Osnabrück/Lingen  Brennelemente aus Lingen bald in Atomkraftwerken in Osteuropa im Einsatz

Nina Kallmeier, Dirk Fisser, Wilfried Roggendorf
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Von Nina Kallmeier, Dirk Fisser, Wilfried Roggendorf
| 06.12.2022 18:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
In der Brennelemente-Fabrik in Lingen wird bislang nur für Reaktoren westeuropäischer Bauart gefertigt. Das soll sich ändern. Foto: Friso Gentsch/dpa
In der Brennelemente-Fabrik in Lingen wird bislang nur für Reaktoren westeuropäischer Bauart gefertigt. Das soll sich ändern. Foto: Friso Gentsch/dpa
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Die Brennelementefabrik ANF in Lingen will bald auch Brennelemente für Atomkraftwerke russischer Bauart produzieren. Der Genehmigungsprozess läuft. Sollen die Brennelemente aus dem Emsland ausgerechnet in Russland zum Einsatz kommen? Das sagen die Verantwortlichen.

Russland hatte die Ukraine im Frühjahr 2022 gerade erst überfallen, da rückte die einzige deutsche Brennelementefabrik im niedersächsischen Lingen in den energiepolitischen Fokus: Der russische Staats- und Energiekonzern Rosatom hatte bereits vor dem Ukraine-Krieg sein Interesse an dem zum französischen Framatome-Konzern gehörenden Werk im südlichen Emsland bekundet.

Das Unternehmen Advanced Nuclear Fuels (ANF) produziert Brennelemente, die in zahlreichen Atomkraftwerken in Westeuropa zum Einsatz kommen. Und damit darf ANF auch nach dem deutschen Atomausstieg weitermachen.

Ausgerechnet in Lingen wollte Rosatom sich in Form eines Joint-Ventures mit dem französischen Mutterkonzern Framatome zusammenschließen. Der Antrag lag zu Beginn des Ukraine-Krieges im Bundeswirtschaftsministerium bereits zur Genehmigung vor. Letztlich zog das französisch-russische Konsortium dann doch zurück, der Deal platzte vorerst. 

Um so mehr lässt jetzt ein Antrag aufhorchen, den ANF den Genehmigungsbehörden in Niedersachsen vorgelegt hat: Das Unternehmen will künftig nicht mehr nur viereckige Brennelemente bauen, wie sie vorrangig in Reaktoren westlicher Bauart zum Einsatz kommen. Die Emsländer wollen die Produktion in Lingen so umgestalten, dass bald auch sechseckige Brennelemente montiert werden können - sogenannte VVER-Elemente. 

Diese kommen in Atomkraftwerken russischer Bauart zum Einsatz. Will Lingen also bald den russischen Kernkraftmarkt beliefern, zu dem ohnehin Verbindungen bestehen? Die Emsländer verwenden mit hoher Wahrscheinlichkeit Uran in ihren Brennstäben, das aus Russland stammt. So genau wisse man das aber nicht, betont Standortleiter Andreas Hoff. Die Kunden, sprich: Atomkraftwerksbetreiber, bestellten das Uran. ANF verarbeite es nur zu Brennelementen.

Dass diese dann trotz Krieg und Sanktionen nach Russland zurückgehen und hier in Reaktoren eingesetzt werden, schließt ANF-Geschäftsführer Peter Reimann auf Anfrage aus. Zielmarkt der neuen Brennelemente sei nicht Russland.

Und auch im niedersächsischen Umweltministeriums, das den Antrag der ANF derzeit prüft, ist diese Sorge gering. Auf Anfrage teilt ein Sprecher mit: „Ziel ist es, russische Brennelementimporte für bestimmte Reaktortypen in Osteuropa zu ersetzen und nicht Brennelemente nach Russland zu exportieren. Da Russland selber großer Exporteur von Brennelementen ist, besteht an einem Export aus Lingen kein Bedarf.“

Hintergrund der vorgesehenen Produktionserweiterung in den bestehenden Gebäuden der ANF ist Geschäftsführer Peter Reimann zufolge ein Auftrag, den der französische Mutterkonzern Framatome gewonnen habe: Die Betreiber des Atomkraftwerks im tschechischen Temelin suchten einen neuen Brennelemente-Lieferanten für ihre Reaktoren russischer Bauart. Framatome bekam den Zuschlag und gab den Auftrag konzernintern nach Niedersachsen weiter.

