Osnabrück „Nur 10 Fälle“ in 27 Jahren – Osnabrücker Bischof Bode irritiert mit Aussage zu Missbrauch
Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode hat vor einer Firmung im Emsland mit Jugendlichen gesprochen. Dabei ging es auch um das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche. Eine Aussage des Bischofs sorgt bei Jugendlichen und Eltern nun für Verwunderung, andere reagieren wütend.
Innerhalb der Kirche ist das etwas Besonderes: Am Samstag vor zwei Wochen kam der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode eigens nach Spelle, um dort Jugendliche zu firmen. Kurz vor der Messe durften die Teenager dem Bischof vorbereitete Fragen stellen. Es ging um den Alltag eines Bischofs, um sein Lieblingsessen, darum, ob sogar ein Bischof schon einmal Schwierigkeiten mit dem eigenen Glauben hatte. Die Fragen hatten die Jugendlichen vorbereitet. Um das eigentlich allgegenwärtige Thema Missbrauch sei es dabei nicht gegangen, erinnern sich Teilnehmer.
Nicht alle Jugendlichen sehen das Gespräch im Nachhinein kritisch. Eine Teenagerin erklärte, sie habe das Format “super” gefunden.
Andere dagegen werden wütend, wenn sie über die Aussagen des Bischofs zum Thema Missbrauch in der katholischen Kirche sprechen. Denn auch wenn Bode offenbar nicht mit Fragen nach sexualisierter Gewalt konfrontiert wurde, schnitt der Bischof das allgegenwärtige Thema selbst an. Das Wie ließ manche der Jugendlichen stutzen. Demnach habe Bode plötzlich über das Ausmaß sexualisierte Gewalt im Bistum Osnabrück gesprochen. Das Thema klinge immer so groß, habe der Bischof eingeleitet. Und wie mehrere Teilnehmer unserer Redaktion gegenüber unabhängig voneinander berichteten, habe Bode dann betont: In den 27 Jahren, in denen er im Amt sei, seien es nur zehn Fälle gewesen.
Die Wortwahl des Geistlichen variiert leicht in der Erinnerung der Jugendlichen. Der eine erinnert sich daran, dass Bode konkret über die “27 Jahre”, in denen er in Osnabrück arbeite, gesprochen habe. Andere nur noch daran, dass es um die Dauer seiner Amtszeit ging. In einem Punkt sind sich die Jugendlichen unabhängig voneinander sicher: Der Bischof sprach von “nur zehn” Fällen.
Es habe sie “tierisch aufgeregt”, dass der Bischof so lapidar mit dem Thema Missbrauch umgegangen sei, sagt eine Jugendliche später. “Das geht gar nicht.” Ein anderer erinnert sich, dass er sich in dem Moment erschrocken habe, dass der Bischof Missbrauch “so kleingeredet hat” - auch nur ein Fall sei eine große Sache. Eine Teenagerin stellt fest: “Ob es nur ein Fall ist oder zehn, es sollte nicht passieren.”
Eine Jugendliche sorgt sich nun, wie es auf die anderen in der Gruppe gewirkt haben muss, dass ausgerechnet ein Bischof das Thema verharmlose. Was, wenn jemand mit pädophilen Neigungen in der Runde saß und nun mitnehme, das sei ja alles gar nicht so schlimm? Und was ist mit Jugendlichen, die selbst Erfahrung mit Missbrauch haben, ließe sich hinzufügen. Auch Eltern zeigten sich im Gespräch mit unserer Redaktion fassungslos.
Die Zahl zehn scheint indes nicht haltbar zu sein. Wer das erste Gutachten zum Umgang mit Missbrauch im Bistum Osnabrück liest, kann zwar auf zehn Täter kommen, die in der Amtszeit Bodes eine Rolle spielten. Allerdings sind die dort aufgelisteten Täter nur eine Auswahl. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es weitere gibt und überdies besteht eine Dunkelziffer. Die Zahl der Betroffenen und der Taten ist sowieso erheblich höher.
Wie der Bischof auf diese Zahl kam, ließ das Bistum auf Anfrage unbeantwortet. Die Pressestelle betonte indes, der Bischof habe bislang keine negativen Rückmeldungen aus Spelle zum Gespräch mit den Firmlingen* bekommen. Er werde nun der Frage nachgehen, “wo möglicherweise solche Irritationen im Gespräch mit den Jugendlichen entstanden sind”. Grundsätzlich liege es dem Bischof fern, “das Thema sexualisierter Gewalt in irgendeiner Form zu verharmlosen”.
Verharmlosung sehen in den Aussagen des Bischofs aber nicht nur die Jugendlichen, sondern auch Betroffene. Max Ciolek unterstützt die Uni Osnabrück als Betroffener mit seiner Expertise und ist zudem Mitglied im Betroffenenrat der Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung. Ciolek erklärte gegenüber unserer Redaktion: „Bischof Bode verhält sich verbal äußerst ungeschickt. Selbst wenn es nur zehn Missbrauchsfälle in seiner Amtszeit gegeben hätte - der kürzlich vorgelegte Zwischenbericht einer Studie der Uni Osnabrück spricht da eine ganz andere Sprache - wären es zehn Fälle zu viel.“ Ciolek betonte: “Sexualisierte Gewalt sollte – auch und gerade in der katholischen Kirche – mit aller Macht bekämpft, nicht verharmlost werden.“
*In einer ersten Version hieß es, der Bischof habe aus Spelle keine negativen Rückmeldungen zum Umgang mit Missbrauch bekommen. Gemeint waren Rückmeldungen zum Gespräch mit den Firmlingen.