Osnabrück  Sabine Schormann: Das Gesicht der Kulturkatastrophe des Jahres 2022

Stefan Lueddemann
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Von Stefan Lueddemann
| 12.12.2022 17:41 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Sabine Schormann bei der Eröffnung der Documenta fifteen in Kassel. Foto: dpa/Swen Pförtner
Sabine Schormann bei der Eröffnung der Documenta fifteen in Kassel. Foto: dpa/Swen Pförtner
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Was bleibt vom Kulturjahr 2022? Sicher die Erinnerung an den Skandal um antisemitische Bilder auf der Kasseler Documenta. Das Desaster hat ein Gesicht: Sabine Schormann, die als Generaldirektorin der Kunstschau zurücktreten musste.

Sie ist das Gesicht der Kulturkatastrophe des Jahres: Sabine Schormann steht für den Untergang der Documenta 15 in einem beispiellosen Skandal um antisemitische Bildmotive. Als Generaldirektorin der Weltkunstschau war sie 2018 angetreten. Am 16. Juli 2022 trat sie zurück, isoliert, wohl auch desillusioniert, aber vor allem gescheitert an der Aufgabe, einen Kontakt der Kulturen zu moderieren, der sich als überraschend heikel herausstellte.

„Alle Künstlerinnen und Künstler, die künstlerische Leitung Ruangrupa, die Träger und die Geschäftsführung distanzieren sich eindeutig von Antisemitismus“, hatte Schormann noch kurz vor der Eröffnung der Documenta im Interview mit unserer Redaktion gesagt. Kurze Zeit später war diese Versicherung nichts mehr wert.

Sabine Schormann schlug frühe Warnungen in den Wind, Teilnehmer der Documenta könnten antisemitische Haltungen einnehmen. Als entsprechende Bilder der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi auftauchten, geriet die Generaldirektorin bald und schließlich unrettbar in die Defensive.

Dabei galt sie als erfahren und diplomatisch geschickt. In Niedersachsen war sie als Direktorin der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und der VGH-Stiftung eine Konstante der Kulturszene. Wer mit ihr sprach, erlebte eine versierte Kulturmanagerin, die Kunstsinn und Organisationsgeschick zu verbinden wusste. Ihre Berufung nach Kassel erschien auf den ersten Blick überraschend, auf den zweiten aber plausibel. Sabine Schormann und die Documenta – warum nicht?

Lag es daran, dass sie mit ihrem Wechsel von Hannover nach Kassel aus dem Hintergrund der Stiftungslenkung in das Rampenlicht der Politik geriet? Griff sie mit dem Titel einer Generaldirektorin in Sphären aus, denen sie nicht gewachsen war? Es bleibt der Eindruck, dass Schormann die Documenta nach deren Eröffnung schnell entglitt. Es wäre ihre Sache gewesen, das Gespräch zwischen der Leitungsgruppe, dem Kollektiv Ruangrupa, und der deutschen Öffentlichkeit zu moderieren. Aber die Vermittlerin scheiterte an dieser Aufgabe der Vermittlung.

Wer Sabine Schormann am 15. Juni 2022 bei der Pressekonferenz im Kasseler Aue-Stadion erlebte, rieb sich verwundert die Augen. In eine Label-Jacke mit Farben und Formen der Ruangrupa-Documenta gewandet, wirkte die sonst so überlegte Kulturmanagerin aufgekratzt. Sie winkte und lachte, wirkte wie ein Groupie, aber nicht wie eine Lenkerin und Denkerin. Jene Distanz, die eine Generaldirektorin bei aller Begeisterung für das eigene Format noch wahren muss – Sabine Schormann schien sie verloren zu haben.

Als das Künstlerkollektiv Ruangrupa sich angesichts der Antisemitismusvorwürfe in kollektives Schweigen wie in einen Schutzmantel hüllte, hätte Sabine Schormann das Wort ergreifen müssen. Der Generaldirektorin fehlte jedoch in dieser Situation die Sprache. Sie verprellte Gesprächspartner wie den Zentralrat der Juden oder den Antisemitismus-Experten Maron Mendel. Als Videokünstlerin Hito Steyerl, ein Star der Szene, ihre Arbeit von der Documenta unter Protest zurückzog, war Schormann endgültig isoliert, einsam in ihrer Wagenburg statt draußen im Diskussionsforum.

Die Documenta 15 sollte eine Einladung sein, den globalen Süden als Gesprächspartner neu zu entdecken. Das Projekt geriet zum Fiasko. Am Skandal um antisemitische Bilder entlud sich der Konflikt um Haltungen, die nicht vermittelbar waren. Sabine Schormann war mittendrin: eine Kulturmanagerin als trauriges Beispiel dafür, dass sich Kultur eben doch nicht beliebig managen lässt.

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