Kolumne „Artikel 1, GG“ Nächstenliebe darf kein Fremdwort werden
Mittwochs geht es hier um den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Heute zieht unsere Kolumnistin eine politisch-gesellschaftliche Bilanz für das Jahr 2022 – und kommt zu einem erschütternden Ergebnis.
Die Weihnachtszeit habe ich mit Hund Oskar bei meiner Familie in Hannover verbracht. Die Tage verliefen harmonisch und ich war ganz entspannt – was daran lag, dass ich mich von der Außenwelt abgeschottet, ganz bewusst auf Medienkonsum verzichtet und tagelang keine Nachrichten verfolgt habe. Stattdessen habe ich gehäkelt, Romane gelesen und lange Spaziergänge mit Oskar gemacht.
Zur Person
Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.
Während der Touren in der Natur gingen meine Gedanken auf Reisen. Obwohl ich sie immer wieder ins Hier und Jetzt zurückzuholen versuchte, gelang es mir nicht, ganz abzuschalten. Unfreiwillig bilanzierte ich das zu Ende gehende Jahr. Es gibt kaum ein gesellschaftliches oder politisches Ereignis, das ich auf Anhieb als ein erfreuliches bezeichnen kann. 2022 verbinde ich – wie sicherlich auch viele andere – vor allem mit Corona, Kriegen und Krisen. Und damit einhergehend mit sehr viel Leid für Menschen in nah und fern. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, der Völkermord an der muslimischen Minderheit der Uiguren in China, die Burkapflicht für Frauen in Afghanistan, die Gewalt des islamistischen Regimes im Iran gegen Frauen und Männer, die für Selbstbestimmung demonstrieren, sogenannte Reichsbürger, die einen Umsturz planten, Rechtsextreme, die Asylbewerber angreifen... Der Glaube an das Gute wird durch die brutale Realität tagtäglich erschüttert.
Persönlich werde ich das Jahr 2022 mit guten und weniger guten Ereignissen in Erinnerung behalten; dass ich mich von meinem Vater verabschieden und seine Hand halten konnte, als er starb, das empfinde ich als ein großes Geschenk.
Für 2023 habe ich keine großen Vorsätze und für mich persönlich nur ein Wunsch: optimistisch und zuversichtlich zu bleiben. Und für uns alle, dass Nächstenliebe kein Fremdwort wird, wir uns nicht nur um uns selbst drehen und uns nicht zu viel und nicht zu wenig informieren, um nicht Verschwörungsschwurblern auf dem Leim zu gehen.
Kontakt: kolumne@zgo.de
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