Berlin  Warum auch feministische Pornos nie Periodenblut zeigen

Daniel Benedict
|
Von Daniel Benedict
| 06.12.2022 10:14 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Blutige Tampons sind im Porno Tabu - weil die Zahlungsanbieter es nicht erlauben. Das erklärt die Produzentin Paulita Pappel. Foto: imago-images/fStop Images
Blutige Tampons sind im Porno Tabu - weil die Zahlungsanbieter es nicht erlauben. Das erklärt die Produzentin Paulita Pappel. Foto: imago-images/fStop Images
Artikel teilen:

Dürfen Pornos Sex mit James Camerons „Avatar“-Aliens zeigen? Und wieso gibt es auf Porno-Portalen zwar Stiefvater- und Vergewaltigungsfantasien – aber keinen Tropfen harmlosen Periodenbluts? Produzentin Paulita Pappel erklärt die Tabus der Porno-Industrie.

Paulita Pappel ist Feministin und Porno-Produzentin. Einem breiten Publikum bekannt wurde sie im Frühjahr, als sie für Jan Böhmermanns „ZDF Magazin Royale“ den ersten öffentlich-rechtlichen Porno drehte. In seiner Sendung prangerte Böhmermann Mainstream-Portale an, die selbst zum Schlagwort „Vergewaltigung“ Filme liefern.

Pappel sieht darin kein Problem. Solange die Filme sich als einvernehmliches Rollenspiel zu erkennen geben, hält sie auch Gewaltfantasien für einen legitimen Gegenstand von Pornografie. Blut allerdings ist ein Tabu, das auch Pappels Filme nicht anrühren. Das gilt auch für Menstruationsblut. Und das, obwohl der Feminismus doch gerade weltweit erfolgreich für eine Enttabuisierung der Periode kämpft – vom Steuersatz auf Menstruationsprodukte bis zum Oscar für die Netflix-Produktion „Period“. Warum im Porno immer noch andere Regeln gelten, erklärt Paulita Pappel im Interview:

Mehr zum Thema: Pornos von ARD und ZDF? Paulita Pappel erklärt, warum das sinnvoll wäre

Frage: Frau Pappel, Jan Böhmermann hat sich darüber empört, dass Mainstream-Portale Filme zu Suchbegriffe wie „Vergewaltigung“ auswerfen. Wer sucht so was?

Antwort: Das sind Fantasien, und zwar vor allem weibliche. Viele Frauen haben Gewaltfantasien. Vergewaltigung ist auf jeden Fall in den Top 10. Ich habe ein Problem mit dem Design von Mainstream-Portalen, mit dem Business-Modell und auch mit dem Angebot. Aber es ist nicht problematisch, dass man Gewaltfantasien hat und einen Porno dazu dreht. Das Problem ist die Art und Weise, wie das vermittelt wird. Gucken Sie sich Seiten wie kink.com an – da sehen Sie Kink-Fantasien, aber Sie sehen auch Interviews mit den Darstellern und die Absprachen, die sie vorher getroffen haben. Der ganze Rahmen macht klar, dass Einvernehmlichkeit der Grundsatz von allem ist.

Frage: Eine andere Fantasie, die auf Mainstream-Portalen immer wieder auftaucht, sind inzestuöse Konstellationen.

Antwort: Aber so darf es nicht heißen. Inzest ist verboten. Sie werden keinen Film finden, wo von Vätern und Töchtern die Rede ist. Es sind immer Stiefväter. Das steht im Titel, und auch im Film muss es gesagt werden: „Aber du bist doch mein STIEFvater!“

Frage: Ist das gesetzlich festgelegt? Wer schreibt denn das so genau vor?

Antwort: Was im Porno okay ist und was nicht, entscheiden Visa und Mastercard. Bei Verstößen wird der Zahlungsverkehr gestoppt. Das ist keine politische Entscheidung, sondern US-amerikanische Konzernpolitik. Inzest ist verboten. Blut übrigens auch, und damit ist auch Menstruationsblut im Porno Tabu.

Frage: Dabei ist ja gerade die Enttabuisierung der Periode ein feministisches Anliegen. Eine Netflix-Doku zum Thema hat vor einigen Jahren sogar den Oscar gewonnen.

Antwort: Und trotzdem: Sie können online keinen Porno kaufen, in dem eine Frau ihre Tage hat. Weil Visa und Mastercard das nicht möchten. Manche Payment-Provider sind etwas kulanter, andere strenger. Aber Blut ist überall verboten.

Frage: Steht noch mehr auf der Verbotsliste?

Antwort: Alles mit Tieren. Und das bedeutet nicht nur echte Tiere. Wenn ein Darsteller sich Hundeohre aufsetzt und so tut, als sei er ein Hund – dann ist das verboten. Sex zwischen verschiedenen Spezies ist auch nicht erlaubt: Eine Szene mit James Camerons Avatar-Aliens wäre riskant. Es ist kein Witz: Ein Account-Manager unseres Zahlungsabwicklers Epoch hat mir mal erklärt: Immer wieder mal haben wir Sondersitzungen zu Zweifelsfällen; da sitzen dann zwölf Männer im Anzug und diskutieren darüber, ob man mit Tinkerbell schlafen darf. Tinkerbell – die Fee von Peter Pan. Was ist das Problem? Tinkerbell hat Flügel – ist sie also eine Art Tier? Dann wäre Sex mit ihr Zoophilie und damit verboten. Oder ist sie doch eher eine Art Mensch? Dann ist Tinkerbell „fuckable“.

Ähnliche Artikel