Medikamenten- und Personalmangel Lage im Gesundheitsbereich spitzt sich in Ostfriesland zu
Fehlende Medikamente für kranke Kinder und verschobene Operationen wegen Personalmangels. Die Situation ist auch in Ostfriesland sehr angespannt.
Ostfriesland - Die prekäre Lage im Gesundheitssektor spitzt sich auch in Ostfriesland immer weiter zu: Die Lieferengpässe bei Medikamenten werden immer gravierender und in Krankenhäusern müssen Operationen wegen Personalmangels verschoben werden.
In den Apotheken sind vor allem die Medikamente für Kinder knapp. „Wir erleben eine sehr hohe Nachfrage nach fiebersenkenden Medikamenten wie Ibuprofen oder Paracetamol, weil derzeit extrem viele Kinder erkrankt sind“, sagte Thomas Fischbach, Verbandspräsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte.
Patienten machen sich Sorgen
„Dass Präparate nicht geliefert werden können, kommt auch in Ostfriesland immer öfter vor“, sagte Dr. Jörg Weißmann, Vorsitzender der Auricher Bezirksstelle der niedersächsischen Ärztekammer, unserer Zeitung. Die Patienten machten sich verständlicherweise schnell Sorgen, wenn sie wegen des Mangels auf ein anderes Präparat umgestellt werden müssten. Auch Wolfgang Waßmus, Inhaber der Löwen-Apotheke in Aurich, sagte: „Wir erleben Kunden, die ganz verzweifelt sind.“
Experten bringen deshalb eine staatliche Produktion lebenswichtiger Arzneimittel in Deutschland ins Spiel. Nach der Verlagerung an günstigere Produktionsstandorte in Asien in den vergangenen Jahrzehnten sei es Zeit für ein Umdenken, sagte Christian Karagiannidis, Mitglied der Regierungskommission für Krankenhausversorgung, am Freitag.
Lieferengpässe bereiten auch Krankenhäusern Probleme
Die Bundesregierung will als Reaktion das Vergaberecht ändern. Ziel ist laut Gesundheitsministerium, Lieferketten breiter anzulegen, damit die Abhängigkeit von einzelnen Herstellern abnimmt. Das gelte zum Beispiel bei der Herstellung von Antibiotika – nur ein bis zwei Firmen in Asien belieferten den europäischen Markt mit solchen Präparaten. Die bisherige Praxis habe monopolistische Strukturen geschaffen. Deshalb habe die Ampel-Koalition verabredet, die Produktion verschreibungspflichtiger Medikamente nach Deutschland zu verlagern.
„Zunehmend verursachen Lieferengpässe große Probleme – auch im Krankenhaus“, sagte etwa Gerald Gaß, Vorstandschef der Deutschen Krankenhausgesellschaft. Grund für die Engpässe seien akute Probleme in der Herstellung, aber auch unzureichende Produktionskapazitäten und eine steigende Nachfrage, erklärte Gaß. Rund 40 Prozent der Lieferengpässe, die dem Bundesinstitut für Arzneimittel im dritten Quartal 2022 gemeldet worden seien, beträfen die Krankenhäuser.
Kliniken setzten Hilferufe ab
Das bestätigt auf Nachfrage auch die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich, Emden und Norden. Von dort heißt es: „Nicht nur bei Medikamenten für Kinder gibt es Lieferengpässe. Viele Medikamente sind kontingentiert.“ Bei Engpässen habe man bisher aber auf andere Präparate zurückgreifen können und die Versorgung der Patienten sei sichergestellt.
Weniger Probleme mit Medikamenten- als vielmehr mit Personalmangel hat man am Klinikum Leer. „Weder auf der Kinder- noch auf der Intensivstation gibt es Medikamenten-Engpässe“, sagte der ärztliche Direktor Dr. Hans-Jürgen Wietoska. „Aber so eine kritische Personalsituation wie jetzt, habe ich hier noch nie erlebt“, so der Mediziner, der seit mehr als 30 Jahren am Leeraner Klinikum tätig ist. Zwei Dinge träfen derzeit zusammen: der hohe Krankenstand des eigenen medizinischen Personals und die Vielzahl der Patienten.
Unter diesem Problem leiden viele Kliniken. Erst vergangene Woche setzte etwa die Auricher Kinderklinik einen Hilferuf deswegen ab. Am Freitag kündigten zudem die Oldenburger Kliniken an, planbare Eingriffe und Behandlungen verschieben zu müssen, um die Notfallversorgung aufrecht zu erhalten. Auch am Klinikum Leer müssen bereits Operationen abgesagt oder verschoben werden, sagt der ärztliche Direktor Wietoska.
Mit Material von DPA