Berlin Westernhagen verrät, mit welchen Stars er verwechselt wird
Seit über 50 Jahren steht Marius Müller-Westernhagen auf der Bühne. Im Interview spricht er über Weihnachtsalben, seinen „Neger“-Song und die Stars, mit denen er immer wieder verwechselt wird – selbst nach ihrem Tod.
Die Songs von Marius Müller-Westernhagen sind Zeitgeschichte, auch wenn er einige so nicht mehr schreiben würde. Im Diogenes Verlag ist jetzt ein Porträt des 73-Jährigen erschienen. Zur Buchveröffentlichung blickt Westernhagen zurück – mit Demut und Bescheidenheit.
Frage: Herr Westernhagen, es weihnachtet und jeder anständige Musiker hat doch mindestens ein Weihnachtsalbum. Wo bleibt das Ihre?
Antwort: Stimmt, ich glaube, sogar Bob Dylan hat eins gemacht. Da müssten wir aber eine glückliche Form finden. Ich würde das auf keinen Fall aus kommerziellen Gründen machen. Für Sachen, für die ich nicht brenne, bin ich zu faul.
Frage: Haben Sie einen Song im Kopf, der auf jeden Fall drauf sein müsste?
Antwort: Toll, aber für mich unerreichbar, ist die Motown-Musik; das Label hat auch Weihnachtsalben veröffentlicht und bei den amerikanischen Weihnachtsliedern kenne ich einiges, das musikalisch und auch textlich reizvoll ist.
Frage: Gerade ist Ihr autorisiertes Portrait erschienen; mir fällt auf: Ihr erster Plattenvertrag taucht erst auf Seite 166 von 240 auf. Der eigentliche Erfolg wird dann auf wenigen Seiten abgehandelt. Blicken Sie so auf Ihr Leben?
Antwort: Ich lebe überhaupt nicht in der Vergangenheit. Mir war wichtig, dass es kein Fan-Buch wird. Eine so lange Karriere wie meine hat immer mit dem Zeitgeist zu tun, und das ist es auch, was das Buch für mich selbst interessant macht. Viele hängen an der Zeit, wo sie jung und erfolgreich waren und Energie hatten. Wenn du das wiederherstellen willst, läufst du als deine eigene Karikatur durch die Welt. Ich bin froh, mich verändert zu haben. Der Junge, der da auf den Stadionbühnen stand, der sagen konnte: „Ruhig!“ – und dann waren 100.000 Leute ruhig, den kenne ich gar nicht mehr.
Frage: Ich lese, dass Sie früher Platten geklaut haben, weil das Geld nicht reichte. Dabei haben Sie schon als Teenager Filme gedreht. Wo sind die Gagen geblieben?
Antwort: Für meine erste Hauptrolle habe ich 1.500 DM bekommen. Zuerst dachte ich: Ich muss nie wieder arbeiten! Aber das Geld wurde zuhause gebraucht. Uns ging es nicht so gut, vor allem, nachdem mein Vater gestorben war. Und eine Platte kostete 20 Mark – ein Vermögen. Also haben wir gestohlen. Wir brauchten ja Musik; das war also Mundraub. Später hat die Musikindustrie den Menschen ein schlechtes Gewissen gemacht, die im Internet Musik klauen. Da war dann immer mein Ansatz: Das hätte ich auch getan.
Frage: Ihr Vater ist mit 44 Jahren gestorben. Wie ging es Ihnen, als Sie selbst dieses Alter erreicht hatten?
Antwort: All die Dinge, die er gemacht hat, die er in meinen Augen auch falsch gemacht hat, die wollte ich richtig machen. Auf jeden Fall wollte ich älter werden als er. Damals, als 14-Jähriger, war ich sauer, dass er sich so verdünnisiert hat. Erstmal musste ich mich überhaupt mit der Endlichkeit auseinandersetzen: Verdammt noch mal, da stirbt wirklich jemand, der dir sehr nahesteht. Eine starke, dominierende Vaterfigur hatte ich auch vorher nie erlebt – ich hatte einen Vater, der krank war und alkoholsüchtig. Wobei ich selbst das verdrängt hatte. Lange dachte ich, meine Kindheit war ganz hervorragend und harmonisch. Bis meine Schwester mir erzählte, was wirklich los war. Man erinnert sich nur an das Schöne.
Frage: Was fällt Ihnen heute an Unschönem ein?
