Wilhelmshaven  LNG-Terminal in Wilhelmshaven: Wenn niemand mehr auf Umweltschützer hört

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 17.12.2022 15:51 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 6 Minuten
Bundesfinanzminister Christian Lindner, Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundesenergieminister Robert Habeck und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil bei der Eröffnung des ersten deutschen Flüssiggas-Terminals. Foto: MICHAEL SOHN
Bundesfinanzminister Christian Lindner, Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundesenergieminister Robert Habeck und Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil bei der Eröffnung des ersten deutschen Flüssiggas-Terminals. Foto: MICHAEL SOHN
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Immer wieder waren Umweltschützer die Endgegner für Großprojekte in Deutschland. Beim LNG-Terminal in Wilhelmshaven hörte indes niemand auf sie und ihre Warnungen vor dem Chlor. Ein Blick auf die etwas andere Zeitenwende:

Das Schiff, dessen Name übersetzt „Hoffnung” heißt, hat Wilhelmshaven erreicht: Die „Höegh Esperanza” hat im Jadebusen festgemacht und soll bald LNG-Gas regasifizieren und ins deutsche Pipelinenetz einspeisen. Im Rekordtempo wurde das Megaprojekt an der Nordseeküste in Niedersachsen genehmigt. Kritiker und Umweltschützer wurden kaum gehört. Wie gehen sie mit dieser etwas anderen Zeitenwende um?

Dieter Schäfermeier steht an der Spitze des Außenhafens von Hooksiel. Es ist eiskalt, dicker Nebel liegt über dem Jadebusen. Hinter Schäfermeier lässt sich die Silhouette der „Höegh Esperanza” erahnen, das schwimmende Herzstück des ersten deutschen LNG-Terminals.

In der Rekordzeit von weniger als 200 Tagen wurde das Projekt geplant, genehmigt, gebaut und am Samstag feierlich eröffnet. Deutschland braucht Gas. Viel Gas. Und hat es entsprechend eilig.

Irgendwo dort, wo Schäfermeier hinblickt, sind an diesem Samstagvormittag Bundeskanzler Olaf Scholz, Bundesenergieminister Robert Habeck, Bundesfinanzminister Christian Lindner, Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Und zahllose andere Politiker.

So viel Lametta war in Wilhemshaven wohl zuletzt zu Zeiten Kaiser Wilhelms. Die Volksvertreter der Gegenwart haben sich auf dem Ausflugsdampfer “Helgoland” versammelt, um ein Stück Symbolpolitik abzuliefern: die feierliche Inbetriebnahme des ersten deutschen LNG-Terminals.

Als die Einladungen zu der Party verschickt wurden, waren die letzten Genehmigungen noch gar nicht erteilt. Schäfermeier hat keine Einladung bekommen. Weiter als bis zur Polizeiabsperrung kommt er an diesem Samstag nicht. Er ist zwar Kommunalpolitiker. Aber eben auch LNG-Bedenkenträger.

Für Widerstände und Zweifel hatten Politik und Behörden - so wirkt es zumindest - keine Zeit. Eine sogenannte Umweltverträglichkeitsprüfung fand gar nicht erst statt. Der Klageweg gegen das LNG-Projekt wurde mit einem neuen Gesetz erheblich erschwert.

Wenn sonst die Genehmigung eines einzelnen Windrads Jahre dauert, ging vor Wilhelmshaven auf einmal alles ganz schnell. Je nachdem, welchen Politiker man fragt, sprechen sie von einer neuen Deutschland- oder Niedersachsen-Geschwindigkeit.

Ingenieur Schäfermeier fühlt sich nicht ernst genommen. Er sagt, er habe bereits beim Bau von LNG-Terminals in Osteuropa mitgearbeitet. Doch hier in Niedersachsen sei seine Expertise schlicht nicht gewollt gewesen.

Er sucht den Horizont ab, während eisiger Wind ihn umweht. Gas sei für Deutschland wie eine Droge, schimpfte er schon vor dem Treffen am Telefon. Und Drogensüchtige blendeten Risiken nun einmal aus. Man hört, dass Dieter Schäfermeier nicht „von hier”, nicht von der Küste kommt. Keine langgezogenen Vokale, kein norddeutsches “näch” oder „nä” am Ende der Sätze.

Der Ingenieur stammt gebürtig aus Hannover. Sein Hochdeutsch ist so schnörkellos wie seine Kritik am LNG-Projekt vor seiner Haustür. Er hat mehrseitige Einwendungen gegen das Projekt geschrieben. Gut begründet, denn er ist kein fanatischer Umweltaktivist.

