Artikel 1, GG  Gendern raubt der Sprache die Klarheit

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 07.12.2022 09:17 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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Mittwochs geht es hier um den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Heute beschäftigt sich unsere Kolumnistin mit dem Gendern und damit, wie es die deutsche Sprache verändert.

Wer geschlechtergerechtes Formulieren kritisiert, bekommt zu hören, dass sich Sprache verändert. Stimmt! So manches von dem, was vor 50 Jahren gesagt und geschrieben wurde, gibt es heute nicht mehr. Wie etwa „Fräulein“. Das Wort verschwand aus der Alltagssprache und aus Formularen. Wie sich das genau vollzog, wissen sicherlich Sprachforscher – ich weiß nur, dass ich es mir nicht bewusst von heute auf morgen abgewöhnt habe, eine unverheiratete Frau als Fräulein anzureden.

Wann haben sich eigentlich Sternchen und Doppelpunkt in die Schriftsprache eingeschlichen? Ich nehme wahr, dass immer mehr Menschen und Institutionen „gendergerecht“ schreiben, Substantive um Sternchen beziehungsweise Doppelpunkt und „in“ erweitern. Das sieht dann so aus: der/die Schuhmacher*in (Einzahl) oder die Schuhmacher:innen (Mehrzahl).

Zur Person

Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

* und : sollen männliche, weibliche und die sich weder dem einen noch dem anderen Geschlecht zugehörig fühlenden Personen einbeziehen. In der mündlichen Sprache erfolgt das durch den sogenannten Glottisschlag, also durch eine kleine Pause.

Wer * oder : verwendet, meint, sprachsensibel zu formulieren. Mir verleiden : und * das Lesen. Wenn ich nicht muss, lese ich geschlechtergerecht verfasste Texte nicht weiter. Die Annahme, dass : und * dazu beitragen, gerechter zu kommunizieren, halte ich dagegen, dass ich in einer Sprache ohne grammatikalischen Genus aufgewachsen bin; es bedarf im Türkischen keines Glottisschlags und keines * oder :, um alle Menschen unabhängig vom Geschlecht einzubeziehen. Einen positiven Effekt auf Gleichbehandlung von Frauen und Männern geschweige denn von non-binären Menschen hat das sprachliche Einbeziehen in meinem Herkunftsland bisher nicht gehabt!

Die deutsche Sprache verliert für mich, die ich sie mir mit Mühen angeeignet habe, an Schönheit und Klarheit. Ja, an Klarheit! Denn ein Text voll von :::::: oder ***** mag geschlechtergerecht sein, aber schön und klar ist er nicht.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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