Hamburg  RSV-Welle im Norden: So ist die Lage auf den Kinderintensivstationen

Maximilian Matthies
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Von Maximilian Matthies
| 06.12.2022 06:21 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Hohe Auslastung: Das RS-Virus sorgt für volle Kinderintensivstationen in den Kliniken in Norddeutschland. Ein Überblick. Foto: dpa/Marijan Murat
Hohe Auslastung: Das RS-Virus sorgt für volle Kinderintensivstationen in den Kliniken in Norddeutschland. Ein Überblick. Foto: dpa/Marijan Murat
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Die Infektionswelle mit dem RS-Virus bei kleinen Kindern trifft Norddeutschland mit voller Wucht: Eine Klinik-Abfrage unserer Redaktion zeigt, wie dramatisch die Situation auf den Kinderintensivstationen derzeit ist.

Das Respiratorische Synzytial-Virus (RSV) sorgt in Norddeutschland für eine schwere Krankheitswelle bei kleinen Kindern. Worte von Michael Sasse von der Medizinischen Hochschule in Hannover lassen Eltern angst und bange werden: „Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, warnt der Leitende Oberarzt der Kinderintensivmedizin vergangene Woche und sorgte damit bundesweit für Schlagzeilen.

Notfallmediziner beklagen genauso eine katastrophale Situation: „Von 110 Kinderkliniken hatten zuletzt 43 Einrichtungen kein einziges Bett mehr auf der Normalstation frei“, erklärt die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) am Donnerstag in Berlin. Auf den Kinderintensivstationen gebe es laut einer Divi-Umfrage mit Stichprobentag am 24. November in ganz Deutschland lediglich 83 freie Betten – „das sind 0,75 freie Betten pro Klinik, also weniger als eines pro Standort“.

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Wie das Gesundheitsministerium in Niedersachsen am Freitag unter Berufung auf das Robert Koch-Institut (RKI) mitteilt, sind von landesweit 234 betreibbaren Kinderintensivbetten nur noch 58 als frei gemeldet. Tags zuvor waren noch 66 freie Betten gemeldet worden. Den neuen Angaben zufolge entfallen 45 freie Betten auf die Neonatalogie für Neugeborene und 13 freie Betten auf die Pädiatrie für Kinder ab dem 29. Lebenstag.

Die Lage sei „angespannt“, sagte ein Sprecher des Ministeriums: „Es ist aber keine flächendeckende Überlastung festzustellen.“ Vom RKI und vom Landesgesundheitsamt gebe es vielmehr erste Hinweise, dass der Höhepunkt der Infektionswelle mit dem Erreger RSV erreicht sei.

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Eine Abfrage unserer Redaktionen bei Kliniken in Norddeutschland ergibt ein ähnliches Bild.

Beim Klinikverbund Bremen sind auf der pädiatrischen Intensivstation insgesamt 16 Betten verfügbar, davon sind zwei wegen Fachkraftemängels aktuell gesperrt, wie eine Sprecherin gegenüber unserer Redaktion mitteilt. Anfang der Woche habe die Auslastung bei 90 Prozent gelegen, nachdem vor dem Wochenende alles voll war. Die meisten kleinen Patienten auf der Intensivstation litten unter RSV und Influenza, die Mehrheit sei unter einem Jahr alt.

In Hamburg verzeichnet die Kinderklinik am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) eine erhöhte Anzahl von kleinen Kindern mit Atemwegsinfektionen. Vor allem Infektionen mit dem RS-Virus haben nach Angaben des stellvertretenden Direktors der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin, Jun Oh, gegenüber unserer Redaktion zugenommen. Einen deutlichen Anstieg sehe man derzeit im ambulanten Bereich. Patienten mit RSV-Infekten mussten Jun Oh zufolge „in kleinem Umfang“ auch schon in Häuser der Grundversorgung verlegt werden, weil Behandlungskapazitäten für Kinder und Jugendliche mit seltenen und schwerwiegenden Erkrankungen benötigt wurden.

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Komplett belegt sind sowohl die Normalstation als auch die Kinderintensivstation in der Asklepios Klinik Nord - Heidberg. Sollte sich ein Kind mit einer lebensbedrohlichen Erkrankung vorstellen, werde man alles in die Wege leiten, um für eine akute Behandlung eine Kapazität zu schaffen, teilt der Betreiber gegenüber unserer Redaktion mit.

Weiter nördlich in Schleswig-Holstein kämpfen Kinderkliniken ebenfalls mit anschwellenden Fallzahlen. Die Imland Klinik in Rendsburg berichtet auf Anfrage unserer Redaktion von einer hohen Auslastung, das Geschehen sei sehr dynamisch. Aktuell seien noch Betten verfügbar.

Nur noch ein Bett frei ist auf der Kinderintensivstation in der Diako-Kinderklinik in Flensburg. Die aktuelle Auslastung liegt laut Chefarzt Michael Dördelmann bei 90 Prozent. Aktuell würden zehn Fälle mit dem RS-Virus behandelt. Einziger Hoffnungsschimmer: die Entwicklung sei momentan eher leicht rückläufig.

Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein teilt mit, das Platzangebot sei drastisch eingeschränkt. Es gebe zu wenige Betten, weil Kinder mit Virusinfekten aufwendig isoliert werden müssten. Eine Aufnahme und Behandlung von Notfällen und schwer kranker Kinder geschehe auch weiterhin. Transportfähige Kinder müssten in einigen Fällen aber in andere Kliniken verlegt werden.

Patienten aus anderen Regionen nehmen derzeit täglich die Helios Kliniken in Schwerin auf. Sollte sich die Situation weiter verschärfen, könnte sich dies als Herausforderung darstellen, heißt es gegenüber unserer Redaktion. Die sechs Intensivbetten in der Pädiatrie seien in der Regel „gut belegt“, dies ändere sich von Tag zu Tag. Wann mit dem Abflachen der Infektionswelle zu rechnen sei, dazu will man in der Landeshauptstadt derzeit noch keine Prognose abgeben.

In Mecklenburg-Vorpommern meldeten zwei von fünf Kinder-Intensivstationen – an der Unimedizin Rostock und in Neubrandenburg – nur noch begrenzte Kapazitäten. Dies geht aus dem täglich aktualisierten Divi-Register im Internet hervor.

Mecklenburg-Vorpommerns Gesundheitsministerin Stefanie Drese sagte am Freitag dem Sender NDR Info, „wir sind im Nordosten noch am Anfang der RSV-Welle“. Die hiesigen Krankenhäuser unterstützen demnach die Bundesländer Berlin und Hamburg. „Aber wir rechnen damit, dass es sich auch in Mecklenburg-Vorpommern noch zuspitzen wird.“

Sie appellierte an Eltern, möglichst erst einen Kinderarzt aufzusuchen - und dies möglichst am Anfang der Erkrankung, „damit man noch zu Hause die Pflege so gut wie möglich übernehmen kann“.

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