Kolumne „Artikel 1, GG“  Wie Rituale einem Halt geben können

Canan Topçu
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Eine Kolumne von Canan Topçu
| 23.11.2022 09:16 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 2 Minuten
Canan Topcu
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Mittwochs geht es hier um den Umgang mit unterschiedlichen Kulturen. Heute berichtet unsere Kolumnistin, wie sie und ihre Familie eine Beisetzung überstanden, bei der so einiges schief gelaufen ist.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie haben einen Ihnen sehr lieben Menschen verloren – Ihre Frau oder Ihren Mann, Ihren Vater oder Ihre Mutter beispielsweise. Sie sind zutiefst bekümmert und daher sehr froh darüber, ein Bestattungsinstitut beauftragt zu haben, das mit den Ritualen ihrer Glaubensgemeinschaft vertraut ist und sich um alle Formalitäten, um die Trauerfeier und und um Beerdigung kümmert.

Und dann passiert das: Der Sarg wird zur Grabstelle getragen, es gibt dort aber keine Bahre, auf der er abgestellt werden kann, damit vor der Beisetzung das Totengebet gesprochen werden kann. Also wird der Sarg auf einer Parkbank abgestellt, die sich glücklicherweise am Grabfeld befindet. Es kommt noch schlimmer: Es gibt kein ausgehobenes Grab!

Zur Person

Canan Topçu (57) ist als Tochter türkischer Arbeitsmigranten in Hannover aufgewachsen. Nach der Ausbildung bei der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung wechselte die Journalistin zur Frankfurter Rundschau. Seit 2012 ist die Hanauerin freiberuflich als Autorin sowie als Referentin und Dozentin tätig.

Wie würde es Ihnen in solch einer Situation ergehen? Meine Schwestern und ich waren geschockt, weil genau das uns in der vergangenen Woche widerfuhr. Eine Aneinanderreihung von Fehlern und Verfehlungen – seitens der Friedhofsverwaltung, des Betriebshofs des Friedhofs und des Bestattungsunternehmens – hatte dazu geführt, dass ein Grab an anderer Stelle ausgehoben wurde, und dann auch noch ein Babygrab!

Eine Stunde musste die Trauergemeinde bei kaltem, regnerischen Wetter auf die Beisetzung warten und wurde dabei unfreiwillig Zuschauer eines nicht gerade pietätvollen Geschehens: dem Ausbaggern eines Grabs.

Zur Beisetzung waren sehr viele alte Menschen gekommen, Weggefährten meines Vaters; sie warteten in Kälte und Nässe, wollten ihm am Grab die letzte Ehre erweisen und gemeinsam das Totengebet sprechen. Ich bin zutiefst gerührt darüber und habe erleben dürfen, wie sehr religiöse Rituale einen in solch extremen Situationen halten können und wie wichtig eine Glaubensgemeinschaft ist!

Denke ich jetzt an die Situation auf dem Friedhof in der vergangenen Woche, dann habe ich das Gefühl, in einem Film gewesen zu sein – einer schwarzen Komödie aus England.

Kontakt: kolumne@zgo.de

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