Vorfälle mit betrunkenen Gästen Wenn Restaurants auf Alkohol verzichten
Zwei Gastronomen in Rhauderfehn verkaufen weder Bier noch Schnaps – wird das ein Trend? Sie erklären warum, was sagen ihre Mitbewerber und die Dehoga?
Rhauderfehn - Es ist drei Uhr nachts. Fußballfans strömen noch immer nach Spielende zum Dönerladen, der direkt neben dem Bremer Weserstadion liegt. Sie sind betrunken und wollen noch mehr Alkohol. Als die Betreiber schließlich den Ausschank verweigern, kommt es zum Streit. „Wir konnten nicht sagen, dass Schluss ist, weil wir vorher Alkohol ausgeschenkt haben. Man kann dann nicht sagen, es gibt keinen mehr“, erinnert sich Esme Gökalp an ihre Bremer Zeit. Deshalb gibt es in ihrem Restaurant an der Rhauderwieke keinen Alkoholausschank.
Mit ihrem Mann Osman betreibt sie seit mehr als 15 Jahren Gastronomie, Dönerläden in Leer, Friesoythe und den Laden nahe des Bremer Weserstadions. Die Läden sind verkauft. Seit Sommer dieses Jahres betreiben Gökalps das Holzofen-Restaurant in der Rhauderwieke in Rhauderfehn. Auch Sohn Houssein arbeitet mit im Betrieb. Aus den vergangenen Vorfällen zogen sie Konsequenzen. Im „Gökalp“ gibt es keinen Alkohol.
Vorfälle mit betrunkenen Gästen
Auch wenn am Gebäude selbst weder Tafeln noch Speisenkarten darauf hinweisen, habe es sich in Rhauderfehn längst herumgesprochen, dass es bei ihnen nichts Hochprozentiges gibt. „Das gesamte Restaurant wird ohne Alkohol betrieben. Die Gerichte sind 100 Prozent alkoholfrei, das ist normal für die türkische Küche“, erläutert die Inhaberin.
Die Gaststättenbetreiber haben zwei junge Kellnerinnen vom Vorgänger „Del Sole“ übernommen. Auch hier habe es im Zusammenhang mit Alkoholkonsum Schwierigkeiten gegeben. Die jungen Frauen seien von Betrunkenen belästigt, in Einzelfällen auch angefasst worden. „Es gab viele Kurze. Einige haben kein Limit gekannt“, so Esme Gökalp. Das soll in Zukunft vermieden werden. Hinter der Theke reihen sich Rotkäppchen, Bitburger, Heineken, Krombacher und Freixenet in alkoholfreier Variante. Weizen und Radler laufe im „Gökalp“ wie Fanta, Cola und Sprite. Ganz oben auf der Speisenkarte steht „100 Prozent Helal“. Das türkische Wort bedeutet„ rein“, „erlaubt“ und bezeichnet alles, was nach islamischem Recht erlaubt ist. Die Entscheidung gegen Alkohol habe für die Restaurantbetreiber aber keinen religiösen Hintergrund, sagt er. In der Türkei werde ohnehin bereits seit Jahren Alkohol ausgeschenkt, was vor 30 Jahren noch verboten war. Auch privat verzichte Familie Gökalp auf Promille.
Nicht der einzige Gastronom ohne Alkohol
Für ihr Holzofen-Restaurant gebe es aber Ausnahmen. Familien dürfen Alkohol zu besonderen Anlässen wie Hochzeit, Weihnachten und Sylvester mit ins Restaurant bringen. „Das müssen sie aber vorher ankündigen“, betont Esme Gökalp. „Ich weiß, in Deutschland geht Weihnachten ohne Wein nicht.“
Könnten Gökalps mit ihrem Konzept Trendsetter im Gastronomiebereich werden? Kirsten Jordan, Geschäftsführerin vom Dehoga Kreisverband Region Hannover, bezweifelt das. Zwar sei die Gastronomie bunt und vielfältig, es gebe bereits Spezialrichtungen wie vegetarische oder vegane Restaurants, so wird es auch Betriebe geben ohne Alkohol. Das sei aber kein Massenphänomen, weiß Jordan. Wer zur Pizza Bier möchte, ist auch bei Pizzeria Almas an der falschen Adresse.
Alkohol ist ein Genussmittel
Das Gebäude in der 1. Südwieke Rhauderfehn liegt fußläufig zu drei weiterführenden Schulen und werde von Schülerinnen und Schülern hoch frequentiert. „Wegen der Kinder haben wir keine Getränke mit Altersbeschränkung, keinen Alkohol und keine Energydrinks wie Red Bull“, erläutert Inhaberin Amina Gru.
Die Getränkeliste der Eisdiele und Pizzeria „Bei Bruno“ in Rhauderfehn bietet beides, alkoholisches und alkoholfreies. „Alkohol ist einfach ein Genussmittel. Man möchte auch genießen und zelebrieren. Und es sollte gemütlich sein, da gehört oft auch ein Glas Wein oder Bier dazu“, so Besim Orllati, der gemeinsam mit seiner Frau Arlinda den Gastronomiebetrieb in Rhauderfehn führt. Als Zusatzverkauf zum Essen sei der Bierverkauf sehr hoch, vor allem im Sommer steige die Nachfrage. Dennoch gebe es unter den Gästen des Restaurants den Trend hin zu mehr fleischlosen Gerichten und alkoholfreien Getränken. Entsprechend haben sie das Angebot angepasst. Restaurants ohne Alkoholausschank begrüßen die Orllatis: „Wir sehen sie nicht als Konkurrenten. Es ist mal was anderes, was es in Rhauderfehn gibt.“ Generell sorge die Türkische, Italienische und Deutsche Küche vor Ort für mehr Vielfältigkeit.
Probleme mit Betrunkenen sind selten
Probleme mit alkoholisierten Gästen, wie am letzten Vatertag, seien selten. „Man kann mit den Leuten reden, wir konnten das klären“, zeigt sich Besim Orllati zufrieden. Konsum oder Verzicht. Da sei eine Frage der Gewohnheit, meint Thorsten Hellwig, Sprecher bei Dehoga Nordrhein-Westfalen. Im Sauerland eröffnete kürzlich der Gastronom Manfred Stell einen alkoholfreien Landgasthof. Es ist der Erste der Region. „Neue Angebote können auch Gewohnheiten ändern. Am Ende entscheidet der Markt, was geht“, so Hellwig. „Vor 15 Jahren hätte man auch noch nicht gedacht, dass das Burger-Konzept so gut funktioniert.“