Berlin Warum Karoline Herfurth Pixi-Bücher hasst - und was sie selbst vorliest
Karoline Herfurths Kinofilm „Wunderschön“ handelt von Frauen im Rollenkorsett. Im Interview erklärt die Regisseurin und Darstellerin, warum „Dirty Dancing“ progressiv ist, Pixi-Bücher aber nicht.
Karoline Herfurths Kinofilm „Wunderschön“ (Start am 3. Februar 2022) handelt von Frauen, die mit ihrer Rolle hadern. Die Regisseurin selbst spielt Sonja, eine Mutter, die unter Dehnungsstreifen leidet - und unter einem Mann, der sich vor der Sorgearbeit drückt. Martina Gedecks Figur fühlt sich nicht mehr begehrt. Ihre Tochter (Emilia Schüle) wiederum quält sich für eine Modelkarriere.
Nur Sonjas Freundin Vicky (Nora Tschirner) spielt nicht mehr mit. Die Lehrerin lebt unabhängig und beglückt ihre Klasse sowie das Kinopublikum mit launigen Kalendersprüchen zur feministischen Lage. Wer ist Schuld an der weiblichen Misere? Darüber gibt die Regisseurin, Drehbuchautorin und Darstellerin Karoline Herfurth hier Auskunft.
Frage: Frau Herfurth, Ihr neuer Film spielt immer wieder auf „Dirty Dancing“ an. Als das im Kino lief, waren Sie drei. Wann haben Sie den Film zum ersten Mal gesehen?
Antwort: Ich habe „Dirty Dancing“ öfter gesehen, zum ersten Mal mit zwölf Jahren, vielleicht schon mit elf. Und natürlich fand ich ihn total toll. Dass wir ihn so oft zitieren, ist aber mehr ein Zufallsprodukt. Moni Fässler, die Autorin, und ich haben das erst in den letzten Zügen der Drehbucharbeit entwickelt.
Frage: Immerhin stellt Ihr Film jetzt die These auf, dass „Dirty Dancing“ immer missverstanden wurde.
Antwort: Ich habe mal einen tollen Artikel darüber gelesen, der beschreibt, wie sehr „Dirty Dancing“ seiner Zeit voraus war – in der Art und Weise wie Beziehungen verhandelt werden, wie Emanzipation angesprochen wird und wie sich hier ein Paar auf Augenhöhe begegnet: Johnny will nicht angehimmelt werden, er will einfach nur, dass aus Baby eine starke, erwachsene Frau wird, dass sie kraftvoll ist und sie selbst sein kann, so wie es Nora Tschirners Figur „ Vicky“ in Wunderschön sagt: „Ich habe noch nie jemanden getroffen der so lieben kann wie Johnny, der einfach nur will, dass sie frei ist“. – „Dein Tanzbereich, mein Tanzbereich“ ist nicht umsonst ein so berühmtes Zitat. Johnny bringt Baby tanzend bei, dass man sich in Beziehungen nicht die ganze Zeit auf den Füßen stehen darf. Es ist ein Bild für eine erwachsene Liebesbeziehung. Von zwei Menschen auf Augenhöhe die immer wieder neu über ihren Raum verhandeln. Bei uns ist das genau das Thema von Nora Tschirners Figur Vicky. Deshalb haben wir das Bild zitiert.
Frage: Gibt es andere Filme, die Sie in Ihrer Arbeit geprägt haben?
Antwort: Für „Wunderschön“ ist natürlich „Embrace“ wichtig, den Nora Tschirner mitproduziert hat: Taryn Brumfitts Doku über das Verhältnis von Frauen zu ihrem Körper. Nora hatte mich schon darauf aufmerksam gemacht, bevor sie beteiligt war; da war das Projekt noch nicht mehr als eine Fundraising-Kampagne. Und ich muss sagen, dass der fertige Film dann wirklich ein einschneidendes Erlebnis für mich war. Er hat meine Einstellung zu meinem Körper komplett verändert.
Frage: Das müssen Sie ausführlicher beschreiben: Wie war's vorher, und wie ist es jetzt?
Antwort: Na ja, ich war schon sehr von der Aufgabe abgelenkt, auf eine bestimmte Art und Weise auszusehen. Großgeworden bin ich mit dem Anspruch, meinen Körper einer Definition anzupassen, die andere vorgegeben haben. Ich habe ihn immer durch eine Schablone gesehen, in die er nie reingepasst hat, und habe mich daran abgekämpft, ihn passend zu machen. Damit habe ich wahnsinnig viel Zeit verschwendet. Und ich habe mich weniger darum gekümmert, was unabhängig vom Körper mein Potenzial ist, was ich will, was mir Spaß macht. Inzwischen lasse ich meinen Körper meinen Körper sein und konzentriere mich auf die eigentliche Fülle des Lebens. Ich kümmere mich gern auch mal um meinen Körper, aber nur einen Miniteil meiner Zeit. Ich kämpfe mich nicht mehr an dieser Wand ab, ich drehe mich lieber um und blicke auf das weite Feld, das vor mir liegt. Und je entspannter ich mit mir selbst werde, desto reicher wird mein Leben.
Frage: Ist das eine Einstellungsfrage oder haben Sie Ihren Alltag bewusst verändert, aufs Workout verzichtet, den Kosmetikschrank ausgeleert?
Antwort: Die Grundmotivation hat sich verändert. Ich schminke mich, ich style mich gern und mache auch gern Sport, das ist nicht der Punkt. Aber ich mache nur das, was sich gut anfühlt und nichts mehr, um einer bestimmten Form zu entsprechen.
