Fachkräfte-Offensive Ostfrieslands Wirtschaft hofft auf Tausende Zuwanderer
Die Bundesregierung will ausländischen Arbeitskräften das Einwandern erleichtern. Die Wirtschaft sieht für den ostfriesischen Arbeitsmarkt großen Bedarf – aber auch die Gefahr, abgehängt zu werden.
Ostfriesland/Berlin - Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hat im Zusammenhang mit der Fachkräfte-Offensive der Bundesregierung die große Bedeutung des Vorhabens für Deutschland hervorgehoben. „Deutschland braucht in Zukunft alle helfenden Hände und klugen Köpfe“, sagte Heil am Mittwoch bei der Vorstellung von Eckpunkten für ein neues Fachkräfte-Einwanderungsgesetz in Berlin.
Nach den Plänen, die das Bundeskabinett am Mittag beschlossen hat, will Deutschland mehr Arbeitskräfte aus dem Ausland ins Land locken und dafür die Regeln für Einreise und Anerkennung von Berufsabschlüssen vereinfachen.
Etwa 3000 Zuwanderer bräuchte es pro Jahr in Ostfriesland
In der ostfriesischen Wirtschaft stieß der Beschluss der Ampel-Koalition auf breite Zustimmung: „Wir haben viel Arbeit, die gemacht werden muss“, sagte Albert Lienemann, Präsident der Handwerkskammer (HWK) für Ostfriesland. „Ohne Zuwanderung ist das nicht möglich. Wir brauchen die Leute.“ Großen Bedarf an Fachkräften gebe es nicht nur im Handwerk, sondern etwa auch in der Logistik, in der Gastronomie und im Handel, hieß es von der Industrie- und Handelskammer (IHK) für Ostfriesland und Papenburg. „Wir sind auf die Arbeitsmigration schon ein Stück weit angewiesen“, sagte Timo Weise, Abteilungsleiter für berufliche Bildung und Fachkräfte bei der IHK. Mit Blick darauf, dass bald die geburtenstarken Jahrgänge in den Ruhestand gehen, sei davon auszugehen, dass der Fachkräftemangel noch größer werde.
Wie groß der Bedarf an Personal in Ostfriesland ist, belegen auch die am Mittwoch veröffentlichten Zahlen der Agentur für Arbeit Emden-Leer: Demnach waren im November etwa 2900 freie Arbeitsstellen in der Region gemeldet. Agenturchef Roland Dupák spricht laut Mitteilung von einer weiterhin hohen Nachfrage. „Wenn die Babyboomer in den Ruhestand gehen, werden wir das hier nicht mit eigenen Mitteln hinbekommen“, sagte Dr. Dirk Lüerßen, Geschäftsführer der Wachstumsregion Ems-Achse. Konkret brauche es in Ostfriesland in nächster Zeit etwa 3000 Zuwanderer pro Jahr, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken.
„Dem Handwerk ist es egal, wo die Leute herkommen“
Lüerßen begrüßte den Vorstoß der Bundesregierung, die Zuwanderung von Fachkräften zu erleichtern – zugleich warnte er jedoch davor, dass Ostfriesland gegenüber Metropolen wie Berlin den Kürzeren ziehen könnte. „Wir als ländliche Region müssen deutlich machen, dass es hier Arbeitsplätze gibt“, sagte der Ems-Achse-Chef. Die Unternehmen jedenfalls seien dazu bereit, Personal aus dem Ausland einzustellen, und hätten auch vor der Sprachbarriere keine Angst.
„Dem Handwerk ist es egal, wo die Leute herkommen“, sagte Lienemann. Wichtig sei es, den bürokratischen Aufwand für die Betriebe zu verringern. Zudem müsse die Berufsanerkennung erleichtert werden – was die Ampel-Koalition auch plant. Die Neuerungen sehen unter anderem vor, dass anerkannte ausländische Fachkräfte künftig auch in Berufen arbeiten können sollen, die mit ihrer Ausbildung nichts oder wenig zu tun haben.
Es soll mehr um Fähigkeiten als um Zeugnisse gehen
Dieses Vorhaben erntet auch die Zustimmung der IHK, die in Nürnberg zentral für die Berufsanerkennung zuständig ist und von Zuwanderern mitgebrachte Dokumente zu Abschlüssen und Ausbildungen überprüft. Künftig solle es nicht mehr nur darum gehen, zu „gucken, was sind für Papiere da“, sagte Weise von der IHK in Emden. Stattdessen solle es vermehrt darum gehen, festzustellen, welche Kompetenzen ein Zuwanderer mitbringt. Heißt also: Eine Einstellung soll nicht mehr an einem fehlenden Zeugnis scheitern, wenn jemand unter Aufsicht von Fachleuten in der Praxis nachweisen kann, dass er einen Job beherrscht.
Einig waren sich am Mittwoch die HWK- und IHK-Vertreter, dass sie sich von der Fachkräfte-Offensive der Ampel eine Besserung der Lage erhoffen. „Wir sehen da große Chancen“, sagte Ems-Achse-Chef Lüerßen.
Mit Material von DPA