San Francisco Hoffnung für Alzheimer-Patienten: Neues Medikament verzögert Krankheit deutlich
Es ist ein Hoffnungsschimmer für Millionen Demenzkranke weltweit: Ein neues Alzheimer-Medikament verlangsamt den geistigen Verfall deutlich. Das hat eine neue Studie aus den USA ergeben. Auch deutsche Ärzte äußern sich positiv. Die Nebenwirkungen machen allerdings noch Sorgen.
160.000 Menschen – so viele erkranken laut Statistischem Bundesamt jährlich in Deutschland an Alzheimer. 2020 starben 9450 an der Demenzkrankheit. Das waren so viele wie nie zuvor. Umso besser ist die Nachricht, die nun aus San Francisco kommt: Ein neuartiges Medikament verlangsamt den Abbau der kognitiven Fähigkeiten deutlich.
Das geht aus einer Studie hervor, die am Dienstag auf dem CTAD-Kongress (Clinical Trial on Alzheimer‘s Disease) in der kalifornischen Stadt vorgestellt und zeitgleich im Fachjournal „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht wurde.
Getestet wurde das Medikament „Lecanemab“. Insgesamt 1795 leicht an Demenz erkrankte Personen nahmen an der Studie teil. Über einen Zeitraum von 18 Monaten ist die eine Hälfte mit dem neuen Medikament behandelt worden, die andere Hälfte bekam ein Placebo. Das Ergebnis: „Lecanemab“ konnte den geistigen Verfall in dem frühen Stadium der Alzheimer-Erkrankung um 27 Prozent verlangsamen.
Die klinische Studie, die sich bereits in der fortgeschrittenen dritten Phase befindet, hat allerdings auch schwere Nebenwirkungen des Medikaments zutage gebracht: Bei einigen Patienten kann es zu Hirnblutungen und -schwellungen kommen. Die Forschenden weisen zudem darauf hin, dass „Lecanemab“ nur wirkt, wenn es im frühen Stadium verabreicht wird. Das Problem: Alzheimererkrankungen werden oftmals recht spät erkannt.
Bei „Lecanemab“ handelt es sich um ein Antikörper-Medikament, das die Vorstufen von Eiweißansammlungen im Gehirn erkennt und die die Ablagerungen des Amyloid-Plaques, die typisch für Alzheimer sind, ausbremst. Diese Form der Demenz heilen kann das Medikament, das die US-Pharmafirma Biogen und das japanische Unternehmen Eisai entwickelt haben, aber nicht.
Dennoch begrüßten Forscher und Patientenvertreter die Ergebnisse der Studie. „Das ist das erste Medikament, das eine echte Behandlungsmöglichkeit für Menschen mit Alzheimer bietet“, sagte der Leiter des britischen Demenz-Forschungsinstituts, Bart De Strooper. Zwar scheine der „klinische Nutzen noch begrenzt“ zu sein, aber es sei zu erwarten, dass dieser deutlicher werde, wenn das Medikament über einen längeren Zeitraum verabreicht werde.
Das passiert bei einer Alzheimer-Erkrankung im Gehirn:
Es sei insgesamt eine sehr ermutigende Studie, meint auch Prof. Dr. Stefan Teipel, Leiter der Forschungsgruppe Klinische Demenzforschung am Deutschen Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen. „Die Studie ist in sich sehr stimmig und die Daten sind konsistent.“
Tara Spires-Jones, die Programmleiterin am britischen Demenz-Foschungsinstitut, wies allerdings darauf hin, dass es noch unklar sei, ob die „bescheidene Verzögerung“ des kognitiven Abbaus „einen großen Unterschied für Menschen mit Demenz bedeutet“. Es seien längere Studien erforderlich, um sicher zu sein, „dass der Nutzen dieser Behandlung die Risiken überwiegt“, forderte sie.
„Was die Zulassung von Lecanemab zur Behandlung von Alzheimer in Europa betrifft, lässt sich noch keine Aussage treffen“, meint Teipel. Hier spiele ebenfalls die Abwägung von Nutzen und Nebenwirkungen eine große Rolle. Auffällig finde er, dass die Autoren der Studie wörtlich schreiben, dass es noch längerdauernde Studien brauche, um die Wirksamkeit und Sicherheit von „Lecanemab“ zu beurteilen: „Wenn ich diesen Satz wörtlich nehme, würde das heißen: Mit dieser Studie können wir noch keine Zulassung beantragen.“
Biogen und Eisai hatten im vergangenen Jahr schon einmal das Alzheimer-Medikament „Aduhelm“ auf den US-Markt gebracht, bei dem es allerdings erhebliche Kontroversen über den Nachweis seiner Wirksamkeit gab. Die Zulassung durch die US-Behörde FDA führte zum Rücktritt von drei hochrangigen FDA-Vertretern, zudem schränkte die Behörde die Anwendung ein.