Mangel an Arzneimitteln  Ist Tablettentausch machbar, Herr Nachbar?

Jens Schönig
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Von Jens Schönig
| 29.12.2022 18:33 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Weil es für viele Medikamente gerade Engpässe gibt, blicken derzeit viele Deutsche eher besorgt in ihren Arzneischrank. Foto: Pilick/dpa
Weil es für viele Medikamente gerade Engpässe gibt, blicken derzeit viele Deutsche eher besorgt in ihren Arzneischrank. Foto: Pilick/dpa
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Bei den derzeitigen Engpässen für Arzneimittel sind Betroffene für jede Hilfe dankbar. Allerdings ist nicht jede Idee auch wirklich sinnvoll und umsetzbar, sagen Ärzte.

Ostfriesland - Fiebersäfte, Blutdrucksenker, Antibiotika: Für immer mehr Medikamente gibt es derzeit Lieferengpässe. Der bereits seit Monaten bestehende Mangel an bestimmten Medikamenten breitet sich nach Angaben von Ärzte- und Apothekerverbänden auf andere Arzneimittelgruppen aus. Und inmitten dieser Situation überrollt eine Infektionswelle das Land. Während zeitweise bis zu zehn Millionen Deutsche husten und niesen, müssen Apotheker bei immer mehr Rezepten, die ihnen über den Tresen gereicht werden, mit den Schultern zucken.

In dieser Krise rief kürzlich der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, die Bevölkerung auf, sich gegenseitig mit Medikamenten auszuhelfen. Man brauche jetzt so etwas wie „Flohmärkte für Medikamente in der Nachbarschaft“, so der ebenso überraschende wie auch leicht überspitzte Vorschlag Reinhardts. Doch geht das wirklich so einfach, wie es klingt? Wir haben bei Ärzten nachgefragt, was möglich ist und was sinnvoller sein kann.

Rücksprache mit dem Arzt ist wichtig

Dem von Kopfschmerzen geplagten Nachbarn eine Aspirin (der Produktname ist allgemein gängig für Schmerzmittel mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure) zu überlassen, ist im Alltag vermutlich so üblich wie die Tasse Reis oder die zwei Eier, die man sich dort mal ausborgt. Grundsätzlich sei das bei frei verkäuflichen Medikamenten erst einmal auch wenig problematisch, sagt der Vorsitzende des Ärztevereins Aurich, Dr. Lukas Bockelmann. „Für Kleinkinder oder Babys kann Aspirin aber lebensgefährlich sein“, warnt er eindringlich. „Vielen Eltern ist diese Tatsache überhaupt nicht bewusst.“ Bei Erwachsenen gilt die Schmerztablette oft als „Allzweckwaffe“ bei Beschwerden.

Aktuell ist in den Medien immer wieder der Mangel an Fiebersäften, vor allem für Kinder, präsent. „Wenn jetzt eine erfahrene Mutter einen Fiebersaft braucht, den die Nachbarin womöglich noch hat, dann mag das noch eine sichere Sache sein“, sagt Bockelmann. „Schwierig wird es aber schon, wenn eine der Nachbarinnen sprachlich nicht sattelfest ist. Dann steigt schon das Risiko, etwa für eine falsche Dosierung.“ Im Umgang mit Medizin sei immer und jederzeit höchste Sorgfalt geboten, warnt der Allgemeinmediziner. „Deshalb sollte man vor jedem Einsatz von Medikamenten Rücksprache mit seinem Arzt halten.“ Das Risiko von Missverständnissen sei naturgemäß hoch, wenn sich Laien mit Medikamenten versorgen.

Es müssen nicht immer Tabletten sein

Das sieht Dr. Carsten Brinkmann, Allgemeinarzt in Moormerland, ähnlich. „Insgesamt nehmen in Deutschland Lese- und Rechtschreibschwäche zu und viele Menschen tun sich zunehmend schwer mit dem Verständnis von Texten“, sagt er. „Deshalb muss man im er davon ausgehen, dass nicht wenige Patienten mit einem erleichterten Zugang zu Medikamenten nicht umgehen könnten und entsprechende Medikamente nicht zuverlässig einnehmen würden.“ Als Beispiel für die Risiken nennt er den Wirkstoff Digitalis, der bei Herzschwäche eingesetzt wird. „Digitalis-Präparate sind nur schwer absetzbar, wer sie einmal nimmt, muss in der Regel dabei bleiben“, sagt Brinkmann. „Da es Digitalis in zwei grundsätzlich verschiedenen Dosierungen gibt, ist der Tausch von Medikamenten sehr riskant, vor allem, wenn die Patienten sich körperlich stark unterscheiden.“

Brinkmann befürchtet, dass viele Patienten keinen anderen Weg sehen werden, als sich selbst mit Medikamenten zu versorgen. „Wenn sie in der Apotheke nicht bekommen, was sie brauchen, werden sich viele sicherlich im Internet zusammenschließen und nach Alternativen suchen“, sagt er. Langfristig könne nur ein Umschwenken in Wirtschaft und Politik solche Engpässe künftig verhindern helfen. „Deutschland war einmal die Apotheke der Welt, heute sind wir der Willkür eines Staats wie China ausgeliefert. Da muss Deutschland künftig wieder strategischer denken.“

Kurzfristig könnte zumindest teilweise die Rückbesinnung auf andere Traditionen und Werte hilfreich sein. Viel Flüssigkeit, Zuwendung und Ruhe etwa könnten bei Fieber wichtiger sein als Säfte oder Zäpfchen. „Nicht jeder banale Infekt braucht Medikamente“, gibt Lukas Bockelmann zu bedenken. „Ein erkältetes Kind ist auf dem Arm der Mutter grundsätzlich schon einmal gut versorgt. Und nur, weil das Thermometer eine bestimmte Temperatur zeigt, muss man nicht sofort zu Medikamenten greifen.“

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