Kolumne „Artikel 1, GG“  Offen für Neues – aber auch nicht immer

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 14.12.2022 09:22 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topçu
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Heute erzählt unsere Kolumnistin über die Erfahrungen aus ihrem Rhetorikkurs – und ihren Umgang mit dem Gendern.

Wie sehr sich doch die Zusammensetzung der Bevölkerung verändert… Das fällt in Metropolen mehr auf als im ländlichen Raum. Das ist mir in der vergangenen Woche mal wieder bewusst geworden – anhand der unterschiedlichen Herkünfte meiner Studentinnen und Studenten. Als ich vor 18 Jahren an der Hochschule Darmstadt zu lehren begann, war es noch ganz anders. Wenn überhaupt hatte eine oder einer der etwa 25 Studenten und Studentinnen einen sogenannten Migrationshintergrund.

Zur Person

Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Vergangene Woche habe ich im Rhetorikkurs die Teilnehmer eine Rede halten lassen, mit der sie sich auch vorzustellen hatten. Ergebnis: Zwei Drittel haben selbst Migrationserfahrung oder stammen aus Familien, die nach Deutschland eingewandert beziehungsweise geflüchtet sind. Was mir auffiel: Die Kursteilnehmer gingen mit ihrer Biografie sehr unterschiedlich um; während die einen ganz bewusst ihre geografische Herkunft nannten, kam es bei anderen eher am Rande vor. Zwei der Kursteilnehmer erwähnten, aus Kasachstan zu stammen und als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen zu sein. Dass die beiden Studenten eine Gemeinsamkeit haben, nahmen sie geradezu emotionslos zur Kenntnis.

Das wiederum erinnerte mich an eine Situation während meines Studiums: Als ich Ende der 1980er Jahre in einem Seminar mitbekam, dass daran noch eine türkischstämmige Studentin teilnahm, freute ich mich so sehr, dass ich gleich zu ihr ging und mich mit ihr verabredete.

Warum ich das erzähle? Weil mir die Situation im Rhetorikkurs und die Erinnerung an meine Studienzeit einmal mehr deutlich gemacht haben, wie wichtig es ist, seine Wahrnehmung immer wieder zu justieren und Veränderungen gegenüber offen zu sein. Um jetzt auch noch den Bogen zu meiner Position bezüglich des Gendern mit : und * zu schlagen: Mir wird aus meinem beruflichen Umfeld empfohlen, auch bei diesem Thema offener und flexibler zu sein. Das wiederum fällt mir schwer.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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