Missbrauchsstudie  Priester nutzten Gottesliebe der Messdiener aus

Matthias Bänsch
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Von Matthias Bänsch
| 05.12.2022 17:03 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Die Ergebnisse der Missbrauchsstudie stellten jetzt vor (von links) Studienleiter Professor Dr. Thomas Großbölting, der Interventionsbeauftagte des Bistums Münster, Peter Frings, und der Moderator Dr. Marc Röbel im Gespräch mit kirchlichen Mitarbeitenden. Foto: BMO/Ebert
Die Ergebnisse der Missbrauchsstudie stellten jetzt vor (von links) Studienleiter Professor Dr. Thomas Großbölting, der Interventionsbeauftagte des Bistums Münster, Peter Frings, und der Moderator Dr. Marc Röbel im Gespräch mit kirchlichen Mitarbeitenden. Foto: BMO/Ebert
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Mit eventueller Homosexualität von Priestern hätten die Taten nichts zu tun, stellten die Forscher klar. Die meisten Täter hätten Kinder missbraucht, weil sie die Gelegenheit dazu hatten.

Oldenburger Münsterland - Im Rahmen eines Klausurvormittags für Angestellte im kirchlichen Dienst stellte jetzt Professor Dr. Thomas Großbölting Erkenntnisse über die Geschichte sexuellen Missbrauchs im Bistum Münster vor. Der Historiker an der Universität Hamburg war Leiter der unabhängigen Untersuchung der Universität Münster zu sexualisierter Gewalt im Bistum Münster, die im Juni 2022 vorgestellt wurde. Etwa 40 Interessierte nahmen teil. Moderator war Akademiedirektor Dr. Marc Röbel. Anschließend fand am vergangenen Freitag im Antoniushaus in Vechta eine öffentliche Informationsveranstaltung zu dem Thema statt.

In seinem Vortrag erklärte Großbölting auf Grundlage der Recherchen des Forscherteams, dass es im Bischöflich Münsterschen Offizialat (BMO) in Vechta ab 1948 und bis in die 1970er Jahre hinein ein „hohes Wissen“ um Taten sexualisierter Gewalt durch Kleriker gegeben haben müsse. Im gesamten Bistum Münster seien nach bisherigen Erkenntnissen im gut 70 Jahre umfassenden Untersuchungszeitraum der Studie etwa 4,2 bis 4,5 Prozent der Priester sexueller Gewalt beschuldigt worden. Dieser Anteil decke sich etwa mit den Erkenntnissen aus anderen Bistümern, so Großbölting.

Intensivtäter aus Neuscharrel

Insbesondere im Oldenburger Land habe man es aber mit einer Reihe von Intensivtätern zu tun gehabt, so Großbölting, darunter die in der Studie namentlich genannten Pfarrer Bernhard Janzen aus Neuenkirchen und Helmut Behrens aus dem Friesoyther Ortsteil Neuscharrel.

Ausdrücklich verwahrte sich Großbölting gegen die Annahme, etwaige Homosexualität von Priestern hätte zu den Übergriffen geführt. Man dürfe hier keine falschen Schlüsse ziehen, warnte der Historiker. Es sei davon auszugehen, dass der Großteil der Beschuldigten dem „regressiv-unreifen Tätertypus“ zuzuordnen sei. In der Folge sei es dort zu sexuellen Übergriffen gekommen, wo sich Gelegenheit geboten hätte, insbesondere also gegenüber den Priestern anvertrauten Kindern. Die ersten Taten seien dabei oft etwa zehn bis zwölf Jahre nach der Priesterweihe erfolgt.

Kirchenobere wollten „Priesterweihe retten“

Weil im Großteil des Untersuchungszeitraums vor allem Jungen Messdiener gewesen seien, seien männliche Kinder und Jugendliche auch unter den Betroffenen stärker vertreten als Mädchen, erklärte Großbölting. Der Studienleiter zitierte einen Betroffenen, der erklärt habe, dass der Missbrauch gerade deshalb stattgefunden habe, „weil ich katholisch bin“. Die „Gottesliebe“ der Kinder sei auf den als „heiligen Mann“ stilisierten Geistlichen missbräuchlich umgelenkt worden, erklärte Großbölting. Dass die meisten Meldungen von Betroffenen erst ab 2010 eingegangen seien, führte Großbölting darauf zurück, dass Betroffene erst nach dem öffentlichen Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe am Berliner Canisiuskolleg darauf hoffen konnten, dass ihren Schilderungen geglaubt werde.

Mit Blick auf die Verantwortung der Kirchenleitung konstatierte Großbölting, die kirchlichen Verwaltungen im Bistum, das Generalvikariat in Münster und das BMO in Vechta hätten Intensivtätern in der Vergangenheit über Jahrzehnte das Signal gegeben, die Taten zwar nicht gutzuheißen, aber vor Sanktionen zurückzuschrecken, um „die Priesterweihe des Täters zu retten“. Bei der Erstellung der Studie seit dem Jahr 2019 hätten die Historiker aber „guten Zugang“ zu den Archiven im Generalvikariat in Münster und im Offizialat in Vechta erhalten. Die Forscher hätten „gute Unterstützung durch das Bistum erhalten“, sagte Großbölting.

Aufarbeitung der Vorwürfe geht weiter

Dem Vortrag Großböltings vor den kirchlichen Mitarbeitern schloss sich eine intensive Diskussion mit den Teilnehmerinnen und Teilnehmern an, an der auch der Interventionsbeauftragte des Bistums, Peter Frings, teilnahm. Für die „schwierige Arbeit“ der historischen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt und der Interventionsarbeit dankte Moderator Dr. Röbel abschließend Großbölting und Frings. Röbel stellte klar, dass mit der Veröffentlichung der Missbrauchsstudie „kein Punkt“ gesetzt werde, sondern „ein Doppelpunkt“: Die kircheninterne und gesellschaftliche Aufarbeitung sexualisierter Gewalt müsse unbedingt weitergehen, so Röbel.

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