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Frage: Eine Pointe im Film erzählt von der Muttermilch, die Ihre Figur ausgerechnet beim Vorstellungsgespräch auf ihrer Schulter entdeckt. Als ich Vater wurde, habe ich das eigentlich als Entlastung empfunden: Wenn ich schmuddelig bei der Arbeit auftauchte, war immer eine Ausrede da. War das bei Ihnen anders? Ist es eine Frage des Geschlechts?
Antwort: Das kann ich so konkret gar nicht beantworten. Ich glaube, dass viele den Druck haben, Leistungsbereitschaft zu signalisieren. Wenn Sie am Arbeitsplatz zugeben durften, dass Sie nicht mehr alles auf einmal schaffen, ist das toll. Sie waren da vielleicht schon an dem Ziel, das vielen am Arbeitsmarkt noch fehlt: Toleranz und Integration von Familie. Es wäre ja schön, wenn wir alle uns noch viel mehr in dieser Richtung bewegen könnten.
Frage: Wobei man im Homeoffice inzwischen ja auch ungestraft im Schlafanzug arbeiten könnte.
Antwort: Sehr gut. Wenn man über Emanzipation redet, geht’s immer viel um die Frauen, um ihre beschnittenen Karrieremöglichkeiten und um männliche Privilegien. Das ist aber nur das eine. Das andere ist die Teilhabe an Familie und Emotion – das sind auch Privilegien, die sich in der Gesellschaft gerechter verteilen müssten. Ich habe immer das Gefühl: Eigentlich ist unsere Gesellschaft nicht nur frauenfeindlich; im Grunde ist sie familienfeindlich. Und ein wahnsinnig wichtiges und schönes Ziel ist für mich ein Arbeitsmarkt, der sich nach den Bedürfnissen von Familien ausrichtet.
Frage: Im Film lassen Sie all den Frust über Rollenbilder raus, als Sie ein Pixi-Buch vorlesen: „Gitti hilft Mama beim Frühjahrsputz“. Dieses Buch gibt es gar nicht. Haben Sie bei den echten Pixis kein ausreichend altbackenes gefunden?
Antwort: Es gibt zigtausend Bücher, die alte Rollenvorstellungen verbreiten. Und ich hasse sie alle. Die Bilder, die da etabliert werden – schon im frühsten Kindesalter! – sind so verheerend! Und so bescheuert! Es gibt zigtausend Kinderbuch-Reihen, die das reproduzieren. Im Kino darf ich so ein Buch nicht zeigen. Das war eine rechtliche Sache. Ich meine sie aber alle.
Frage: Welches Vorlesebuch empfehlen Sie?
Antwort: Was ich ganz toll finde: „Little People, Big Dreams“, das ist eine ganze Reihe. Dann „Rebel Girls“ - das sind alles Bücher über reale Personen. „Lauras Stern“ mag ich aber auch sehr gern, die Reihe geht behutsam mit diesen Bildern um. Und noch eins: „Die Schule der magischen Tiere“. Wie alt sind Ihre Kinder?
Frage: Fünf und sieben.
Antwort: Dann können Sie die „Magischen Tiere“ jetzt einführen.
Frage: Zu den Figuren Ihres Films gehört auch eine Jugendliche, die ein Poster von Billie Eilish im Zimmer hat. Das hängt vermutlich nicht zufällig dort?
Antwort: Ich bin ein großer Billie-Eilish-Fan.
Frage: Musikalisch oder auch, weil sie ein gutes Vorbild ist?
Antwort: Beides. Ich finde sie natürlich musikalisch toll. Schon bei „Sweethearts“, meinem letzten Film, war der Titelsong von ihr; im aktuellen Film durfte ich auch wieder einen benutzen. Aber natürlich ist Billie Eilish auch eine wahnsinnig spannende Frau, und zwar eine, bei der es überhaupt nicht um ihren Körper geht. Es geht um das, was sie macht, um ihre Musik und auch um sie als Marke – sie drückt sich ja auch stark über ihre Kleider und ihren Look aus. Aber es geht nicht um ihren Körper. Ich bin sehr froh über dieses Vorbild: Es geht also auch anders als halbnackig seine Sexyness zu verkaufen. Ich hab sie sogar mal getroffen.
Frage: Bei welcher Gelegenheit?
Antwort: Als „Sweethearts“ in die Kinos kam, war sie gerade in Deutschland auf Tour. Und im Rahmen der Zusammenarbeit konnte ich sie backstage treffen. Sie kam gerade von der Bühne; und man merkte, dass sie noch ganz in ihrer Welt war. Die erste Frau, mit der ich dann zuerst mal ziemlich lange gesprochen habe, war ihre Mama. Die war supernett, aber ich hatte auch das Gefühl, man wird da erstmal ein bisschen angeguckt und geprüft. Man spürte, dass alle für Billie einen vertrauten Raum schaffen wollten. Sie sollte erstmal machen, worauf sie Lust hat, und kam dann irgendwann dazu. Natürlich interpretiere ich das alles wild in die Situation. Aber ich hatte den Eindruck, dass sie auf eine sehr liebevolle und gute Weise beschützt wird.
Frage: Und wie war dann das eigentliche Treffen?
Antwort: Sie hat eine wahnsinnige Kraft, ein unglaublich sprühendes Wesen. Vor einem steht eine wahnsinnige Persönlichkeit. Sie hat überhaupt keine Hülle, man begegnet einer ganz vollen Seele. Ich war richtig beeindruckt.
Frage: Beneidenswert.
Antwort: Finde ich auch.
Das Interview wurde zum ursprünglich geplanten Filmstart geführt und ist aktuell freigegeben.