Antwort: Ich habe zum Beispiel schon mit fünf Jahren kleine Gedichte geschrieben – die wurden abgetan. Ich habe früh gelernt, mit Enttäuschungen und Verletzungen zu leben. Meine Eltern hatten es schwer. Es war kurz nach dem Krieg, alle waren bemüht, wieder auf einen gewissen Lebensstandard zu kommen. Sie hatten keine Zeit. Und dann drehte sich alles um meinen Vater: Kann er arbeiten oder nicht? Ist er in einer depressiven Phase? Trinkt er oder hört er gerade wieder auf? Das gab es nämlich auch: Mein Vater nannte das „zurücktrinken“. Jeden Tag wurde ein bisschen weniger getrunken.
Frage: Dann wurde sein Alkoholismus also ganz offen diskutiert?
Antwort: Ja. Und es war mir ein warnendes Beispiel.
Zu den Songs von Westernhagens neuem Album gehört auch der Titel „Zeitgeist“:
Frage: War Ihr Vater vor allem deshalb eine Belastung, weil man sich um ihn sorgen musste – oder wurde er auch aggressiv?
Antwort: Nein, er war ein herzensguter Mensch. Man hat seine Tragik mitgekriegt, aber ich habe ihn sehr, sehr geliebt. Er hat sehr viel erlebt und uns das auch vermittelt. Wobei er über seine Kriegserfahrung nie gesprochen hat. Da war er wie seine ganze Generation.
Frage: Wie hat Ihr Blick auf die Eltern sich verändert, als Sie selbst Vater wurden?
Antwort: Ich hatte einen Vater, der total liberal war und sehr viel mit mir geredet hat – und eine Mutter, die streng und sehr, sehr diszipliniert war. Eigentlich eine glückliche Mischung; auch wenn mein Vater mit seinen Dämonen zu kämpfen hatte. Mir hat er eingebläut: Bilde dir bloß nie was ein. Stell dich nie über andere. Unterschätze die anderen nie. Wie sehr dich das prägt, wird dir erst später klar.
Antwort: Und meine eigene Tochter – ich glaube nicht, dass ich damals schon reif dafür war. Ich war mit meiner Karriere und mit mir selbst beschäftigt. Und ich war kein guter Vater, als Mimi ein Kind war. Damals war ich im Studio, auf Tournee und nicht präsent. Unser Verhältnis ist jetzt sehr gut. Aber ganz reparieren lässt sich das leider nicht.
Westernhagens Tochter Mimi macht ebenfalls Musik:
Frage: Die letzten Worte Ihres Vaters an Sie, heißt es im Buch, war ein Telegramm mit den Worten: „Demut und Bescheidenheit. Dein Vater.“ Mich verblüfft, wie sehr das Ihr Auftreten jetzt wirklich prägt.
Antwort: Ich habe ihn ja auch erlebt. Er war ein wahnsinnig spiritueller Mensch, der anderen viel geben konnte. Meine Haltung war immer: Respekt für meine Arbeit – großartig! Aber Bewunderung? Für was? Wenn ich da oben auf der Bühne stehe, bilde ich mir nie ein: Ich selbst löse das aus. Das ist etwas, das mit mir passiert; im besten Falle berührt es die Leute. Aber das hat nichts mit mir zu tun. Ich bin auf der Bühne eine Kunstfigur; und nach dem Konzert muss ich aus der Nummer wieder raus. Man kann nicht „bigger than life“ durchs Leben gehen; ich bin nicht überlebensgroß.
Frage: In vielen Songs nehmen Sie wirklich eine Rolle ein. In „Johnny Walker“ sprechen nicht Sie, da spricht ein Trinker. Auch bei der Debatte um den Song „Dicke“ haben Sie oft betont, dass nicht Sie dicke Leute schmähen, …
Antwort: … sondern dass ich den Menschen einen Spiegel vorhalte, die hinter vorgehaltener Hand über andere reden. Ich habe das immer für offensichtlich gehalten, aber später erfahren, dass es auch einige Menschen verletzt hat. Ich würde den Song in dieser Form nicht mehr schreiben. Als wir das „Pfefferminz“-Album später noch mal neu eingespielt haben, wurde mir geraten, den Text umzuschreiben. Das geht mir zu weit. Er gehört zu meiner Geschichte und so soll es auch bleiben.
