Brüssel  „Brangelina“ des EU-Parlaments: Wer sind Eva Kaili und Francesco Giorgi?

Lorena Dreusicke
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Von Lorena Dreusicke
| 14.12.2022 11:01 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Eva Kaili und Francesco Giorgi arbeiten beide im Europaparlament und sind seit zwei Jahren ein Paar. Nun sitzen sie in Untersuchungshaft. Foto: AFP PHOTO /EUROKINISSI
Eva Kaili und Francesco Giorgi arbeiten beide im Europaparlament und sind seit zwei Jahren ein Paar. Nun sitzen sie in Untersuchungshaft. Foto: AFP PHOTO /EUROKINISSI
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Die aus dem Amt enthobene EU-Parlamentsvizepräsidentin Eva Kaili hat in ihrer Heimat Griechenland Prominentenstatus. In Brüssel waren sie und ihr Freund ein Vorzeigepaar. Nun sitzen beide in Untersuchungshaft. Was ihnen vorgeworfen wird.

Eva Kaili und Francesco Giorgi gelten in der Brüsseler Szene als „Brangelina“ des EU-Parlaments. Passender wäre womöglich der Spitzname „Bonny und Clyde“. Das Paar steht nämlich im Fokus eines bislang einmaligen Korruptionsskandals: Kaili war bis zu ihrer Amtsenthebung am Dienstag eine der 14 Vize-Präsidentinnen des EU-Parlaments.

Die 44-jährige Griechin erlangte zuvor als Nachrichtensprecherin in Griechenland große Bekanntheit, bevor sie in die Politik wechselte. 2014 wurde sie ins EU-Parlament gewählt.

Vor wenigen Wochen fiel sie als lautstarke Verteidigerin Katars auf. In einer Rede lobte sie die Arbeitsrechte in Katar, wonach sich ihre Partei von ihr distanzierte. Am Freitag wurde sie im Rahmen belgischer Korruptionsermittlungen festgenommen.

Kaili soll hohe Geldsummen kassiert haben, damit sie für den Golfstaat Katar Einfluss auf politische Entscheidungen nimmt. Katar sorgt sich um seinen Ruf in Europa, weil das Land Erdgas-Deals mit EU-Ländern abschließen möchte. Kaili war Medienberichten zufolge die zentrale Figur einer Gruppe von Parlamentariern, die ihre Politik und Statements am Wohle Katars ausgerichtet haben sollen.

Laut der Brüsseler Zeitung „Politico“ wurde Kaili „auf frischer Tat ertappt“ – was der einzige Umstand ist, bei dem ihr die parlamentarische Immunität entzogen werden kann. Eine Abstimmung darüber ist für Montag in Straßburg geplant.

Kaili hat bereits alle Ämter bis auf ihr Mandat verloren und wurde aus ihrer sozialistischen PASOK-Partei ausgeschlossen. Die griechische Staatsanwaltschaft ließ zudem das Vermögen von Kaili und ihren engsten Verwandten einfrieren.

Fünf weitere Verdächtige wurden seit Freitag von den belgischen Behörden festgenommen. Drei Italiener kamen ebenfalls in U-Haft. Darunter sind ein ehemaliger EU-Abgeordneter und Kailis Lebensgefährte Francesco Giorgi. Sie werden der Beteiligung an einer kriminellen Vereinigung, der Geldwäsche und der Korruption beschuldigt.

Der Italiener Francesco Giorgi ist Assistent eines Abgeordneten der sozialdemokratischen Fraktion im Parlament. Außerdem ist er Gründer der NGO Fight Impunity, die sich für Rechenschaftspflicht bei Menschenrechtsverstößen einsetzt.

Der 35-jährige Giorgi ist neben seinem Job im Parlament Segellehrer und teilt auf Instagram Schnappschüsse vom Segeln und Skifahren – sowie zum Beispiel von einer Geschäftsreise nach Doha.

In einer Brüsseler U-Haft-Zelle sitzt auch der Präsident von Giorgis NGO, der italienische sozialdemokratische Ex-Abgeordnete Pier Antonio Panzeri. Laut Haftbefehl, aus dem „Politico“ zitiert, soll Panzeri mit den Abgeordneten zu tun gehabt haben, die bei ihrer parlamentarischen Arbeit „im Sinne von Katar und Marokko“ gehandelt haben sollen.

Zurück zum Brüsseler Glamour-Paar: Kaili und Giorgi sind seit 2020 liiert. Aus dem Jahr stammt dieser Post, bei dem das dritte Bild Giorgi bei der Parlamentsarbeit zeigt.

In einer TV-Show sagte sie einmal über ihre Beziehung: „Wir trafen uns bei der Arbeit und ich schätzte, wie ernst, intelligent und gebildet er war. Dann fand ich heraus, dass er ein Herz aus Gold hat und sich um andere kümmert, aber auch seine Familie respektiert. Das war eine gute Basis für alles.“ Das Paar hat eine eineinhalbjährige Tochter.

Nun droht wie bei „Brangelina“ ein Rosenkrieg: In der gemeinsamen Wohnung fanden Ermittler laut der belgischen Zeitung „L‘Echo“ Taschen mit Geldbündeln im Wert von 600.000 Euro. Kailis Vater griffen Beamte demnach filmreif mit einem Koffer voller Geld in einem Brüsseler Hotel auf. Er soll von Giorgi gewarnt worden sein. Auch bei Panzeri fanden Ermittler laut der belgischen Zeitung „Le Soir“ 600.000 Euro in bar.

Insgesamt stellten die Behörden bislang 1,5 Millionen Euro Bargeld sicher, bestätigte die belgische Staatsanwaltschaft.

Am Dienstag ließ Kaili über ihren Anwalt mitteilen, dass sie mit den Geldflüssen aus Katar nichts zu tun habe – und beschuldigte indirekt ihren Freund. Über den Bargeld-Fund sagte der Anwalt gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, Kaili habe „von der Existenz dieses Geldes nichts gewusst.“ Die 44-Jährige sei „unschuldig“. Nur ihr Lebensgefährte könne „Antworten auf die Existenz dieses Geldes“ geben. Am Mittwoch entscheidet sich, ob Kaili weiterhin in Brüsseler U-Haft bleibt.

Die Vorwürfe seien „sehr schwerwiegend“, sagte die Chefin der EU-Kommission, Ursula von der Leyen. Die Union brauche „die höchsten Standards“ bei Unabhängigkeit und Integrität. Am kommenden Montag thematisiert das EU-Parlament in Straßburg unter anderem das von Abgeordneten beklagte „aggressive Lobbying“ von Katar. Das Land selbst weist die Korruptionsvorwürfe scharf zurück. Das Außenministerium erklärte: „Jede Verbindung der katarischen Regierung mit den berichteten Vorwürfen ist grundlos und gravierend uninformiert.“

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