Gegen alle Widerstände Sunna Wagemann verpflegt Sonntag für Sonntag rund 30 Obdachlose
Als während des Lockdowns viele Angebote für Obdachlose reduziert oder ganz gestrichen wurden, wollte Sunna Wagemann das nicht akzeptieren und baute ein eigenes Angebot auf – trotz Schwierigkeiten.
Leer - „Der Hunger hört doch nicht auf und das Bedürfnis nach Gesprächen und Nähe auch nicht“: Dieser Gedanke war es, der Sunna Wagemann im März 2020, zu Beginn des Lockdowns, ein Stück weit zur Einzelkämpferin werden ließ. Bis dahin gehörte sie zum Team der Suppenküche der Christuskirche, das jeden Sonntag Obdachlose und Bedürftige mit einer warmen Mahlzeit versorgt. Dieses Angebot wurde im Lockdown eingestellt und später durch die Ausgabe von Verpflegungstüten ersetzt. Das Gesetz verlangte es so, außerdem wollten die Verantwortlichen die ehrenamtlichen Helfer und auch die Gäste vor einer Infektion schützen.
„Ich konnte und wollte nicht akzeptieren, dass diese Menschen auch emotional ganz alleine gelassen werden“, erzählt die 45-Jährige, die das Restaurant Haus Hamburg führt. Seitdem kocht sie Sonntag für Sonntag für Frauen und Männer, die das Schicksal aus der Gesellschaft gespült hat, in ihrem Restaurant eine warme Mahlzeit. Rund 30 Personen kämen im Schnitt, das sei auch während des Lockdowns so gewesen, sagt Wagemann.
Nur ein Sonntag fiel aus
Ärger mit den Ämtern, die auf die Einhaltung der Corona-Regeln pochten, hat sie in Kauf genommen. Finanzielle Schwierigkeiten auch: „Natürlich war es während der Pandemie auch für mein Restaurant eng, aber es war für mich nie ein Thema, wieder aufzuhören.“ Einen einzigen Sonntag hat sie ausfallen lassen, „das war, als mein Vater gestorben ist“. Damals seien ihre Gäste trotzdem gekommen, hätten Blumen und Kerzen gebracht und ihr Mitleid gezeigt. „Das hat mich richtig gerührt“, sagt Wagemann.
Überhaupt bekomme sie viel Dankbarkeit und Wertschätzung von den Betroffenen: „Sie sind supernett, teilweise richtig fürsorglich.“ Das seien die Momente, die richtig Spaß machen, die auch Kraft geben. „Aber für jeden dieser Momente gibt es auch einen mit Ärger. Das muss man wissen.“ Einem ihrer Gäste habe sie beispielsweise Hausverbot erteilen müssen, „am Tag drauf hatte ich drei Anzeigen am Hals“, erzählt sie. Unter anderem Beleidigung und Belästigung habe ihr derjenige vorgeworfen. „Hängengeblieben ist natürlich nichts, aber es hat mich einige Monate lang beschäftigt.“
Viel Verständnis bei anderen Gästen
Ihrem Engagement tun Erlebnisse wie dieses keinen Abbruch. Auch unter der Woche seien die Obdachlosen und Bedürftigen im Haus Hamburg willkommen. Für einen Euro bekämen sie jederzeit eine Pommes oder ein Fischbrötchen, Kaffee gibt es kostenlos. So kommt es zwangsläufig dazu, dass die „normalen“ Gäste des Restaurants mit den anderen aufeinandertreffen. „Ich gehe dann hinterher zu ihnen und erkläre kurz, was ich mache. Bisher haben das alle akzeptiert, viele fanden es sogar richtig gut.“ Und wenn sich irgendwann ein Gast so gestört fühlt, dass er geht? „Dann nähme ich das absolut in Kauf. Die Obdachlosen sind keine Menschen zweiter Klasse. Ich bin nicht bereit, sie durch die Hintertür zu schleusen oder sie gar vor der Türe warten zu lassen.“
Gibt es Ärger mit Nachbarn? „Nein, da habe ich nichts gehört.“ Sie habe mit ihren Gästen aber auch Regeln vereinbart, die eingehalten würden. So wird nicht gebettelt und auch nicht an irgendwelche Hausecken uriniert. Vorgaben zu Hygiene oder Promillewert gibt es aber nicht. Ihr gehe es vor allem darum, den Betroffenen das Gefühl zu geben, gesehen und wertgeschätzt zu werden. „Ich habe nicht den Anspruch, sie zu retten. Es ist ihr Leben, das sie nur dann ändern können, wenn sie das wirklich wollen und bereit sind, große Anstrengungen dafür in Kauf zu nehmen.“ Sie selber schenke ihnen aber keinen Alkohol aus.
Ein besonders bunter Weihnachtsbaum
Heiligabend wird es zum gemeinsamen Essen Rouladen geben, das war die Entscheidung der Obdachlosen und Bedürftigen selbst. Und es wird zum ersten Mal einen Weihnachtsbaum geben, den sie zusammen schmücken werden. „Der eine bringt Lichterketten mit, der andere Kugeln, was sie halt so haben. Es wird wahrscheinlich ein ziemlich bunter Baum“, sagt Wagemann und lacht. Einer habe auch angekündigt, eine Gitarre mitzubringen, deshalb kümmere sie sich nun um Liedtexte.
Sicher gebe es auch Momente, in denen sie gerne alleine wäre und sich auf sich konzentrieren wolle, „aber nicht, wenn jemand meine Hilfe braucht“, sagt die 45-Jährige. „Wenn ich in einer solchen Situation wäre wie meine Gäste, würde ich mir einen Menschen wünschen, der das tut, was ich tue.“