Berlin Kein Sprachpurismus: Was Westernhagen heute zum „Neger“-Song sagt
Auch wenn es dem Zeitgeist widerspricht, steht Marius Müller-Westernhagen zu Songs wie „Neger“ oder „Dicke“. Im Interview kritisiert er eine Tendenz zum Sprachpurismus.
Marius Müller-Westernhagen kritisiert die Debatte um Sprachtabus. Die Songtexte, die er in fünf Jahrzehnten geschrieben hat, „bedienen die Tabus immens“, sagt Westernhagen im Gespräch mit unserer Redaktion und lacht. Trotzdem denkt er nicht daran, sie nachträglich zu ändern.
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Seinen Song „Dicke“ zum Beispiel habe er für eine neue Version textlich bewusst nicht mehr überarbeitet: „Ich würde den Song in dieser Form nicht mehr schreiben“, sagte Westernhagen zwar, betonte aber auch: „Als wir das ‚Pfefferminz‘-Album später noch mal neu eingespielt haben, wurde mir geraten, den Text umzuschreiben. Das geht mir zu weit. Er gehört zu meiner Geschichte und so soll es auch bleiben.“ Die Nummer vom Album „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ (1978 veröffentlicht und als „Pfefferminz-Experiment“ 2019 neu eingespielt) greift Vorurteile gegen Dicke auf. Dabei ist Westernhagen wichtig: Er selbst habe sich die Klischees dabei nie zu eigen gemacht.
Auch ein Album wie „Hottentottenmusik“ (2011) oder seinen Song „Neger“ vom Erfolgsalbum „Jaja“ (1992) lässt Westernhagen weiterhin gelten: „Da war die Inspiration John Lennons ‘Woman Is The Nigger Of The World’“, erklärte der Musiker. Der Titel stammt aus den frühen siebziger Jahren. John Lennons Engagement für die Schwachen und Benachteiligten in der Welt ist ja bekannt, und jeder weiß, was er mit dem Titel damals ausdrücken wollte.“
Westernhagen setzt sich aktiv gegen Rassismus ein. Im Frühjahr dieses Jahres veröffentlichte er gemeinsam mit seiner Frau Lindiwe Suttle den Song „Black Lives Matter“.
Die aktuelle Debatte um Sprachtabus kritisierte Westernhagen: „Heute setzen wir andere Maßstäbe an, die es in bestimmten Kategorien in der Kunst nicht gibt und nicht geben darf. Natürlich gibt es Grenzen. Aber Künstler dürfen nicht ständig überlegen: Kann ich das sagen? Das macht unfrei.“ Westernhagen äußerte die Sorge vor einer Entwicklung hin zum „Purismus“.