Mutter aus Ostrhauderfehn ist verzweifelt Kinderärzte äußern sich zum Medizinermangel im Oberledingerland
Einen neuen Kinderarzt im Oberledingerland zu finden, gestaltet sich für eine Mutter aus Ostrhauderfehn schwierig. Die Praxen seien am Limit, berichten zwei Mediziner.
Oberledingerland - Eine 34-jährige Mutter aus Ostrhauderfehn ist verzweifelt. Ihr Sohn im Kindergartenalter und ihr neugeborenes Kind haben im nächsten Jahr keinen Kinderarzt mehr, weil Dr. Ulrike Gitmans aus Ramsloh Ende Dezember in den Ruhestand geht und die Praxis nicht nachbesetzt wird. Die Suche nach einem neuen Kinderarzt in der Nähe gestaltet sich schwierig. Vor allem, da die Mediziner in der Region schon deutlich am Limit sind.
„Es ist einfach erschreckend, dass man im eigenen Dorf oder zwei, drei Orte weiter keinen Kinderarzt mehr findet, der noch Patienten aufnimmt“, sagt die Ostrhauderfehnerin, die nicht möchte, dass ihr Name in der Zeitung genannt wird. Es sei frustrierend, immer nur abgewiesen zu werden, und teilweise würden die Mitarbeiter der Arztpraxen am Telefon auch sehr unfreundlich sein.
Nur noch zwei von vier Ärzten
Von den Mitarbeitern der Kinderarztpraxis von Dr. Okechukwu Isaac Opurum in Ostrhauderfehn wurde die 34-Jährige abgewiesen. „Ich wurde gefragt, warum ich mit meinem älteren Sohn nicht direkt nach seiner Geburt in die Kinderarztpraxis gegangen sei. Ich hätte damals eine Fehlentscheidung getroffen und jetzt sei kein Platz mehr frei“, schildert die 34-Jährige den Anruf. Dr. Opurum möchte sich zu dem Thema Kinderärztemangel und auch zu dem Anruf nicht äußern. „Wenn Eltern wissen möchten, ob wir noch Kapazitäten haben, können sie bei uns anrufen“, sagt er gegenüber der Redaktion.
Auch bei der zu Dr. Gitmans zugehörigen Gemeinschaftspraxis von Dr. Claudia Laudeley und Dr. Jan-Peter Schubert in Flachsmeer hatte die 34-Jährige kein Glück. „Von vier sind nur noch zwei Ärzte für alle Patienten geblieben. Ältere gesunde Schulkinder, die vorher bei Dr. Gitmans waren, können wir nicht einfach weiterbehandeln. Die Hausarzt-Versorgung können wir zu zweit im selben Rahmen wie vorher nicht mehr leisten“, erklärt Dr. Schubert. Kinderarztpraxen in Papenburg und Weener seien bereits unbesetzt. Dr. Gitmans Praxis in Ramsloh wird es ab 2023 ebenfalls sein.
Kinderärzte sind überlastet
Wenn Kinder krank sind oder eine Vorsorgeuntersuchung haben, können die Eltern aber trotzdem weiterhin kommen, macht der Kinderarzt Dr. Schubert klar. „In den letzten drei Jahren haben mehrere Kinderärzte ihre Praxen in der Region geschlossen. Das ist natürlich eine unerfreuliche Situation für die Eltern. Wir haben leider deswegen auch einige unfreundliche, emotionale und wütende Gespräche gehabt. Aber auch für die Kinderärzte ist es schwer, wenn Kollegen fehlen. Wir kommen zeitlich und körperlich an unsere Belastungsgrenzen, weil mindestens drei weitere Kinderärzte fehlen, um die Versorgung in der Region ausreichend zu decken“, so Schubert. Er und seine Kollegin Dr. Laudeley würden aktuell schon viele Überstunden in den Praxen machen, weil es nicht anders gehe.
Bleibt noch die Kinderarztpraxis von Dr. Nawar Kamel aus Rhauderfehn in direkter Nähe. Doch auch dort wurde die 34-jährige Mutter abgewiesen, mit der Begründung, dass die Kinderarztpraxis voll sei und nur noch Neugeborene aus der Gemeinde Rhauderfehn aufnehmen würde. „Es stimmt, dass wir nur noch Neugeborene aus Westrhauderfehn aufnehmen, aber eigentlich haben wir für die auch keine Kapazitäten mehr. Wir sind vollkommen überlastet“, sagt Dr. Kamel. Täglich würden sehr viele Eltern in der Praxis am Untenende anrufen, weil sie auf der Suche nach einem Kinderarzt seien. „Es tut uns leid, dass wir die verzweifelten Eltern abweisen müssen, aber wir können nichts machen. Wir würden ihnen gerne helfen, aber die Praxis macht sowieso schon täglich Überstunden, um alle Patienten behandeln zu können“, so Dr. Kamel. Es würde sogar schon schwangere Frauen geben, die für die erste U-Untersuchung ihres Babys Termine abmachen wollen, obwohl das Kind erst im Sommer 2023 auf die Welt kommen soll.
Fester Kinderarzt von weiter weg
Damit die Qualität der Behandlung weiterhin sichergestellt werden kann, würde es nicht mehr gehen, die Quantität in der Praxis zu steigern. „Die Kinder sollen ja auch vernünftig untersucht werden“, sagt Dr. Kamel. Der Mangel an Kinderärzten sei in der ländlichen Region generell ein sehr großes Problem. Ärzte gehen in den Ruhestand und die Praxen bleiben unbesetzt. „Wir behandeln zum Teil sogar Kinder aus Heede, Dörpen oder sogar ganz aus Meppen, weil die Eltern auch dort keinen Arzt für ihre Kinder finden“, schildert der Mediziner. Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN), die unter anderem die Aufgabe hat, die ambulante ärztliche Versorgung zu sichern und zu verbessern, muss laut Dr. Kamel dringend eine Lösung finden und die leeren Praxen in der Region nachbesetzen. „Wir sind überstrapaziert und verzweifelt, weil wir nicht wissen, wie es weitergehen soll“, so Dr. Kamel.
Schon im September berichtete diese Zeitung über besorgte Eltern aus der Region, die auch von der Schließung der Kinderarztpraxis von Dr. Gitmans betroffen sind und sich an die Kassenärztliche Vereinigung (KVN) gewandt hatten. Dort hieß es lediglich, dass die Problematik bekannt sei, dennoch sei die Situation in diesem Bereich kompliziert. Die KVN schlug den Eltern vor, den Suchradius nach einem Kinderarzt zu vergrößern. Das führte aber nicht unbedingt zu Erfolg, berichtete die dreifache Mutter Annika Hibben aus Barßel-Neuland. Die 34-jährige Ostrhauderfehnerin sucht nun auch weiter weg nach einem festen Arzt für ihre zwei Kinder. Selbst wenn ein längerer Weg mit einem Kindergartenkind und einem Neugeborenen nicht optimal sei, sei die Möglichkeit immer noch besser als ständig vertretungsweise zu verschiedenen Kinderärzten zu gehen, sagt sie.