Notlage Volle Kinderstationen – auch in ostfriesischen Kliniken
„Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, sagt Kinderintensivmediziner Michael Sasse von der Medizinischen Hochschule Hannover. Kinderkliniken sind am Limit – auch in Ostfriesland.
Hamburg/Ostfriesland - Überbelegte Patientenzimmer, tagelanger Aufenthalt in der Notaufnahme, Verlegung von kranken Babys in mehr als 100 Kilometer entfernte Krankenhäuser: Die aktuelle Welle von Atemwegsinfekten bringt Kinderkliniken in Deutschland an ihre Grenzen, wie die Deutsche Presse-Agentur (DPA) berichtet. Von einer „katastrophalen Lage“ auf den Kinder-Intensivstationen spricht die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Wenn ein gerade reanimierter Säugling in einer eigentlich voll belegten Kinderklinik aufgenommen werde, müsse dort ein Dreijähriger den dritten Tag in Folge auf seine dringend notwendige Herzoperation warten.
„Kinder sterben, weil wir sie nicht mehr versorgen können“, sagte der Leitende Oberarzt der Kinderintensivmedizin an der Medizinischen Hochschule Hannover, Michael Sasse. Die Lage sei ohnehin prekär. Doch die enorme Welle von Infektionen mit dem Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) habe die Situation noch einmal verschlimmert. Inzwischen würden Kinder auf Normalstationen behandelt, die auf Intensivstationen gehörten.
Umfrage unter 130 Kinderkliniken
Die Intensiv- und Notfallmediziner untermauerten ihre Befunde mit einer Umfrage unter 130 Kinderkliniken. 110 hätten auf die Anfrage vom 24. November geantwortet, sagte der Divi-Generalsekretär und Münchner Kinder-Intensivmediziner Florian Hoffmann. Theoretisch hätte es an diesem Tag in Deutschland 607 Kinderintensivbetten gegeben. Tatsächlich seien es vor allem wegen Personalmangels rund 40 Prozent weniger gewesen: 367 Betten. Der Umfrage zufolge meldeten 47 Kliniken null verfügbare Betten, 44 Krankenhäuser nur noch ein freies Bett. Insgesamt gab es an dem Tag bundesweit nur noch 83 freie Betten. Laut Hoffmann musste „jede zweite Klinik in den letzten 24 Stunden ein Kind letztendlich ablehnen“.
Der Divi-Generalsekretär sagte, dass die Lage auf den Intensivstationen nicht allein aus der RSV-Welle resultiere. Das Problem sei über die vergangenen Jahre immer größer geworden. Die Intensivmediziner fordern unter anderem sofort bessere Arbeitsbedingungen in Kinderkliniken, den Aufbau telemedizinischer Netzwerke zwischen den pädiatrischen Einrichtungen und den Aufbau von spezialisierten Kinderintensiv-Transportsystemen.
Kinderarzt kritisiert, dass Medizin profitabel sein müsse
„Dass Kinderleben im Moment in Gefahr sind, das hat die Politik zu verantworten“, sagte Jakob Maske, Sprecher des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte. Früher seien ganz andere Wirtschaftlichkeitskriterien an die Kinderheilkunde gestellt worden. „Jetzt muss Medizin profitabel sein, nicht Krankheiten heilen, sondern Geld bringen.“
Die Trägergesellschaft der Kliniken Aurich, Emden und Norden berichtet: „Auf der Normalstation der Kinderklinik werden aktuell bis zu 30 Kinder behandelt. Eine nicht-invasive Beatmung ist dort möglich und angesichts der aktuellen RS-Welle deutlich vermehrt erforderlich.“ Die Kinderstation sei voll ausgelastet: „Es können bislang aber noch alle Kinder in Aurich versorgt werden, deren Zustand einen Krankenhausaufenthalt erforderlich macht.“ Kinderklinik-Chefarzt Dr. Gerhard Däublin sagt, dass die Kinderkliniken in der Region im Austausch stünden, um entstehende Engpässe auszugleichen. „In anderen Kinderkliniken können aufgrund des Mangels an Pflegekräften nicht alle Betten zur Verfügung gestellt werden. Aurich ist davon aktuell nicht betroffen.“
„Die Pädiatrie ist voll“, sagt auch der ärztliche Direktor des Leeraner Klinikums, Dr. Hans-Jürgen Wietoska. Bisher habe man aber noch kein krankes Kind wegschicken müssen. „Wir arbeiten hart an der Kapazitätsgrenze“, so Wietoska. Gut ein Drittel der Kinderklinik sei mit Patienten belegt, die am RSV erkrankt seien. Darunter seien auch Zwei- bis Dreijährige, die so schwer erkrankt seien, dass man sie beim Atmen unterstützen müsse.
Mit Material von DPA.