Hamburg „Wir werden deine Adresse an alle Faschos schicken“: Wie Klimaaktivisten bedroht werden
Die Aktivisten der „Letzten Generation” sind Hass gewohnt. Autofahrer empören sich über die Blockaden, Museumsbesucher sind von Anschlägen auf Gemälde schockiert. Der Hass von Rechts hat allerdings eine andere Qualität. Aktivistin Sonja Manderbach erzählt.
Die Alarmbereitschaft ist neu im Leben der Klimaaktivistin Sonja Manderbach: Wenn sie einen Brief öffnet, denkt sie an eine Bombe; klingelt der Postbote, fürchtet sie ein Mordkommando und wenn ein unbekanntes Auto vor ihrem Haus parkt, überkommt sie ein mulmiges Gefühl. „In solchen Momenten muss ich mir immer wieder sagen, dass ich nicht die Protagonistin eines Action-Films bin“, sagt die 45-Jährige im Gespräch mit unserer Redaktion.
Acht postalische Morddrohungen sind der Grund für die Alarmiertheit der Aktivistin der „Letzten Generation“. Die Briefe, die unserer Redaktion vorliegen, weisen eindeutig rechtsextreme Bezüge auf. Ein Drohbrief ist mit „Kommando Josef Blösche” unterzeichnet.
Blösche war ein SS-Rottenführer und unter anderem an der Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto beteiligt. Auf einem der bekanntesten Bilder des Holocausts ist er zu sehen: Er richtet seine Waffe auf einen Jungen im Warschauer Ghetto.
In einer anderen Morddrohung heißt es: „Wir werden deine Privatadresse an alle Faschos in Deutschland schicken”. Die Briefe sind mit falschen Absendern versehen, wer dahinter steckt, weiß Manderbach nicht.
Lorenz Blumenthaler, Pressereferent der Amadeu Antonio Stiftung, kennt solche Drohungen gegen Klimaaktivisten gut. „Es handelt sich dabei nicht um Einzelfälle. Diese Drohungen von Rechtsaußen gibt es seit dem Erstarken der Klimagerechtigkeitsbewegung 2018 und sie treffen vor allem Frauen, die sich öffentlich engagieren“, sagt Blumenthaler, der selbst innerhalb der Bewegung aktiv war. Die Amadeu Antonio Stiftung, die gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus kämpft, beobachtet einen deutlichen Anstieg von Angriffen gegen Klimaaktivistinnen und Klimaaktivisten – digital wie auf der Straße.
Die Organisation HateAid, die sich gegen digitale Gewalt einsetzt, verzeichnet einen leichten Anstieg von Hassnachrichten: „Zwar gehen in letzter etwas mehr Anfragen zu digitalen Angriffen gegen Umweltaktivist*innen ein als sonst, es handelt sich jedoch noch um einen moderaten Anstieg. Auch vorher haben sich schon viele Klimaaktivist*innen an uns gewandt, die von digitaler Gewalt betroffen waren”, sagt HateAid-Rechtsanwältin Josephine Ballon.
Das Vorgehen gegen Klimaaktivisten habe dabei System, sagt Blumenthaler: „Es existiert eine gewachsene Hass-Infrastruktur, die Rechte in den letzten Jahren aufgebaut haben.“ Sogenanntes Doxing – das Sammeln und Veröffentlichen persönlicher Daten – sei ein beliebtes Mittel der Einschüchterung. Häufig würden diese Informationen in einschlägigen Telegram-Gruppen geteilt – mit dem Aufruf, Betroffene zu bedrohen. Ziel des Doxings sei es, die Menschen zum Schweigen zu bringen. „Es werden Personen sozusagen zum Abschuss freigegeben“, sagt Blumenthaler.
Manderbach erhielt Morddrohungen an ihre private Adresse, außerdem wurden Briefe an ihren Arbeitgeber und ihre Partei versendet. „Für mich sind die postalischen Nachrichten deutlich schlimmer, als Kommentare in den sozialen Netzwerken. Da haben Menschen viel Zeit investiert, um mich zu bedrohen“, sagt sie.
Dass auch Kollegen und Parteimitglieder diese Drohungen erhalten haben, hinterlässt bei Manderbach ein besonders mulmiges Gefühl. „Ich habe mich bloßgestellt und schmutzig gefühlt, weil Menschen in meinem Arbeitsumfeld die wüstesten Beschimpfungen über mich gelesen haben“, sagt sie. Der 45-Jährigen hilft in solch akuten Situationen die Unterstützung innerhalb der „Letzten Generation”. Innerhalb der Bewegung gibt es ehrenamtliche Psychologen, die mit Beratungsgesprächen helfen.
Außerdem zeigte sie alle Morddrohungen bei der Polizei an. „Mir war es einerseits für meine persönliche Sicherheit wichtig, andererseits hoffe ich, dass durch die Anzeigen das Bewusstsein für rechtsextreme Drohungen steigt.“ Bereut hat Manderbach ihren Aktivismus nicht. „Diese Nachrichten gehören genauso wie Polizeigewahrsam zum zivilen Widerstand dazu“, sagt sie.
Und eine gewisse Routine habe sich bei ihr auch eingestellt. „Die ersten Drohungen habe ich noch geschockt auf den Boden geworfen, bei den letzten wusste ich, um was es sich handelt und war viel ruhiger“, sagt sie.