Frage: Ist auch der Bühnen-Westernhagen eine Rolle. Spielen Sie auf der Bühne so, wie Sie im Kino gespielt haben?
Antwort: Du bist nur dann ein guter Schauspieler, wenn du auf deine eigenen Gefühle zurückgreifst. Auf der Bühne passiert etwas Anderes. Da bin ich ein Medium. Du gehst in eine Zone rein, in der eine Figur aus dir wird. Und die entwickelt ein Eigenleben. Das hat mit dem Publikum zu tun; die Energie der Leute ist körperlich spürbar. Da ist eine Masse, für die du die Verantwortung hast. Du musst auch das Publikum mit inszenieren, einfach damit da nichts Schlimmes passiert. Aber natürlich bin ich nicht dieser Mann auf der Bühne; privat bin ich introvertiert. Wenn ich fünf, sechs Jahre nicht getourt habe, kann ich mir das alles selbst nicht mehr vorstellen. Aber dann gehst du auf die Bühne und – klick! – ist es wieder da.
Frage: Der Schaubühnen-Star Lars Eidinger sagt: Im Interview spielt er eine Rolle, aber auf der Bühne ist er bei sich.
Antwort: Du bist auf der Bühne sehr – live! Du fühlst dich selbst sehr intensiv. Es klingt immer so verlogen, wenn man dann ruft: Ich liebe euch alle! Aber in dem Augenblick tue ich das wirklich; da habe ich unglaublich viel Empathie und Liebe für die Leute. Aber richtige Liebe ist das natürlich nicht.
Frage: Weil man nicht 100.000 Leute lieben kann?
Antwort: Nein – weil es hinterher einfach vorbei ist. Gott sei Dank hatte ich immer die Fähigkeit, in die Situation einzusteigen, aber auch wieder rauszukommen und mir klarzumachen: Was ist Realität und was Projektion? Am nächsten Morgen wache ich auf und denke: Was war das denn? Das gelingt nicht allen. Ich sehe ja die Kollegen, die an Drogen gekommen und gestorben sind. Wenn du sehr erfolgreich bist, wirst du zum Opfer. Du wirst zum Produkt. Sehr viele Leute wollen an dir mitverdienen. Wobei du natürlich auch beschissen wirst; das ist ja normal.
Westernhagen lebt mit seiner zweiten Frau Lindiwe Suttle in Berlin:
Frage: Die Liebe der Fans bleibt über das Konzert hinaus. Wie drücken Ihre das aus? Mit Briefen? Mit Geschenken?
Antwort: Es gibt Leute, die sich kleiden, wie ich mich kleide. Wenn ich einen Bart trage, haben sie auch einen. Ich sage dann immer: Fangt selbst an zu leben. Einmal haben sie ein Mädchen zu mir gebracht, vielleicht 15 Jahre alt, und die wollte sich meinen Namen tätowieren lassen. Da frage ich: Was sagen denn deine Eltern dazu? Sie: Die sagen, ich spinne. Da antworte ich: Ich sage das Gleiche. Vielleicht findest du mich jetzt ganz toll, aber in ein paar Jahren ist es jemand anderes – und dann hast du dieses Tattoo. Sie hat es trotzdem gemacht.
Frage: Jeder Star wird Opfer von Verwechslungen. Für welchen Grönemeyer-Song werden Sie am meisten gelobt?
Antwort: Das ist mir zum Glück noch nicht passiert. Ich weiß aber, dass Herbert für „Freiheit“ gelobt worden ist. Verwechselt werde ich öfter mit Bono. Und einmal hat mich jemand für John Lennon gehalten. Dem musste ich sagen: John Lennon ist tot. Und das schon sehr lange.
Frage: Kultur wird im Moment politisch diskutiert. Seit ein paar Jahren entstehen viele neue Sprachtabus und Ihre Texte …
Antwort: … bedienen die Tabus immens.
Frage: Genau. Es gab eine „Hottentotten“-Tour. Einer Ihrer Songs heißt „Neger“.
Antwort: Da war die Inspiration John Lennons „Woman Is The Nigger Of The World“. Der Titel stammt aus den frühen siebziger Jahren. John Lennons Engagement für die Schwachen und Benachteiligten in der Welt ist ja bekannt, und jeder weiß, was er mit dem Titel damals ausdrücken wollte. Heute setzen wir andere Maßstäbe an, die es in bestimmten Kategorien in der Kunst nicht gibt und nicht geben darf. Natürlich gibt es Grenzen. Aber Künstler dürfen nicht ständig überlegen: Kann ich das sagen? Das macht unfrei. Wir bewegen uns auf einen Purismus zu, der in der Kunst also solcher nicht immer gut ist.