2024 sollen die ersten Brennelemente nach Temelin geliefert werden. Mit einer Leistung von rund 2000 Megawatt ist das Kraftwerk des Energieunternehmens CEZ 60 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt das größte Tschechiens.

Für ANF-Standortleiter Andreas Hoff ist die Fertigung der VVER-Elemente in Lingen auch eine Art Standortsicherung. Eigenen Angaben zufolge wurden seit Betriebsbeginn in den 70er Jahren mehr als 38.000 Brennelemente, die aus mehr als 6,8 Millionen Brennstäben bestanden, für Reaktoren in Deutschland und im westeuropäischen Ausland in Lingen gefertigt.

Allerdings: „Der verbleibende Markt in Westeuropa stagniert oder geht leicht zurück. Die letzten Brennelemente für einen deutschen Reaktor wurden 2020 ausgeliefert“, so Hoff. Und bekanntermaßen sollen auch keine mehr hinzukommen. Spätestens im April sollen die letzten deutschen Atomkraftwerke vom Netz gehen. ANF braucht neue Kunden und vermutet sie in Osteuropa: „Bislang fertigen wir keine VVER-Elemente, sodass das für uns zusätzliche Aufträge bedeutet”, sagt Hoff.

Das Potenzial in diesem neuen Markt ist Reinmann zufolge groß. Neben Tschechien stehen Kernkraftwerke russischer Bauart in Europa auch in Ungarn, der Slowakei, Finnland und Bulgarien. „Es gibt 18 Kernkraftwerke in Osteuropa und Finnland, die aktuell überwiegend aus Russland beliefert werden”, sagt er. Hinzu kämen Atommeiler in der Ukraine, deren Belieferung dem ANF-Geschäftsführer zufolge derzeit jedoch keine Option sei. 

EU-Sanktionen für Kernbrennstoffe, zu denen auch Brennelemente gehören, gibt es aufgrund dieser Abhängigkeit nicht. Das bestätigt auch das Umweltministerium in Niedersachsen. 

Vier der 18 genannten Reaktoren - zwei in Tschechien, zwei in Bulgarien - sind 1000 Megawatt-Blöcke, die übrigen haben eine Leistung von 440 Megawatt. Für einen Block in Tschechien soll nun in Lingen gefertigt werden. Das Werk im Emsland, so die Lesart der Betreiber, leistet damit einen weiteren Beitrag dazu, dass Europa energiepolitisch unabhängiger von Russland wird. Ein Ziel, dass auch die Europäische Kommission anstrebt und dabei Atomkraft als Energiequelle explizit mit einpreist.

So wichtig ist die Atomkraft einer Statista-Grafik zufolge für Europa:

Nicht einmal das mittlerweile vom Grünen-Politiker und Atomkraftgegener Christian Meyer geführte Umweltministerium in Niedersachsen sieht darin ein Problem. Der Sprecher der Aufsichtsbehörde in Hannover teilt mit: „Die ANF hat in ihrem Genehmigungsantrag ausgeführt, dass mittels der Fertigung von hexagonalen Brennelementen in Lingen osteuropäische Atomkraftwerke unabhängig von russischen Lieferungen werden sollen. Damit wird die Abhängigkeit dieser Reaktoren von Brennelementen aus Russland gemindert. Dies wird im Sinne des Koalitionsvertrages begrüßt.“

Allerdings: Ganz raus ist Russland damit nicht. Die emsländische Fabrik hat nach eigener Aussage noch kein eigenes Design für sechseckige Brennelemente. Einstweilen bedient sich ANF beim russischem Design. Denn Mutterkonzern Framatone plant doch noch ein Joint-Venture mit dem russischen Rosatom-Konzern - nur dieses Mal nicht in Deutschland, sondern in Frankreich.

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