Osnabrück Kulturjahr 2022: Diese Debatten beenden die Postmoderne
Die Postmoderne ist vorbei. Die Kultur avanciert zum Schauplatz neuer Grundsatzdebatten. Die Kulturskandale des Jahres 2022 markieren das Konfliktfeld um Dominanz und Sichtbarkeit.
Ausweitung der Kampfzone: Unglaublich, dass dieser Roman mit dem provokant rabiaten Titel schon vor fast 30 Jahren erschienen ist. Im Jahr 2022 bezeichnet er ziemlich genau den Zustand der Kultur und ihres Betriebes. Vorbei die Zeiten, in denen Kultur ein fröhlicher Karneval der Möglichkeiten war. Heute erscheint Kultur als Minenfeld, ja bisweilen Schlachtfeld, auf dem erbittert um Ansprüche und Selbstverständnisses gekämpft wird. Postmoderne und Multikulti – das war einmal. Jetzt ist die Kultur etwas ganz Anderes. Die Kulturskandale des Jahres beweisen es.
Beispiel 1: Im August zieht der Ravensburger Verlag zwei Kinderbücher zurück, die den Jugendfilm „Der junge Häuptling Winnetou“ flankieren sollten. Sind in diesen Büchern indigene Völker angemessen dargestellt? Aktivisten protestieren auf Instagram. Der Verlag knickt sofort ein, nimmt die Bücher vom Markt. Ist das der Woke-Wahnsinn, den die Bild-Zeitung beschwört? Im selben Jahr mussten auch Konzerte abgebrochen werden, weil sich Leute über die Rasta-Locken weißer Musiker beschwerten. Der Vorwurf: falsche Aneignung, zentrales Stichwort der Debatte.
Beispiel 2: Die Kasseler Documenta fifteen versinkt in einem Skandal um antisemitischen Bildmotive auf Bildtransparenten der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi. Eigentlich wirbt das Künstlerkollektiv Ruangrupa, das diese Ausgabe der Weltkunstschau verantwortet, um einen neuen Dialog mit dem globalen Süden. Statt um Kunst geht es nun aber um einen Tabubruch, den nicht nur der Zentralrat der Juden in Deutschland von der Kunstfreiheit nicht mehr gedeckt sieht. Das Kunstevent des Jahres wird zum Ärgernis, ja zum Desaster.
Beispiel 3: In Gotha explodiert der PEN. Die Autorenvereinigung bricht nach einer zum Streit auf offener Bühne eskalierten Jahreshauptversammlung auseinander. Deniz Yücel, Monate zuvor erst zum neuen PEN-Präsidenten gewählt, wird attackiert, wirft hin. Sein Wort von der „Bratwurstbude“, mit dem er den in Darmstadt ansässigen PEN belegt, avanciert zum Kulturwort des Jahres. Yücel gründet umgehend den PEN Berlin. Prominente Autoren wie Eva Menasse oder Daniel Kehlmann folgen ihm. Deutschland hat seitdem zwei PEN-Verbände.
Was bedeutet das alles? Diese drei exemplarischen Skandale zeigen, dass es nicht um einen Bühnenknall im Salon des Kulturbetriebes geht. Der Kulturbegriff selbst steht zur Debatte. Der Streit um die sogenannte falsche Aneignung zeigt besonders gut, worum es hier geht – um Zugehörigkeit, Grenzen und Dominanz. Der Streit, der zu Sprechverboten zu führen droht, belegt vor allem, dass hier zwei Begriffe von Kultur im Konflikt liegen. Das eine Verständnis verweist auf Kultur als klar abgrenzbare Einheit, das andere auf Kultur als Netzwerk fluider Austauschbeziehungen.
Wer falsche Aneignung moniert, muss sich fragen lassen, ob Kulturen jemals fest gefügte Einheiten sind und Menschen wirklich nur einer Kultur zugehörig sein können. Bestehen Kulturen nicht immer aus Überschneidungen, aus Anleihen und Referenzen? Die Frage dürfte doch nicht sein, den Rollentausch zu verbieten, sondern Anmaßung und falsche Dominanz kritisch zu hinterfragen. Rigide Sprachregelungen führen ebenso wenig weiter wie eine Kultur des Verbots. Der Konflikt zeigt, dass eine Gesellschaft, die deutlich durch Migration geprägt ist, ihr Gleichgewicht neu verhandelt. Sichtbar sein, seine eigene Stimme haben, ohne sich eine Sprache vorschreiben lassen zu müssen: Darum geht es.
Darüber hinaus geht es um weitere Konflikte: Wie provokativ darf Kunst sein (Documenta)? Und wie politisch muss Literatur sein (PEN)? Die Positionen der Kunst im Spannungsfeld von Freiheit und Moral werden gerade neu bestimmt. Wie auch immer das Ergebnis aussehen mag – die Freiheit des künstlerischen Ausdrucks darf nicht leiden. Die Kultur ist der unverbindlichen Postmoderne endgültig entwachsen. Als Raum, in dem neue Konzepte erprobt und Alternativen gedacht und ästhetisch vorgeführt werden können, wird sie aber gebraucht, vielleicht mehr als zuvor.