Arbeitskräftemangel  „Raus aus der Komfortzone“

Oliver Bär
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Von Oliver Bär
| 22.11.2022 19:02 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 3 Minuten
Viele Unternehmen in Ostfriesland suchen händeringend nach Personal. Künftig könnte es noch schwieriger werden. Foto: Weißbrod/dpa
Viele Unternehmen in Ostfriesland suchen händeringend nach Personal. Künftig könnte es noch schwieriger werden. Foto: Weißbrod/dpa
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Um dem Arbeitskräftemangel zu begegnen, fordert der Arbeitgeberverband die Rückkehr zur üblichen 40-Stunden-Arbeitswoche. Ein Gewerkschafter hält davon nichts.

Emden – Den Unternehmen gehen die Mitarbeiter aus – auch in Ostfriesland. „Wir brauchen ein Umdenken in der Gesellschaft“, forderte Frank Wessels, Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes für Ostfriesland und Papenburg, am Dienstag bei einem Pressegespräch in Emden. Angesichts mehrerer Millionen fehlender Arbeitskräfte bis zum Jahr 2025 müssten die Menschen „raus aus ihrer Komfortzone“.

In der Gesellschaft werde über Vier-Tage-Wochen und verkürzte Arbeitszeiten geredet, dabei könne sich Deutschland dies gar nicht leisten, sekundierte Jörg Thoma, stellvertretender Hauptgeschäftsführer des Verbandes: „40-Stunden-Vollarbeit muss wieder zum Normalfall werden.“

Nicht mehr zeitgemäß

Thomas Gelder, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Leer-Papenburg, glaubt nicht daran, dass die ostfriesischen Arbeitgeber mit solchen Ideen Erfolg haben werden. „Das sind Relikte aus der Mottenkiste. Das ist doch nicht mehr zeitgemäß“, sagte der Gewerkschafter im Gespräch mit unserer Zeitung. Erfolgreich am Arbeitsmarkt würden am Ende die Unternehmen sein, die bei ihren Mitarbeitern auch auf Work-Life-Balance achteten und ihnen eine gewisse Flexibilität bieten würden. „Gerade für junge Familien sind solche Faktoren von Bedeutung.“

Die Arbeitgeber seien daher gut beraten, wenn sie die Ausbildung attraktiver machten und jungen Menschen eine Perspektive böten, so der Gewerkschafter. „Die Unternehmer müssen mehr in die weiterführenden Schulen hinein. Was spricht denn dagegen, wenn erst eine Ausbildung gemacht wird oder ein duales Studium auch im Handwerksbetrieb geboten wird?“, sagte Gelder.

Es gibt Wege abseits des Studiums

Solche Ideen treiben auch Johann Doden, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes um: „Wenn es um fehlende Fachkräfte geht, müssen sich die Unternehmen richtig ins Zeug legen, um drohende Lücken zu schließen“, sagte er. In den Schulen müsse vermittelt werden, dass es auch abseits des Studiums erfolgversprechende Wege in den Beruf gebe, forderte er. Zudem müsse das brachliegende Arbeitsmarktpotenzial bei Frauen aktiviert werden. „Dafür brauchen wir mehr Kinderbetreuungsplätze und müssen Mädchen frühzeitig vermitteln, dass es auch abseits klassischer Frauenberufe spannende Ausbildungswege gibt.“

Dennoch: Wenn Wessels auf den Emder Hafen schaut, bleibt es für ihn unverständlich, dass die Unternehmen dort händeringend nach Arbeitskräften suchten. „Früher war es doch für Schüler normal, am Wochenende zwei Schichten im Hafen abzureißen, um ordentlich in Urlaub fahren oder sich den Führerschein leisten zu können“, erinnerte Wessels an andere Zeiten. Heute scheine das niemand mehr nötig zu finden. Auch in der Gastronomie fehlten etwa Studenten, die sich eigenes Geld hinzuverdienen wollten als wichtige Aushilfskräfte.

Enorme Chancen für Ostfriesland

Große Hoffnung setzt der Arbeitgeberverband Doden zufolge in die neue rot-grüne Landesregierung. „Wir gehen davon aus, dass jetzt die Infrastrukturprojekte angeschoben werden, die politische Begleitung brauchen“, betonte er. Auf dem Zettel hat Doden dabei insbesondere die Friesenbrücke, die B210n und die Vertiefung der Fahrrinne in der Ems. Auch die grüne Regierungsbeteiligung schreckt den Hauptgeschäftsführer nicht ab.

Wenn auch die aktuelle Energiekrise schwer auf den Unternehmen lastet, gab sich Wessels zuversichtlich für den Standort Ostfriesland. „Was sich derzeit im Bereich Energie bewegt, bietet unserer Halbinsel enorme Chancen für die Zukunft“, betonte er. Allerdings müsse schnell und mit Nachdruck gehandelt werden, damit die Energiedrehscheibe Ostfriesland Realität werden könne. „Die Unternehmen folgen dann der Energie. Aber: Wir brauchen die notwendige Infrastruktur etwa für die Knock, damit sich die Unternehmen dort auch ansiedeln.“

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