verschiedenen Arbeitsmodelle, zum Beispiel auch in Großbritannien oder Skandinavien. Viele Betriebe, die ich kenne, überlegen, wie sie es hinkriegen, ohne das jemand darunter leidet. Man kann die Stunden in vier Tage quetschen, aber das erfüllt ja nicht den Sinn des Modells.

Doch vier Tage bei vollem Gehalt kostet und da kommen wir zur Energiekrise. Inwiefern?

Die meisten Firmen haben gerade diverse Probleme gleichzeitig. Die Corona-Krise haben wir hinter uns, jetzt steigen die Preise für Energie. Hinzu kommen die hohen Preise für Material und die Lieferketten-Engpässe. Man muss also eigentlich die Preise für seine Produkte oder Dienstleistungen erhöhen, möchte aber nicht so weit erhöhen, damit einem die Kunden nicht abspringen. Wenn dann noch der Mitarbeiter kommt, eine Gehaltserhöhung möchte, weil für ihn die Kosten auch mehr werden, oder eine Vier-Tage-Woche, dann wird es für Unternehmer schwierig. Das ist eine riesige Herausforderung.

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