Artikel 1, GG  Wie ich zur Deutschen wurde

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 30.11.2022 09:12 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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Mittwochs geht es hier um den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Heute berichtet unsere Kolumnistin, wie sie vor 18 Jahren zur deutschen Staatsbürgerin wurde.

Meinen deutschen Pass habe ich einem Kriminellen und einem ehrlichen jungen Mann zu verdanken. Denn hätte ersterer nicht aus meinem Auto, das vor der Haustür abgestellt war, meine Reisetasche gestohlen und hätte zweiter die in einer Grünanlage entsorgte Tasche nicht im Fundbüro abgegeben, dann hätte es wohl noch ein paar Jahre länger gedauert, bis ich einen Einbürgerungsantrag gestellt hätte.

Zur Person

Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Der junge Mann gab die Tasche im Hanauer Fundbüro ab, der städtische Mitarbeiter rief mich an, weil er meine Nummer ausfindig gemacht hatte. Als ich zum Fundbüro ging, um meine Tasche abzuholen, entdeckte ich, dass sich gleich nebenan das Einbürgerungsamt befand. Mit der Reisetasche, in dem der Dieb nur noch die schmutzige Wäsche zurückgelassen hatte, und dem Antrag für die Einbürgerung ging ich nach Hause. Das war vor 18 Jahren.

Aus emotionalen Gründen hatte ich gezögert, meinen Pass zu wechseln, denn für türkische Staatsangehörige gab’s keinen Doppelpass. Ich bedaure es nicht, den türkischen Pass abgegeben zu haben. Die Einbürgerung war letztlich ein Schritt, auch offiziell Teil dieses Landes zu sein .

An meine Einbürgerung erinnere ich mich wegen der aktuellen Debatten über die Reform des Staatsbürgerschaftsrechts. Es gibt heftige Kritik an den Plänen des Bundesinnenministeriums, die Einbürgerung zu erleichtern.

Dem Entwurf nach soll die Einbürgerung bei „besonderen Integrationsleistungen“ bereits nach drei Jahren möglich sein, wenn etwa Einwanderer besonders gut Deutsch sprechen und besondere schulische beziehungsweise berufliche Leistungen oder ehrenamtliches Engagement nachweisen können. Hinter diesem Plan steckt ja die Idee, dass die Staatsbürgerschaft die Zugehörigkeit und die Loyalität zu Deutschland stärkt und die Orientierung an den Werten und Normen der Gesellschaft festigt. Hoffentlich ist das so! Was ich mich nämlich frage: Wie wird geprüft, welches ehrenamtliche Engagement als Bonuspunkt angerechnet wird?

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