Emden im Walkampf  Wie die Emder damals auf Waljagd gingen

Lars Löschen
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Von Lars Löschen
| 14.12.2022 12:55 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Von den Fangbooten aus werfen die Seeleute Harpunen und Lanzen auf den Wal. Das Tier kann sich auch schwer verletzt noch gut wehren. Foto: Sammlung von Alfred Schmidt
Von den Fangbooten aus werfen die Seeleute Harpunen und Lanzen auf den Wal. Das Tier kann sich auch schwer verletzt noch gut wehren. Foto: Sammlung von Alfred Schmidt
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Emden war zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert eine Walfängerstadt. Die Seeleute segelten von Emden nach Grönland und Spitzbergen. 1854 lief das letzte Schiff aus. Danach war es aber nicht vorbei.

Emden - Der Walfang war zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert ein großer Bestandteil der Emder. Die Walfänger segelten in Richtung nördliches Polarmeer, Grönland und Spitzbergen. Ziel ihrer Jagd waren große Meeressäuger wie Pottwale sowie Finn-, Grönland- und andere Bartenwale. Diese wurden gefangen, getötet und „geflenst“, also zerlegt. 1854 ging das letzte Schiff aus Emden auf Jagd. Danach waren die Emder Seeleute aber immer noch am modernen Walfang beteiligt.

Was und warum

Darum geht es: Einen Blick auf den Emder Walfang zwischen dem 17. und 19. Jahrhundert und wie es danach weiterging

Vor allem interessant für: Emderinnen und Emder und alle, die mehr über die Geschichte der alten Walfängerstadt wissen wollen

Deshalb berichten wir: Die Redaktion ist auf die Literatur und Bilder von Alfred Schmidt gestoßen.

Den Autor erreichen Sie unter: l.loeschen@zgo.de

Alfred Schmidt beschäftigt sich seit 40 Jahren mit der maritimen Geschichte der Stadt Emden. Er brachte bereits mehrere Magazine und Texte heraus. „1643 ging Emden als erste deutsche Stadt auf Walfang – sogar noch vor Hamburg“, sagt Schmidt im Gespräch mit der Redaktion. Die Führung der Schiffe übernahm damals ein Borkumer. Vorher seien die Emder aber schon als Besatzung auf holländischen Schiffen um 1612 auf die sogenannten Grönlandfahrten gegangen. Die niederländische Gesellschaft „Noorschen Maatschapij“ hatte im 17. Jahrhundert bis zu ihrer Auflösung im Jahr 1642 das Monopol im Walfang um Spitzbergen.

„Das einzige Bild vom Emder Walfang“, sagt Alfred Schmidt. Auf einem der Boote ist ED zu erkennen. Das steht für Emden. Foto: Sammlung von Alfred Schmidt
„Das einzige Bild vom Emder Walfang“, sagt Alfred Schmidt. Auf einem der Boote ist ED zu erkennen. Das steht für Emden. Foto: Sammlung von Alfred Schmidt

100 Tonnen Wal – und jetzt?

Ein beliebtes Produkt der Walfischjagd war das sogenannte Tran. Dieses wurde aus dem Fettgewebe der großen Tiere gewonnen. „Der Walspeck wurde aufgekocht“, erklärt der 71-Jährige. Das Ergebnis ist eine Art Öl, welches brennbar ist und damals vor allem für Öllampen genutzt wurde. Der Vorteil: Man konnte den Waltran in großen Mengen beschaffen. Auch wenn das Risiko auf See und gerade im Umgang mit solch großen Tieren sehr hoch war, lohnte sich der Walfang für die Seeleute.

Der Tran wurde teils schon an Bord oder direkt am Festland gebrannt. Anschließend wurde er in Fässern gelagert. Foto: Sammlung von Alfred Schmidt
Der Tran wurde teils schon an Bord oder direkt am Festland gebrannt. Anschließend wurde er in Fässern gelagert. Foto: Sammlung von Alfred Schmidt

Ein ausgewachsener Grönlandwal kann gerne mal 100 Tonnen wiegen und 20 Meter lang sein. Wie gefährlich eine Jagd – erst recht im 17. und 18. Jahrhundert – war, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Die Walfänger fuhren mit „speziell konzipierten Fleuten“ raus, sagt Schmidt. Das waren große dreimastige Handelsschiffe, welche aus den Niederlanden stammen. Oben im Mast stand ein Späher, welcher die Wale sichtete. „Sie achteten auf den Blas der Wale. Der Blas ist die Atemluft, die ein Wal nach einem Tauchgang ausstößt“, sagt Schmidt. Daran kann man aber noch mehr als nur den Standort des Tieres ausmachen: „An diesen Fontänen konnte man damals schon die Größe des Wales abschätzen.“

Wo jagten die Walfänger denn genau? Gregor Ulsamer hat die Antwort: „Es gab zwei Jagdgebiete. Das eine war westlich von Grönland auf der sogenannten Davisstraße.“ Das andere sei vor der Westseite von Spitzbergen gewesen. Die Jäger präferierten hier aber vor allem den nördlichen Teil. Ulsamer kennt sich mit dem historischen Walfang aus und hat bereits zwei Bücher darüber veröffentlicht. Außerdem ist er Mitglied im Borkumer Stiftungsrat. Die Stiftung fördert Projekte auf der Insel Borkum.