Antwort: Ein anderes Beispiel: #MeToo ist der absolut richtige Ansatz. Aber man muss auch nicht auf alles sofort vollkommen hysterisch reagieren und Karrieren zerstören, solange Sachverhalte nicht richtig und abschließend aufgearbeitet sind. Da ist jede einzelne Geschichte genau zu betrachten. Und man muss die Zeit mit einbeziehen und fragen: Wie war das damals überhaupt?
Westernhagen singt:
Frage: Herr Westernhagen, man kann nicht über Ihre Biografie sprechen, ohne auf die Hamburger WG mit Udo Lindenberg und Otto zu kommen, aus der viele Geschichten überliefert sind.
Antwort: Da wird auch viel rumgesponnen.
Frage: Erzählen Sie mal eine Anekdote, die stimmt.
Antwort: Wir waren damals alle auf dem Sprung, Erfolg zu haben, nur ich noch nicht so. Udo war der erste, der selbstbewusst zur Plattenfirma ging. (Westernhagen fällt in Lindenbergs Nuschel-Ton.) „Ich geh heut hin und halt den Finger hoch.“ Er wollte eine Million fordern. Wir alle: Spinnst du? Du Idiot! Du hast sie doch nicht alle. Aber er kam zurück und hatte den Vertrag. Damit hat er die Tür für viele andere deutsche Musiker geöffnet. Auch wenn wir damals mehr Platten verkauft hatten als internationale Stars, waren wir eben nur lokale Helden. Das hat sich lange hingezogen. Ich lebte übrigens nicht ständig in der WG, sondern nur, wenn ich einen Schlafplatz brauchte. Ich kam mit nichts nach Hamburg als mit meinem Pelzmantel und meinen blauen Plateau-Schuhen.
Frage: Etwa dem Wolfspelz, den das Buch erwähnt?
Antwort: Nee, wo die Geschichte herkommt, weiß ich nicht. An einen Wolfspelz kann ich mich nicht erinnern. Vergangenheit wird irgendwann zur Fiktion. Jeder erinnert sich an was Anderes. Karl Bartos, mein Freund von Kraftwerk, schreibt in seiner Biografie zum Beispiel, wir wären mit einer Ente zu Uschi Obermaier nach München gefahren.
Frage: Wie bitte, bei der waren Sie gar nicht?
Antwort: Doch, aber ich erinnere mich so daran, dass ich im Auftrag meiner Filmfirma nach München gefahren bin. Eine Zeitlang war ich ja Regieassistent und was weiß ich noch alles. Da habe ich dann wirklich bei Uschi und Rainer Langhans gewohnt – genau in der Zeit, als sie ein Verhältnis mit Mick Jagger hatte. Rainer hat damals allen erzählt: Uschi gehört nicht mir; ich habe keine Besitzansprüche. Und dabei hast du dann gesehen, wie wahnsinnig er gelitten hat. Uschi war einfach unglaublich schön – und daneben dann dieser langhaarige, spiddelige Typ. Sie lief wirklich immer nur nackt durch die Wohnung. Morgens bekam man gleich einen Joint reingesteckt, und dann hat Uschi mir beigebracht, wie man Müsli macht. Vor ein paar Jahren habe ich sie noch mal besucht. Es war, als hätten wir uns gestern erst gesehen.
Frage: Als Sie noch unbekannt waren, sollen Sie anonym Kritiken Ihrer eigenen Konzerte geschrieben und bei der Rheinischen Post eingeworfen haben. Stimmt das wirklich?
Antwort: Das stimmt so was von. Wir wurden nicht beachtet und da musste ich was tun. Also habe ich Kritiken geschrieben, gerade kritisch genug – und dann wurden die gedruckt, das hat mehrfach geklappt.
Frage: Haben Sie schon mal darüber gedacht, vorsorglich Ihren eigenen Nachruf zu schreiben? Mit welchen Satz wollen Sie erinnert werden?
Antwort: Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich überhaupt jemand an mich erinnert. Frag mal auf der Straße, wer Bob Dylan war. So ist das halt. Zehn Jahre nach meinem Tod bin ich nicht mehr existent.