Berlin Die frohe Botschaft der Nina Hagen
Nach elf Jahren hat Nina Hagen, einstmals selbst ernannte Godmother of Punk, ein neues Album aufgenommen. Mit „Unity“ engagiert sich die Sängerin für Frieden und soziale Gerechtigkeit. Wir sprachen mit der Rockröhre über Musik, Schmerz und Fehler.
Nina Hagen ist nach langer Pause mit ihrem neuen Album „Unity“ zurück in den internationalen Pop-Charts, überrascht mit unterschiedlichen Stilrichtungen von Dub und Electronics bis hin zu Country, Blues und Gospel. Wir sprachen mit dem 67-jährigen Multitalent über den langen Weg zum neuen Album, ihren Abschied von ihrer Mutter Eva-Maria, ihre neue Rolle als Großmutter und ihren Einsatz für Nächstenliebe und soziale Gerechtigkeit. Nina, es sind mehr als zehn Jahre seit dem letzten Album „Volksbeat“ vergangen. Warum hat das so lange gedauert? Nina Hagen: Das war so ein Projekt, das hat sich mehrere Jahre lang hingezogen. Nichtsdestotrotz hat es großen Spaß gemacht. Ein Lied war mir ganz besonders wichtig. Ich habe den Song mit meinen Freundinnen Lene Lovich und Liz Mitchell in London produziert, der sich thematisch mit der Frauenbewegung auseinandersetzt. Die Aufnahme wurde später von dem verantwortlichen Sound-Ingenieur dann nicht rausgerückt. Er stellte ganz schreckliche, unerfüllbare Bedingungen. So hat es Grönland Records gebraucht, um es nun endlich doch zur Veröffentlichung zu bringen.
Das neue Album „Unity“ wird gerade von der Kritik in Deutschland, England und den USA sehr gelobt. Zufrieden? Nina Hagen: Ich habe kürzlich den Fehler gemacht, am Computer den Titel des neues Albums einzugeben, bin dort über den Artikel eines Stadtmagazins gestolpert, das sich mal wieder übertroffen hat im Beleidigen. Die bezeichnen mich als Schamanen-Diva! Dabei bin ich doch bloß spät getaufter Christ. Aber das reicht denen nicht, so sollen sie mich doch beschimpfen. Jüngst habe ich in einem anderen Gespräch geäußert: Leute, ich bin fertig mit der Welt. Aber das darf man bei mir nicht so ernst nehmen. Wenn ich so etwas sage, bin ich kurz mal traurig und dann wird die Trauer auch schon wieder weggespült durch eine positive Erfahrung. Aber gerade als Christ weiß man ja, wie verletzend sowas ist. Deshalb macht man das ja nicht, böse über andere Menschen zu sprechen, die sich in dem Moment nicht wehren können.
Im vergangenen Jahr haben Sie auch in ihrer Familie Schmerz, aber auch Freude erfahren. Wie geht es ihnen jetzt? Nina Hagen: Bei meiner geliebten Mama ging es ja immer sehr solidarisch zu. Sie wollte mich beschützen und ich wollte sie beschützen. Aber es gab halt Momente, wo sie mal so auf die Schnelle Nacktfotos von mir mit Schwangerbauch veröffentlichen wollte, ohne mit mir vorher darüber zu sprechen. Allzu private Dinge gehören nicht in die Öffentlichkeit.
Aber das ist alles vergeben und vergessen. Ich bin in der glücklichen Position, berichten zu können, dass ich schon von meiner Mama geträumt habe, nachdem sie ihre irdische Hülle verlassen hat. Und das waren unglaublich schöne Träume. Total bunte, wunderbare Träume. In dem Sinne weiß ich, dass sie gut aufgehoben ist, da wo sie jetzt ist. Sie hat sogar einen Engel als Bodyguard. Und das Baby ist der Hammer, so klein und fein. Unglaublich toll! Es ist ein überwältigendes Gefühl, Großmutter zu sein. Das kann man erst verstehen, wenn es so weit ist, man das Baby in den Armen hält.
Mit „16 Tons“ haben Sie für das neue Album ein sozialkritisches Lied eingespielt, das populär wurde, als sie selbst noch ein Baby waren. Nina Hagen: Ja. Das Lied habe ich noch im Kinderwagen gehört. Einen ganz alten Gospelsong namens „Shadrack“, den auch Gitte Haenning mal gecovert hat, habe ich auch neu eingespielt. Und Bob Dylans „Blowin In The Wind“ ist ja auch schon 60 Jahre alt. Ich bin ja der Meinung, dass solche alten Friedenslieder immer wieder gehört werden sollten. Denn so lange es noch keinen Weltfrieden gibt, ist es angebracht, einer jungen Generation, die sie noch nicht kennt, diese Friedenslieder auf den Tisch zu knallen. Besonders froh bin ich darüber, dass bei den Songs mein guter Freund Dennis Kucinic beteiligt ist. Er ist ein Friedensmacher, einer dem ich gerne folgen würde, einer der wenigen Demokraten in den USA, der sich immer für den Frieden und soziale Gerechtigkeit eingesetzt hat. Am Puls unserer Zeit sind die Lieder, die Sie gemeinsam mit dem in Berlin arbeitenden Musiker Warner Poland produziert haben. Ich denke da an Songs wie „Atomwaffensperrvertrag“ und „Geld, Geld, Geld“. Nina Hagen: Die Welt wäre eine bessere, wenn sich die Reichen auch am Gemeinwohl beteiligen würden. Ich erinnere mich an Dreharbeiten auf der Krim zur Jahrtausendwende. Da habe mit russischen und ukrainischen Akteuren gemeinsam gedreht, erlebte dort ein großes Gemeinschaftsgefühl, fühlte Hoffnung in meinem Herzen. Heute bin ich schrecklich enttäuscht darüber, wie sich die Weltpolitik entwickelt hat. Aber als Christ gibt es für mich keine Alternative zum friedlichen Miteinander. Deshalb sage ich nein zu Aufrüstung und Kriegsgeschrei. Die frohe Botschaft lautet: Wenn wir zusammenhalten, können wir Freiheit und Frieden auf Erden schaffen.