Hamburg  Viele Mängel in Grundwasser-Messnetz - Was heißt das für den Nitrat-Streit?

Dirk Fisser
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Von Dirk Fisser
| 21.11.2022 21:18 Uhr | 0 Kommentare | Lesedauer: ca. 5 Minuten
Die Qualität des Grundwassers in Deutschland wird mithilfe eines Messnetzes überprüft. Doch an den Messstellen gab es speziell aus der Landwirtschaft immer wieder Kritik: Speziell Messwerte zum Nitrat seien möglicherweise falsch, hieß es. Das Land Niedersachsen hat nachgeprüft. Jetzt liegen Ergebnisse vor. Foto: dpa
Die Qualität des Grundwassers in Deutschland wird mithilfe eines Messnetzes überprüft. Doch an den Messstellen gab es speziell aus der Landwirtschaft immer wieder Kritik: Speziell Messwerte zum Nitrat seien möglicherweise falsch, hieß es. Das Land Niedersachsen hat nachgeprüft. Jetzt liegen Ergebnisse vor. Foto: dpa
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Nach dem Streit um zu hohe Nitratwerte im Grundwasser hat Niedersachsen Hunderte Messstellen überprüfen lassen. Was kam dabei heraus? Eine ganze Reihe von Mängeln. Alle wichtigen Fragen und Antworten:

2019 hatte das Land Niedersachsen die Überprüfung eines großen Grundwasser-Messnetzes angeordnet. Mithilfe des Messnetzes wird überprüft, ob Grenzwerte eingehalten werden - etwa für Nitrat oder Schwermetalle. Trinkwasser wird in Deutschland vielerorts aus Grundwasser gewonnen. Um so wichtiger ist es, den Zustand des Grundwassers genau im Blick zu haben.

Dazu dienen die Messstellen, bei denen es sich - vereinfacht gesagt - um Rohre handelt, die tief ins Erdreich hinabgehen und bis ins Grundwasser reichen. Wie eine Grundwassermessstelle beschaffen sein muss, ist sehr genau geregelt. Weil es speziell aus der Landwirtschaft aber Zweifel an den Nitrat-Messergebnissen und dem Zustand des Messnetzes allgemein gegeben hatte, gab das Land Niedersachsen die Überprüfung in Auftrag. Dienstleister übernahmen den Job.

In einer ersten Phase wurden 217 Messstellen kontrolliert, die in der Vergangenheit zu hohe Nitrat-Werte auswiesen. In Phase zwei überprüften die Dienstleister dann weitere mehr als 700 Messpunkte. Dazu ließen sie in beiden Phasen Kameras in die Rohre hinab und führten Pumptests durch.

Die Ergebnisse sollten Auskunft über den Zustand der Messpunkte geben und die Frage beantworten, ob sie geeignet sind, die Nitrat-Belastung des Grundwassers zu bestimmen.

2021 präsentierte das Umweltministerium in Hannover die Auswertung der ersten Phase. Unserer Redaktion liegen die Ergebnisse der zweiten Phase sowie eine Unterrichtung der Landesregierung vor. Zusammengenommen geben die Berichte einen Eindruck vom Zustand des Messnetzes. Und der ist nicht unbedingt positiv.

Addiert man die Ergebnisse der beiden Überprüfungsphasen, kontrollierten die Dienstleister 925 Messstellen in Niedersachsen. Bei etwa jeder Fünften entdeckten sie mehr oder minder schwere Mängel.

Leichte Mängel konnten Verschmutzungen sein, die sich leicht entfernen lassen. Im Innern der Rohre befanden sich teils Blätter oder Äste, aber auch Metallstücke oder in einem Fall ein Kugelschreiber.

In anderen Fällen waren die Probleme gravierender, die Funktion der Messstelle nach Auffassung der Prüfer nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr gegeben: Die Kamerabilder zeigten beispielsweise Rost oder Risse, über die Oberflächenwasser in die Messstelle eindringen und die Grundwasserwerte verfälschen könnte.