Die Jagdgebiete der Emder Walfänger: Die Davisstraße westlich von Grönland und vor der Westküste Spitzbergens Grafik: Jan Fischer
Die Jagdgebiete der Emder Walfänger: Die Davisstraße westlich von Grönland und vor der Westküste Spitzbergens Grafik: Jan Fischer

Wie erlegt man einen Wal?

Der Grönlandwal ist langsamer als die anderen Wale der Region und war deshalb eine gute Beute. Ist ein Wal entdeckt worden, wurden schnell die Fangboote, die Schaluppen, zu Wasser gelassen. Vorne in den Booten stand jeweils ein Harpunier. Und auf den kam es an, laut Schmidt: „Er musste die Harpune werfen“ und möglichst dicht hinter dem Blasloch treffen. Meist tauchte der Wal vor Schmerzen ab. Im Boot wurden derweil fleißig die Leinen an das Harpunenseil geschnürt. Ein Grönlandwal kann mehr als 200 Meter tief tauchen. Dementsprechend lang waren auch die Fangleinen. Der Wal tauchte immer wieder auf und ab bis er erschöpft war. Sobald der Wal nur noch sehr geschwächt an der Wasseroberfläche trieb, fuhren die Seeleute nah an ihn heran und stießen „Lanzen in Richtung Auge und Herz“.

Von den Fangbooten aus werfen die Seeleute Harpunen und Lanzen auf den Wal. Das Tier kann sich auch schwer verletzt noch gut wehren. Foto: Sammlung von Alfred Schmidt
Von den Fangbooten aus werfen die Seeleute Harpunen und Lanzen auf den Wal. Das Tier kann sich auch schwer verletzt noch gut wehren. Foto: Sammlung von Alfred Schmidt

So nah an einem Wal zu sein, konnte auch schnell tödlich für die Besatzung enden. Selbst ein geschwächtes Tier konnte im Todeskampf mit seiner Schwanzflosse noch ordentlich austeilen und die alten Segelboote zum Sinken bringen. Dazu kommt, dass Wale in Herden unterwegs sind. Viele Menschen ließen beim Walfang ihr Leben. Doch nicht nur die Meeressäuger waren eine Gefahr im Wasser: Um Spitzbergen und Grönland treiben viele Eisschollen. Regelmäßig wurden Schiffe vom Eis umschlossen. Alfred Schmidt hierzu: „Man war regelrecht gefangen. Dabei verunglückten ebenfalls viele Menschen.“

Die Beinahe-Ausrottung der Wale

Der Walfang kam Mitte des 19. Jahrhunderts in Emden zu seinem Stopp. Man habe damals schon Öl auf synthetischer Basis herstellen können, sagt der Walfangexperte. „Es war mühselig, einen Wal zu suchen und ihn zu jagen. Dazu gab damals schon weniger Wale in den Meeren.“ Doch weltweit spielte der „moderne Walfang“ noch eine Rolle, auch teils mit Emdern an Bord. Wale wurden mit neuester Technik gejagt. Das heißt Harpunen-Kanonen und motorisierte Schiffe. 1930/31 wurden rund 30.000 Blauwale getötet. Zum Vergleich: Das übertrifft die heutige Population der Blauwale. Im gesamten 20. Jahrhundert wurden etwa drei Millionen Wale getötet. Das bekannteste deutsche Schiff dieser Zeit ist wohl die Olympic Challenger. „Bis in die 1960er Jahre ging es auf Walfang“, sagt Schmidt. Dennoch waren die Jagdpraktiken mehr als nur kontrovers, meint der 71-Jährige. „Schwangere und junge Tiere sowie geschützte Arten wurden von der Besatzung getötet.“

Alfred Schmidt beschäftigt sich in seinen Büchern und Magazinen mit der Emder Geschichte. Foto: Hanssen/Archiv
Alfred Schmidt beschäftigt sich in seinen Büchern und Magazinen mit der Emder Geschichte. Foto: Hanssen/Archiv

Die moderne Jagd kam 1986 zu einem Ende, als das Walfang-Moratorium von der Internationalen Walfangkommission beschlossen wurde. Dieses verbietet bis heute die kommerzielle Jagd auf Wale. Es gibt inzwischen kaum noch Gründe, Wale zu jagen. Doch der Walfang wird noch vereinzelt ausgeübt: In Norwegen, Japan, Island und auf den Färöer Inseln werden die Meeressäuger teils aus Tradition getötet. Alarmierend ist die Anzahl an freilebenden Walen, welche wegen der Bejagung extrem abgenommen hat. Da Wale sich sehr langsam fortpflanzen, dauert es eine lange Zeit, bis sich die Zahlen wieder erholen. Manche Arten gelten heute als vom Aussterben bedroht. Von Grönland- und Blauwalen gibt es noch wenige tausend, obwohl die Population schon mal im sechsstelligen Bereich lag.

Heute erinnert man noch an wenigen Stellen an das Walfang-Kapitel in Deutschland. Auf Borkum steht ein Zaun aus Walkieferknochen, so Schmidt. In Norddeich befindet sich das Waloseum.

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