Berlin  Überfüllte Kinderkliniken: Kommt die Maskenpflicht zurück?

Tobias Schmidt
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Von Tobias Schmidt
| 30.11.2022 01:00 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 4 Minuten
Das RS-Virus ist für Kleinkinder gefährlicher als Corona. Was tun gegen die Überlastung der Kliniken? Foto: Marijan Murat / dpa
Das RS-Virus ist für Kleinkinder gefährlicher als Corona. Was tun gegen die Überlastung der Kliniken? Foto: Marijan Murat / dpa
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Als wegen Corona eine Überlastung der Kliniken drohte, wurde das Land in den Lockdown geschickt. Jetzt laufen Kinderkliniken wegen einer RSV-Welle über, aber die Politik schaut weg.

Betroffen sind Säuglinge und Kleinkinder. So viele wie nie müssen wegen der gefährlichen Atemwegserkrankung künstlich beatmet werden. Die Lage ist so dramatisch, dass Patienten sogar über Landesgrenzen hinweg verlegt werden. Kinderärzte fordern deswegen die Rückkehr zur Maskenpflicht. Wir haben mit Klinikchefs gesprochen und bei Gesundheitsminister Karl Lauterbach nachgefragt. Eine Analyse.

„Angespannt und bedrohlich, aber nicht hoffnungslos“, sagt Florian Urlichs, Chefarzt an der Osnabrücker CKO-Kinderklinik. Normalerweise gibt es hier 21 Betten auf der Infektstation, nun werden dort 23 kleine Patienten stationär behandelt, 18 wegen einer RSV-Infektion. Drei Kinder liegen auf der Intensivstation. „Das ist für alle eine sehr belastende Situation.“

„Wir sind immer wieder gezwungen, Kinder in andere Kinderkliniken zu verlegen. Inzwischen suchen wir an manchen Tagen verfügbare stationäre Betten NRW-weit“, heißt es in einem Brandbrief eines Kinderklinik-Chefs im Bergischen Land an den Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). „Der Austausch mit den anderen pädiatrischen Abteilungen zeigt, dass alle Kinderkliniken momentan am absoluten Limit arbeiten und ihre Patienten quer durchs Bundesland verschicken müssen.“ Die Klinik sieht sich längst gezwungen, planbare Behandlungen komplett zu stoppen, um alle Kapazitäten für die Akutversorgung zu nutzen. Viele der kleinen Patienten, „die andernfalls sofort stationär aufgenommen worden wären“, werden gerade nur ambulant versorgt, schreibt der Klinikchef.

Philippe Stock ist Präsident der Gesellschaft für Pädriatische Pneumologie und Direktor am Altonaer Kinderkrankenhaus in Hamburg. „Wir haben derzeit so viele Säuglinge und Kleinkinder, die mit einer RSV-Infektion ins Krankenhaus kommen, wie noch nie“, sagt er. Er musste noch keinen Patienten abweisen. Andere Hamburger Kliniken hätten aber schon schwerkranke Kinder nach Niedersachsen oder Schleswig-Holstein schicken müssen.

Drei Gründe gibt es: Die RSV-Welle ist in diesem Jahr besonders krass, weil die Corona-Maßnahmen (Masken!) die Kinder in den vergangenen zwei Jahren vor Atemwegserkrankungen geschützt haben. „Die Immunsysteme, die eigentlich jährlich trainiert werden, sind aktuell recht unerfahren. Daher können sich Krankheitserreger viel leichter ausbreiten als in den vergangenen Jahren“, sagt Kinderlungenärztepräsident Stock. Hinzukommt, dass auch die Influenza-Welle „untypisch früh“ anrolle. „Sollten sich RSV und Influenza wirklich signifikant zeitlich überschneiden, wäre das eine enorme Belastung“, warnt Stock.

Der dritte Grund: Landauf, landab sind die Kliniken durch den Pflegemangel enorm geschwächt und überdies unterfinanziert. Tausende Betten wurden abgebaut, aber auch für die ambulante Versorgung fehlen die Ressourcen. BVKJ-Präsident Thomas Fischbach macht „das politikseitig zumindest geduldete Kaputtsparen der stationären wie ambulanten Versorgung, untaugliche Finanzierungssysteme und unpraktikable Regelungen zu Personaluntergrenzen“ für die Misere verantwortlich.

Zum Beispiel eindämmen. Kinderlungenarzt Stock sagt: „Eine Maskenpflicht würde definitiv helfen, die Infektionen zu begrenzen. Wir müssen je nach Lage entscheiden, ob dies auch im öffentlichen Raum wieder notwendig sein wird.“ Die Politik müsse sich da rantrauen. Über Kita- und Schulschließungen dürfe aber nicht wieder diskutiert werden.

Ein konkreter Wunsch der Praktiker, um durch die akute Krise zu kommen, ist die Erlaubnis, auch mit weniger als der vorgeschriebenen Zahl an Pflegekräften arbeiten zu dürfen. „Wenn wir die Pflegeuntergrenzen auch in einer Situation wie dieser nun zwingend einhalten müssen, schränkt das die Versorgungskapazitäten noch weiter ein. Die Folge wäre, dass wir Kinder nicht versorgen können und ablehnen müssen“, sagt Stock. 

Krankenhausplanung „ist Sache der Länder“, heißt es aus seinem Gesundheitsministerium. RSV-Alarmstimmung? Fehlanzeige. Gleichwohl findet Lauterbach, er habe seinen Teil beigetragen. Denn am Freitag verabschiedet der Bundestag ein Entlastungspaket samt Erlösgarantien für Kinderkliniken. Dadurch werde die Versorgung von Kindern und Jugendlichen „abgesichert“.

Das wiederum bringt Kinder- und Jugendärztepräsident Fischbach auf die Zinne. Das gerade grassierende RS-Virus sei „nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt“, sagt er. Um etwas an der desolaten Lage zu verbessern, müsse die Politik nicht nur auf die Kliniken schauen, sondern auch die Rahmenbedingungen für Kinder- und Jugendarztpraxen grundlegend verbessern. „Es geht schon lange nicht mehr um Sektorenprobleme, es geht um das Ganze!“, schreibt er an Kollegen: „Aus meiner Sicht muss der gemeinsame Protest im Lande lauter und unüberhörbar werden!“

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