34 Messstellen waren bei den Überprüfungen in einem so schlechten Zustand, dass sie gleich als nicht funktionsfähig eingestuft wurden. Für 41 Messpunkte konnten keine Angaben gemacht werden, beispielsweise, weil das Rohr derart blockiert war, dass die Kamera nicht hinabgelassen werden konnte. In diesen Fällen ist bereits oder soll noch einmal nachgeprüft werden.

Die Kritik an den Nitrat-Werten des Messnetzes war Auslöser für die landesweite Überprüfung. Nach den vorliegenden Ergebnissen haben sich die Zweifel aber nur in Einzelfällen bestätigt. Nicht alle festgestellten Mängel haben zwangsläufig Auswirkungen auf den Nitrat-Messwert.

Unserer Redaktion liegt eine Unterrichtung der Landesregierung vor, in der die Minister und Ministerinnen über die Kontrollergebnisse informiert werden. Darin heißt es: Insgesamt seien in den beiden Phasen 76 Messstellen als nicht funktionsfähig oder als nicht für Nitrat-Messungen geeignet eingestuft worden.

Die Mehrzahl davon - 62 - war allerdings erst in der zweiten Phase entdeckt worden, sprich: hatte in der Vergangenheit keine erhöhten Nitrat-Werte ausgewiesen und damit keinen Anlass zur Kritik gegeben. Alle 76 Messpunkte sind mittlerweile aus dem Messnetz entfernt und teils durch Neubauten ersetzt worden.

Auf Anfrage unserer Redaktion teilt das Umweltministerium mit, dass keine der fraglichen Messstellen für die aktuellen Ausweisungen der sogenannten roten Gebiete herangezogen werden soll. In denen dürfen Landwirte nur noch eingeschränkt Dünger auf die Felder ausbringen.

Gülle, Gärreste aus Biogasanlagen oder Kunstdünger gelten als Haupteintragsquelle des Nitrats in die Umwelt. Zu viel Nitrat ist umwelt- und potenziell auch gesundheitsschädlich. Wasserwerke müssen das Grundwasser im Zweifelsfall aufwändig reinigen, um das Nitrat herauszufiltern.

Deutschland ist nach EU-Gesetzgebung gehalten, das Grundwasser zu schützen. In der Vergangenheit hat die Bundesrepublik aber regelmäßig zu hohe Nitrat-Werte nach Brüssel gemeldet. Der Grenzwert liegt bei 50 Milligramm je Liter. Allerdings: Das Messnetz war lange Zeit auch deutlich kleiner als in vielen anderen EU-Ländern. Eine einzige Messstelle sorgte somit dafür, dass in großen Gebieten das Grundwasser als belastet galt.

Die Regelwächter der EU schlossen aus den Ergebnissen, dass Deutschland zu wenig zum Schutz des Grundwassers unternimmt, verklagten die Bundesrepublik und bekamen Recht. Bessert sich die Lage hierzulande nicht, drohen in einem nächsten Schritt hohe Strafzahlungen.

Die Politik in Berlin und in den Bundesländern hat in den vergangenen Jahren immer wieder die Regeln zum Düngen angepasst. Landwirte monieren, die optimale Versorgung der Pflanzen mit Nährstoffen sei so nicht mehr gegeben. Die Ernte falle am Ende schlechter aus.

Nach den jüngsten Regeländerungen müssen in Deutschland Messnetze ausgeweitet werden. Das Umweltministerium geht davon aus, dass allein in Niedersachsen 400 neue Messstellen gebaut werden müssen. Den Stückpreis taxiert das Ministerium mit durchschnittlich 10.000 Euro.

Hinzu kommen die teils maroden Messstellen, die im Zuge der landesweiten Überprüfung entdeckt worden waren und ersetzt werden müssen. Das Vertragsverletzungsverfahren in Brüssel läuft vorerst weiter gegen Deutschland.

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