Kolumne „Digital total“ Bei Angriffen nicht vorschnell urteilen
Jeder kann Opfer eines Cyberangriffs werden. Unser Kolumnist erklärt, was gerade auf für Firmen zu beachten ist.
In der vergangenen Woche berichtete diese Zeitung über einen Hackerangriff auf die Baufirma Bohlen & Doyen in Wiesmoor. Über die Details lässt sich im Netz kaum etwas in Erfahrung bringen und das Ganze wird fast nur unter dem nichtssagenden Sammelbegriff „Cyber-Angriff“ zusammengefasst. Das könnte so ziemlich alles bedeuten. Von einem unachtsamen Mitarbeiter, der die falsche Datei geöffnet und so einen Erpressungstrojaner in die Firma eingeschleust hat, bis hin zu einem raffinierten Eindringen in die Unternehmensnetzwerke durch einen staatlichen Geheimdienst.
Aufgrund des Betätigungsfeldes der Firma – dem Bau von Pipelines am neuen LNG-Terminal in Wilhelmshaven – liegt ein staatlicher Angriff aus Russland nahe, obwohl dieses Projekt der Firma gar nicht betroffen war. Trotzdem sollte man sich jetzt davor hüten, sich dadurch politisch instrumentalisieren zu lassen, dass man mit dem Finger nach Russland zeigt. Beweise sind im Cyberspace sehr rar. Kommt ein Angriff von einem russischen Server, heißt das noch lange nicht, dass das auch russische Hacker waren. Schließlich hacken auch chinesische und amerikanische Hacker regelmäßig die Server ihrer russischen Kollegen – schon allein deswegen, um ihre eigene Industriespionage als russischen Cyberkrieg zu tarnen. Und auch das gerne angeführte Argument „Da waren Kommentare auf Russisch im Quellcode“ ist eher ein Indiz als ein Beweis. Schließlich gibt es auch Chinesen und Amerikaner, die Russisch sprechen. Kurzum: Technische Beweise gibt es bei solchen Angriffen in der Regel wenig. Dafür aber umso mehr politisch-motivierte Spekulationen.
Am Ende ist es für die Firma und ihre Beschäftigten auch relativ egal, wer denn nun der Angreifer war. Viel wichtig ist, dass man aktuelle Backups aller wichtigen Daten hat und im Ernstfall schnell, aber besonnen reagiert. Und sich im Zweifel schnell Hilfe von Experten sucht. Was ja bei Bohlen & Doyen ganz gut geklappt zu haben scheint.
Kontakt: kolumne@zgo.de
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