Kinderkliniken unter Druck Immer mehr Kinder erkranken am RS-Virus
Ärzte in ganz Deutschland schlagen Alarm. Viele Kinderstationen sind voll belegt, weil Infektionen mit dem RS-Virus zunehmen. Das gilt auch für Ostfriesland. Doch man kann sich und seine Kinder schützen.
Ostfriesland - Die Corona-Welle ebbt ab, dafür nehmen akute Atemwegserkrankungen stark zu. So führen Infektionen mit dem RS-Virus (Respiratorischer Synzytal-Virus) insbesondere bei Kleinkindern zu Erkrankungen und Krankenhauseinweisungen, berichtet das Robert-Koch-Institut. Die Werte gingen senkrecht nach oben. „Die Situation ist in ganz Deutschland katastrophal“, stellt der Kinder-Intensiv- und Notfallmediziner Florian Hoffmann, Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), fest. Auch in Ostfriesland ist die Lage angespannt.
Hygieneregeln einhalten
Alle Gesundheitsämter in Ostfriesland appellieren in diesem Zusammenhang an das Einhalten von Hygieneregeln im öffentlichen Leben und in der Familie; dadurch könne die Ausbreitung von RS-Viren minimiert werden. Hierzu gehören regelmäßiges Händewaschen, hygienisches Husten und Niesen sowie die Reinigung eventuell kontaminierter Gegenstände wie Kinderspielzeug. Bei Erkältungssymptomen in der Familie sollte eine Maske getragen werden. Während der Ansteckungsfähigkeit sollten Patienten Gemeinschaftseinrichtungen, insbesondere Krabbelgruppen, nicht besuchen, auch wenn kein explizites Besuchsverbot für Gemeinschaftseinrichtungen besteht.
Die RSV-Welle und die Influenza-Welle sind auch in der Kinderklinik in Aurich angekommen. Nach der Immunisierungspause durch Corona gibt es aktuell viele Erkrankungen. „Derzeit ist die Kinderstation mit 24 Kindern voll belegt. 75 Prozent davon werden wegen RS-Viren behandelt. Sehr schwere Verläufe gibt es bislang nicht“, teilt das Klinikum mit. Nach ein bis zwei Tagen könnten die Kinder im Regelfall wieder entlassen werden. „Es können derzeit auch alle Kinder in Aurich versorgt werden“, so die Pressestelle.
„Gut ein Drittel der Kinderklinik ist zurzeit mit Patienten belegt“
Aufgrund beinahe doppelt so hoher RS-Fallzahlen wie im vergangenen Jahr sei der Belegungsdruck allerdings hoch. „Unsere Pflegekräfte der Kinderklinik machen einen großartigen Job“, lobt Dr. Gerhard Däublin, Chefarzt der Kinderklinik, das Engagement. Er berichtet, dass die Kinderkliniken in der Region in regelmäßigem Austausch stehen, um Engpässe auszugleichen. „In anderen Kinderkliniken können aufgrund des Mangels an Pflegekräften nicht alle Betten zur Verfügung gestellt werden. Aurich ist davon aktuell nicht betroffen“, sagt Dr. Däublin. Er hofft, dass die Personalausfälle angesichts der Grippewelle nicht zu stark ansteigen.
Auch die Belegung der Kinderstation im Klinikum Leer ist derzeit sehr hoch. „Gut ein Drittel der Kinderklinik ist zurzeit mit Patienten belegt, die am RSV erkrankt sind. Darunter sind auch zwei- bis dreijährige Patienten, die schwerer erkrankt sind und Unterstützung beim Atmen bedürfen“, teilt die Pressestelle des Klinikums auf Anfrage mit. Bisher konnten alle Kinder, die stationär behandlungsbedürftig waren, aufgenommen werden. „Die Kinderkliniken der Region stehen in engem Austausch, um entstehende Engpässe auszugleichen. Im Vergleich zu den letzten fünf Jahren ist die derzeitige RSV-Welle stark ausgeprägt“, heißt es weiter.
Fallzahlen „deutlich erhöht“
Absolute Fallzahlen für die jeweiligen Landkreise können die Gesundheitsämter nicht nennen, da die RSV-Erkrankung nicht meldepflichtig ist. Man müsse aber davon ausgehen, dass die Fallzahlen wie bundesweit auch in der Region „deutlich erhöht sind“, heißt es aus dem Gesundheitsamt des Landkreises Leer, und: „Die Verbreitung in der Allgemeinbevölkerung wurde lange Zeit unterbewertet.“ RSV sei ein weltweit verbreiteter Erreger von akuten Erkrankungen der oberen und unteren Atemwege in jedem Lebensalter und einer der bedeutendsten Erreger dieser Art bei Säuglingen, insbesondere Frühgeborenen und Kleinkindern.
Amtsarzt Dr. med Dirk Obes vom Gesundheitsamt der Stadt Emden warnt ebenfalls vor den Gefahren durch das RS-Virus, das durch Tröpfcheninfektion übertragen wird: Die Symptome können sich als einfache Atemwegserkrankung darstellen, aber auch schwere Verläufe von Lungenentzündung bis hin zum Tod seien möglich. RSV sei weltweit die zweithäufigste Todesursache bei kleinen Kindern. Als Risikopersonen für einen schwereren Verlauf gelten insbesondre Frühgeborene und Kinder mit Lungen-Vorerkrankungen, aber auch ältere Menschen und Personen mit einem geschwächten Immunsystem.
Keine bundesweite Meldepflicht
Auch Dr. Obes betont, dass für das RS-Virus keine bundesweite Meldepflicht besteht, einzelne Bundesländer hätten jedoch über eine Landesverordnung eine Meldepflicht etabliert, etwa Sachsen. Da Emden nicht mehr über eine Kinderklinik verfügt, könne auch in dieser Hinsicht das Krankheitsgeschehen mit stationärer Behandlungsbedürftigkeit auf lokaler Ebene nicht beurteilt werden. „Insgesamt ist jedoch ein derzeit hohes Infektionsgeschehen mit allgemeinen Atemwegsinfektionen zu verzeichnen“, so Dr. Obes.
Einen Überblick über die Atemwegsinfektionslage gibt das niedersächsische Landesgesundheitsamt. In seinem jüngsten Wochenbericht verzeichnet das Amt für die ostfriesische Halbinsel eine starke Zunahme bei Atemwegserkrankungen und beruft sich dabei auf Angaben von Kindertageseinrichtungen. Die Auricher Amtsärzte weisen im Zusammenhang mit dem RS-Virus noch auf die Möglichkeit einer passiven Immunisierung mit einem monoklonalen Antikörper für bestimmte Risikogruppen hin. Bei Frühgeborenen, Kinder mit Herzfehlern oder anderen schweren Erkrankungen vor dem zweiten Geburtstag sollte mit dem Kinderarzt abgesprochen werden, ob so eine Immunisierung für dieses Kind empfohlen wird.
Dem Landkreis Wittmund sind bisher keine auffällig hohen Zahlen – weder bei Kindern noch bei Erwachsenen - bekannt. Allerdings verfügt man auch hier nicht über valide Zahlen. Im Krankenhaus Wittmund gibt es keine Kinderklinik, daher gehen Kinder an andere Kliniken. Nach Angaben von Klinik-Geschäftsführer Ralf Benninghoff wurde bisher ein 15- bis 16-jähriges Mädchen im Krankenhaus Wittmund wegen RSV versorgt.
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