Seine Kritik wurde von den Behörden abgebügelt. So empfindet er das zumindest. Die Politik indes versichert, alle Sicherheitsstandards würden eingehalten und regelmäßig kontrolliert. Es gebe keine Abstriche bei der Umweltverträglichkeit des Projektes.

Wirklich? Schäfermeier hat da so seine Zweifel. Maximal 7,5 Milliarden Kubikmeter Gas sollen bald in Wilhelmshaven pro Jahr mithilfe der Esperanza umgeschlagen werden. Der begehrte Stoff wird als Flüssiggas, sogenanntes LNG, aus aller Welt herbeigeschafft, im Bauch der „Esperanza” regasifiziert und ins deutsche Gasnetz eingespeist. Das Schiff mit dem Namen „Hoffnung” wird die Gasknappheit nicht beenden, aber zumindest mildern.

Dass Deutschland - beziehungsweise der neuerdings verstaatlichte Konzern Uniper - das Spezialschiff chartern konnte, war ein Zufall, der eng mit dem zusammenhängt, was Kritiker wie Schäfermeier bemängeln: Eigentlich hätte die „Esperanza” vor Australien Gas umwandeln sollen. Doch die dortigen Behörden sorgten sich vor Umweltverschmutzung und bliesen das Vorhaben ab. So konnte Uniper das Schiff für Deutschland chartern.

Der Hintergrund des Ärgers ist etwas komplizierter: Für den Prozess der Regasifizierung nimmt das Schiff große Mengen Meerwasser auf. Mit dem wird das stark herab gekühlte Flüssiggas erwärmt. Aus dem Meersalz wird durch den chemischen Prozess der Elektrolyse Chlor gewonnen, das dem Wasser wiederum als Biozid zugesetzt wird.

So soll verhindert werden, dass sich Muscheln oder Seepocken in den Wasserleitungen im Schiff ansiedeln. Das mit Chlor versetzte Wasser muss am Ende aber wieder ins Meer abgeleitet werden. Uniper selbst geht von 178 Millionen Kubikmetern pro Jahr aus. Man bleibe aber unter sämtlichen Chlor-Grenzwerten, betont eine Sprecherin. Das Verfahren sei unumgänglich für den reibungslosen Betrieb des Schiffes.

Rund 300 Einwendungen waren dagegen bei den Genehmigungsbehörden in Niedersachsen eingegangen, darunter auch solche von Dieter Schäfermeier. Alle wurden verworfen und die Abwassereinleitung einen Tag vor der geplanten Gas-Feier in Wilhelmshaven genehmigt.

„Nicht zu fassen”, sagt Schäfermeier. „Das Wattenmeer ist in unmittelbarer Nachbarschaft und ausgerechnet hier nutzt man die größte Drecksschleuder.” So nennt er die „Esperanza”. “Das Weltnaturerbe ist in Gefahr.”

Das empfindliche Ökosystem, so seine Befürchtung, werde das Chlor nicht verkraften. Flora und Fauna seien bedroht. Das Risiko werde vollkommen ohne Not eingegangen, sagt der Lokalpolitiker. Die „Esperanza” sei das einzige der für Deutschland bislang gecharterten Regasifizierungsschiffe, das Biozide ins Wasser ableite.

Tatsächlich ist es so, dass andere Regasifizierungs-Schiffe auch ohne Biozide auskommen und stattdessen auf mechanische Reinigungsverfahren setzen. Das geht beispielsweise aus Unterlagen für weitere geplante Terminals entlang der Nordseeküste hervor. „Warum lässt sich das nicht bei der Esperanza nachrüsten?“, fragt Schäfermeier.

Möglich wäre es, sagt zumindest Jan Kelling, Chef des Unternehmens Hasytech. Seine Firma hat eine entsprechende Technologie entwickelt, die auf Ultraschall setzt und seinen Angaben zufolge in 650 Schiffen weltweit im Einsatz ist. Auf der „Esperanza” lasse sich die Technik nachrüsten, sagt er. “Uns ist es nicht gelungen, die Entscheider bei Uniper ans Telefon zu bekommen.”

Unglaublich sei das alles, befindet Dieter Schäfermeier. Große Umweltverbände sehen das ähnlich. Die Deutsche Umwelthilfe beispielsweise nannte den Festakt zur Eröffnung einen „Gipfel der Ignoranz”. Verhindern konnten auch die großen Verbände die Inbetriebnahme der “Esperanza” nicht.

So liegt sie nun ohne umweltfreundliche Technologie in Wilhelmshaven. Und niemanden bis auf die Umweltschützer stört das so richtig. Hauptsache, so scheint es, das Gas fließt. Auch das ist Teil der Zeitenwende.

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